Unverhofft kommt oft. Im „Musée des 24 Heures Circuit de la Sarthe“ fand ich mit dem SOCEMA GRÉGOIRE ein Turbinenauto, das ich bisher noch gar nicht auf dem Zettel hatte.

Eigentlich war ich in Le Mans, um mit Karla eine Fotogeschichte auf der Rennstrecke des legendären 24-Stunden-Rennens zu produzieren – Stichwort #SilverRed2016. Doch zum Glück nahmen wir uns dabei die Zeit für einen Besuch im „Musée des 24 Heures Circuit de la Sarthe“. Anders als der Name des Museums vermuten lässt, würdigt die Ausstellung nicht nur die Geschichte des Rennens im Herzen Frankreichs.

In einem Teil der Ausstellung geht es eher allgemein um die Geschichte des Automobils. Ausführlich beschäftigt sich das Museum mit Amédée Bollée. Der Juniorchef einer Glockengießerei in Le Mans baute ab 1873 im elterlichen Betrieb Dampfautos. Fünf Jahre später startete die Serienproduktion. Daneben gibt es im „Musée des 24 Heures Circuit de la Sarthe“ weitere automobile Besonderheiten zu bestaunen.

SOCEMA GRÉGOIRE als Neustart von Hotchkiss

Im hinteren Teil der Ausstellung entdeckte ich den französischen Turbinen-Prototyp SOCEMA GRÉGOIRE. 1952 entwarf Jean Albert Grégoire, übrigens ein gelernter Jurist, das Fahrzeug mit der aufregenden Aluminium-Karosserie. Die Kuratoren des Museums in Le Mans schreiben dem Prototypen einen cw-Wert vom 0,20 zu. Gut möglich, dass das etwas optimistisch ist. Aber das spielt eigentlich keine Rolle. Denn faszinierend ist die Form des SOCEMA GRÉGOIRE auf jeden Fall.

Für Frontantriebspionier Grégoire war das Coupé nicht das erste Experiment mit einer Aluminium-Karosserie. Schon 1937/38 entwarf Grégoire den Amilcar Compound. Das später als Hotchkiss Ten verkaufte Fahrzeug verfügt über eine Karosserie aus der Aluminiumlegierung Alpax. 1941 folgte in Zusammenarbeit mit Aluminium Français der AFG Grégoire. Aus diesem Entwurf wurde nach dem Zweiten Weltkrieg der Panhard Dana X. Dazu übernahmen auch Kendall in Großbritannien und Hartnett in Australien das Design des AFG Grégoire.

Auch Hotchkiss nahm die Fertigung von Automobilen nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auf. Zusammen mit Jean Albert Grégoire, der zwischenzeitlich auch ein Elektrofahrzeug entwarf, entstanden mehrere Fahrzeuge. Doch die Stückzahlen blieben überschaubar. Doch der Name Hotchkiss war stark mit Panzern und Waffen verbunden. Nicht die besten Voraussetzungen, um in der jetzt zivilen Welt durchzustarten. „Nur“ als Motoren- und Nutzfahrzeughersteller konnte sich Hotchkiss allerdings halbwegs etablieren.

SOCEMA GRÉGOIRE im Musée des 24 Heures Circuit de la Sarthe
Einlass der Turbine des SOCEMA GRÉGOIRE (Foto: Karla Schwede)

Zudem fertigte Hotchkiss mit seinem Tochterunternehmen Société Financière Industrie et Automobile (SFIA) den Ur-Jeep von Willys-Overland in Lizenz. Parallel dazu entstand die Société de Constructions et d’Équipements Mécaniques pour l’Aviation (SOCEMA), um Flugmotoren zu fertigen. Wobei das Geld für dieses Unternehmen hauptsächlich von der Compagnie Électro-Mécanique (CEM) kam. Hotchkiss, finanziell nach dem Zweiten Weltkrieg nicht auf Rosen gebettet, bringt das Auto-Knowhow ein.

Für die Serie zu teuer

Die SOCEMA entwirft eine 100 PS starke Kerosin-Turbine. Turbinen galten damals als möglicher Automotor der Zukunft. Daher entwarf Jean Albert Grégoire, der Neuerungen grundsätzlich sehr offen entgegentrat, rund um die Turbine den SOCEMA GRÉGOIRE. 1952 ist der Prototyp auf Basis eines Hotchkiss-Grégoire fahrbereit. SOCEMA präsentiert das Fahrzeug auf dem Autosalon in Paris. Bei Testfahrten erreicht der SOCEMA GRÉGOIRE eine Geschwindigkeit von 200 Kilometern pro Stunde. Doch den Entwicklern ist das Fahrverhalten nicht geheuer. Dem Turbinen-Fahrzeug fehlt konstruktionsbedingt die Bremsleistung des Motors.

Zudem kommen Zweifel auf, ob sich ein Sportwagen mit Turbinenantrieb und dem Namen einer neuen Marke wirtschaftlich zum Erfolg führen lässt. Daher verwarfen die Beteiligten das Konzept 1953 wieder. CEM baute weiter Lokomotiven und trat in der Autowelt nicht weiter in Erscheinung. Hotchkiss übernahm kurze Zeit später den französischen Automobilhersteller Delahaye. Doch auch damit etablierte sich Hotchkiss nicht dauerhaft als Autobauer. Das Unternehmen beschränkte sich auf den Bau von Jeeps und Nutzfahrzeugen und verlor 1956 seine Unabhängigkeit.

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