Die Formel 1 war nicht immer so perfekt, wie sie sich heute präsentiert. Früher gehörten zur Formel 1 immer auch die Bastler, die dabei sein wollten und manchmal auch den Mut hatten, neue Ideen auszuprobieren. Einige, wie Lotus-Gründer Colin Chapman oder Frank Williams wurden dank ihrer Innovationsfähigkeit bald zu gefeierten Technik-Stars. Andere verschwanden in der Versenkung.

In den 1960er und 1970er-Jahren galt die britische Insel als das Mekka der Formel-1-Bastler. Doch in den Anfangstagen der Formel 1, direkt nach dem Zweiten Weltkrieg, lag das Epizentrum der Szene in Italien. Mit Alfa Romeo, Ferrari oder Maserati und zeitweise auch Lancia kämpften alle wichtigen italienischen Nobelmarken der Zeit in der Formel 1 um Erfolge. Und nebenbei sorgten sie dafür, dass sich in der Region weitere Rennteams bildeten.

Auftritt Emilio und Arialdo Ruggeri, Auftritt Scuderia Milano

Die Brüder Emilio und Arialdo Ruggeri tauchen bereits 1947, als der Motorsport im zerstörten Europa wieder Formen annimmt, im Grand Prix Sport auf. Bei Maserati kaufen sie gleich drei 4CL, die sie unter den Namen Scuderia Milano an den Start bringen. Mit Raymond Sommer, als zweifacher Le Mans Sieger einer der Stars der Szene, greift dabei sogar ein recht renommierter Pilot seiner Zeit ins Lenkrad.

„Raymond Löwenherz“, wie die Fans den Franzosen wegen seiner meist beherzten Fahrweise rufen, sitzt dabei in einem Maserati, dessen Motor der Motorenbauer Mario Speluzzi überarbeitet hat. Der Professor der Technischen Hochschule Mailand hat den Maserati-Motor mit einem von ihm konstruierten Kompressor bestückt. Auf dem Papier soll das ein Vorteil sein, doch in der Realität bleibt der Motor mit dem Zweistufengebläse hinter den Erwartungen zurück.

Trotzdem wird die Zusammenarbeit zwischen den Brüdern Ruggeri und dem Professor, der eigentlich ein Experte für Schiffsmotoren ist, immer enger. Zum Auftakt der Formel 1 Weltmeisterschaft 1950 kaufen die Brüder Ruggeri bei Maserati erneut zwei Rennwagen, deren Motoren Speluzzi überarbeitet. Doch der ursprünglich bereits 1939 konstruierte Maserati 4CLT/50 erweist sich nicht als konkurrenzfähig. Alfa dominiert die Rennen der Auftaktsaison. Für die Privatteams fallen allenfalls Achtungserfolge ab.

Die Scuderia Milano verzettelt sich

Der Zeitplan gerät ins Wanken. Denn nicht nur beim Motor verwirklicht das Team eigene Ideen, auch das Fahrgestell der Maserati versucht man zu verbessern. Techniker Enrico Franchini baut an einem Wagen die Hinterachse nach dem Vorbild der schnellen Alfa Romeo und Ferrari um. Wo in den Maserati-Werkswagen eine Pendelachse für Traktion sorgt, vertraut die Scuderia Milano auf eine De-Dion-Achse.

Doch offensichtlich ist man sich nicht sicher, ob diese im Maserati wirklich einen Vorteil bringt. Denn im zweiten Rennwagen des Teams kürzt man zwar auch den Radstand, konstruiert eine andere Hinterradaufhängung. Erst zum vierten Saisonlauf in der Schweiz ist man einsatzbereit. Immerhin sichert Pilot Felice Bonetto der Scuderia Milano dabei auf der Rennstrecke von Bremgarten mit einem fünften Platz zwei WM-Punkte, obwohl dem Team während des Rennens in der Box die Tankanlage explodiert.

