Zur guten Tradition unseres Auto-Blogs gehört, automobile Geburtstagskinder zu würdigen. In der jüngeren Vergangenheit ist das etwas in Vergessenheit geraten. Schade eigentlich, denn der Autojahrgang 1976 hält einige interessante Fahrzeuge bereit. Der Ford Fiesta gehört mit Sicherheit dazu.

Bis in die 1960er-Jahre war das Prinzip Kleinwagen einfach. Ob Hillman Imp, Renault 8, Simca 1000 oder Fiat 600 – Kleinwagenbauer vertrauten nach dem Vorbild VW Käfer aus Kostengründen auf Heckmotor und Heckantrieb. Ausnahmen von dieser Regel waren selten. Beim Citroën 2CV (ab 1949), im Trabant (ab 1958), dem Mini (ab 1959) und auch beim Renault R4 (ab 1961) gab es Frontmotoren und Frontantrieb. Doch die Mehrzahl der Kleinwagen sahen anders aus.

Henry Ford II und der Ford Fiesta Mk I
Henry Ford II und der Ford Fiesta Mk I (Foto: Ford)

Erst Ende der 1960er / Anfang der 1970er-Jahre ändert sich das langsam. Autobianchi A112, Fiat 127, Peugeot 104 und der Audi 50 definieren die Klasse der Kleinwagen neu. Zum neuen Kleinwagen-Standard werden quer eingebaute Frontmotoren, Frontantrieb sowie eine Fahrgastzelle, die vier erwachsenen Personen und Gepäck Platz bietet.

Ford hat keinen Kleinwagen

Ford fehlt Anfang der 1960er-Jahre ein Kleinwagen. Das tut weh, weil sich Kleinwagen in Europa nach der ersten Ölkrise einer großen Nachfrage erfreuten. Henry Ford II gibt daher im September 1972 den Startschuss für die Entwicklung des ersten Kleinwagens bei Ford. Innerhalb von knapp drei Jahren soll unter dem Codenamen Bobcat, wie in Amerika der Rotluchs heißt, ein moderner Kleinwagen entstehen.

Mehr als 100 Millionen DM stellt Ford seinen europäischen Töchtern als Entwicklungsbudget bereit. Die Entwicklungsarbeit teilen sich Ford Köln und Ford Großbritannien. Tom Tjaarda von Ghia übernimmt das Design. Unter seiner Regie entstehen neben einem Dreitürer auch eine Version mit fünf Türen sowie ein Kleinlieferwagen. Unter der Motorhaube vertraut Ford auf Motoren von 1,0 bis 1,6 Liter Hubraum, die quer eingebaut sind und die Vorderachse antreiben.

Mit dem Fiesta stellt Ford 1976 einen modernen Kleinwagen auf die Räder.
Mit dem Fiesta stellt Ford 1976 einen modernen Kleinwagen auf die Räder. (Foto: Ford)

Das Fahrwerk des kleinen Ford verfügt an der Vorderachse über eine MacPherson-Radaufhängung. Hinten kommt eine Starrachse mit Längslenkern und Panhardstab zum Einsatz. Ende 1973 erfolgt die Produktionsfreigabe. Kurze Zeit später beginnt Ford in der Nähe von Valencia mit dem Bau eines neuen Werks. Am 18. Oktober 1975 eröffnen Henry Ford II und König Juan Carlos von Spanien die neue Produktionsstätte, die bis zu 500.000 Fiesta pro Jahr ausstoßen soll, offiziell.

Henry Ford II legt den Namen fest

Obwohl der Kleinwagen auch in Deutschland und Großbritannien vom Band laufen soll, sorgt das neue Werk in Spanien auch für den Namen. Zur Würdigung der neuen spanischen Produktionsstätte legt Henry Ford II persönlich fest, dass der neue Kleinwagen als Ford Fiesta auf den Markt kommen soll. Keine ganz unproblematische Entscheidung. Denn eigentlich liegen die Namensrechte am Begriff „Fiesta“ bei der GM-Tochter Oldsmobile. Doch die US-Autobauer einigen sich. Ford übernimmt den Namen.

Im Juni 1976 zeigt Ford den Fiesta im Rahmen der 24 Stunden von Le Mans der Öffentlichkeit. Ab September 1976 steht der Ford Fiesta in Frankreich (gebaut in Valencia) und Deutschland (gebaut in Saarlouis) bei den Händlern. In Großbritannien dauert es noch bis zum Januar 1977, bis der Verkauf des neuen Kleinwagens von Ford startet. Die Rechtslenker fertigt Ford im britischen Werk von Dagenham, dort läuft die Produktion mit etwas Verspätung an.

Fiesta in den USA

In Deutschland steht die Einstiegsversion, der Fiesta 1,0-Liter mit 40 PS Leistung, zum Preis von 8.440 DM in den Preislisten der Händler. Ein Novum ist die beheizbare Heckscheibe, über die der Ford Fiesta als erster Kleinwagen verfügt. Von 1977 bis 1980 verkauft Ford den Kleinwagen auch in den USA. Die in Saarlouis gebaute US-Version verfügt über die typischen ausladenden US-Stoßfänger, zusätzliche seitliche Begrenzungsleuchten und runde Scheinwerfer.

Ford bot den Fiesta auch in den USA an.
Ford bot den Fiesta auch in den USA an. (Foto: Ford)

Dazu gibt es in den USA optional eine in Europa nicht erhältliche Klimaanlage. Zudem rüstet Ford den 1,6-Liter-Motor der US-Version mit einem Katalysator aus. Doch das große Geschäft ist das nicht. Die Kunden im Land der Straßenkreuzer erwärmen sich nie wirklich für den kleinen Europäer. Der Ford Fiesta bleibt in den USA ein Exot.

Starterfeld im Ford Ladies Cup 1982
Starterfeld im Ford Ladies Cup 1982 (Foto Ford)

Anders als in Europa. Hier verkauft sich der Fiesta ausgesprochen gut. Schon 1979 feiert Ford eine Million Fiesta. Wegen des Erfolgs verlegt Ford die Produktion in Deutschland von Saarlouis nach Köln. Im März 1981 läuft in Köln zwei-millionste Fiesta vom Band.

Selbst 1982 – nach sechs Jahren Bauzeit – ist der Fiesta sowohl in Großbritannien als auch in Deutschland immer noch die Nummer eins in seinem Segment. Dabei spielt auch eine Rolle, dass Ford mit dem Fiesta XR2 ab 1981 einen ganz heißen Kleinwagen im Programm hat. Der sorgt zwar nicht für Stückzahlen, beflügelt aber das Image.

Gleichzeitig sorgt auch der ab 1982 ausgeschriebene Ford Ladies Cup für viele positive Berichte. Denn mit dem Markenpokal ist der Fiesta nicht nur im Rahmenprogramm der Deutschen Rennsport Meisterschaft beziehungsweise der Deutschen Produktionswagen Meisterschaft (ab 1984), sondern auch regelmäßig im Fernsehen präsent.

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