Bis 1953 tritt die Scuderia Milano mit den beiden Maserati und wechselnden Piloten gelegentlich bei Läufen zur Formel 1 Weltmeisterschaft an. Doch so sehr sich das Team auch streckt, die Punkte vom Debüt bleiben die einzigen Punkte, die das Team je gewinnen kann. Trotzdem muss irgendwann die Idee entstanden sein, einen eigenen Rennwagen zu entwickeln. Vermutlich locken die neuen und kostengünstigeren Regeln, die man 1954 für die Formel 1 einführte.

Professor Speluzzi konstruiert dafür einen Formel 1 Motor

Speluzzi entscheidet sich für einen luftgekühlten Reihenachtzylinder mit zwei obenliegenden Nockenwellen. Gleich acht Solex-Vergaser sollen dem 2,5 Liter großen Motor das zündfähige Gemisch aufbereiten. Mit 310 PS bei 9.000 Umdrehungen soll der Motor die Formel 1 rocken. Immerhin ist belegt, dass der Motor des Ruggeri Grand Prix rund acht Stunden auf dem Prüfstand der Hochschule in Mailand gelaufen ist.

Motor des Ruggeri Grand Prix von 1954
Der (unvollständige) Reihenachtzylinder des Ruggeri Grand Prix. Konstruiert 1953/54 von Professor Speluzzi, einem Experten für Schiffsmotoren.

Für den Motor konstruiert man auch ein „eigenes“ Chassis, das man Ruggeri Grand Prix nennt. Bei diesem fallen die im Vergleich zu den andern Formel 1 Rennwagen der 2,5 Liter Epoche recht kleinen Abmessungen auf. Trotzdem glaube ich nicht, dass der Ruggeri Grand Prix 1954 keine echte Neukonstruktion ist. Im Kern handelt es sich bei dem Rennwagen wohl um einen der bereits 1950 stark modifizierten Maserati des Teams.

Damals eine übliche Praxis, wie auch der Verbleib des Zweiten ab 1950 von der Scuderia Milano überarbeiteten Maserati dokumentiert. Denn diesen Rennwagen verkaufte Arialdo Ruggeri an den Fahrzeugbauer Arzani-Volpini. Dort entstand aus dem Maserati der Scuderia Milano der „Arzani-Volpini Special“ mit dem Mario Alborghetti 1955 in Pau tödlich verunglückte.

Ähnlichkeit zum Bugatti 251

Der Ruggeri Grand Prix verfügt über einige interessante Details, die erst jetzt an das Fahrzeug kamen. Neben auch heute noch modern wirkenden Dreieck-Lenkern an der Vorderachse verfügt der Ruggeri Grand Prix über ein System, mit dem der Pilot während der Fahrt vom Sitz aus die Federung verstellen kann. Und mit dem hinter dem Piloten quer eingebauten Reihenachtzylinder ähnelt das Konzept des Ruggeri auffallend stark dem Bugatti 251.

Das Chassis des Ruggeri Grand Prix von 1954
Das Chassis des Ruggeri Grand Prix von 1954. Der Rennwagen wurde nie fertiggestellt.

Wahrscheinlich ist auch das kein Zufall, denn der Bugatti 251 wurde etwa zeitgleich vom Ex-Maserati Konstrukteur Gioacchino Colombo ebenfalls in Mailand entworfen. Heute ist nicht mehr aufzuklären, wer hier bei wem abgekupfert hat. Klar ist nur, während Colombos Bugatti den 251 beim Großen Preis von Frankreich 1955 tatsächlich an den Start brachte, blieb dieser Erfolg der Scuderia Milano verwehrt.

Der Ruggeri Grand Prix blieb ohne Einsatz

Den Brüder Ruggeri ging das Geld aus, bevor man den Wagen fertigstellen konnte. Der Ruggeri Grand Prix sah niemals eine Rennstrecke, bekam noch nicht einmal mehr eine Karosserie. Nach der Pleite floh Arialdo Ruggeri vor den Gläubigern nach Argentinien. Graf Lurani, später Erfinder der Formel Junior, kaufte das Chassis und die beiden gebauten Motoren, zeigte aber nie ein echtes Interesse an der Fertigstellung des Rennwagens. Die Scuderia Milano und der Ruggeri Grand Prix gerieten damit in Vergessenheit.

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