1966 war der „Coupe Gordini“ für den Renault 8 Gordini der Urvater aller Markenpokale

Ob aktuell Porsche Carrera Cup, Ginetta Junior Championship oder früher der Renault-5-Pokal, die Geschichte der Markenpokale im Motorsport ist lang. Dabei verbinden sie traditionell die Werbung für ein Fahrzeug mit der Nachwuchsförderung. Schließlich beweisen sich in einem Markenpokal alle Piloten mit dem gleichen Material, was Talent gnadenlos sichtbar macht. Kein Wunder, dass viele später erfolgreiche Rennfahrer aus einem Markenpokal stammen.

Schon 1966 schrieb Renault mit dem „Coupe Gordini“ den ersten Markenpokal aus. Damit begründeten die Franzosen eine Tradition, ohne die heute Nachwuchsförderung im Motorsport unvorstellbar ist. Obwohl der „Coupe Gordini“ noch nicht die Popularität seiner Nachfolger erreichte, verfügte auch der Urvater aller Markenpokale über alles, was diese Wettbewerbe bis heute ausmacht. Denn im Rennen mit identischen Fahrzeuge steht das Leistungsvermögen der Fahrer im Vordergrund.

Einsatzgerät des ersten Motorsport-Markenpokals war der Renault 8. Der kantige Nachfolger der Dauphine war mit Einzelradaufhängungen an allen vier Rädern und Scheibenbremsen an der Vorderachse beim Debüt im Herbst 1962 eine fortschrittliche Konstruktion. Sein zunächst „Sierra“ genannter Vierzylinder mit fünffach gelagerter Kurbelwelle und einem Aluminium-Zylinderkopf war ebenfalls eine Neuentwicklung. Renault bot diesen von Fernand Picard entwickelten Motor seit dem Frühjahr 1962 im Coupé Floride S an.

Mit 956 ccm und 51 PS galt der Motor als sportlich. Trotzdem ahnte damals wohl niemand, dass Renault diesen Motor bis ins neue Jahrtausend bauen würde. Im Renault R5 Turbo der Gruppe B stieg die Leistung des Aggregats später auf mehr als 400 PS an. Als „Renault C-Type“ trieb der Motor im Alltag auch die Modelle R8/10, R9/11, R12, R15, R18, R 19, R21 und Twingo an. Erst 2004 endete die Produktion des Motors. Bis dahin entstanden mehr als 27 Millionen Exemplare des Triebwerks.


Amédée Gordini nimmt sich Motor und Renault 8 vor

Tuner Amédée Gordini, wenige Jahre zuvor noch mit einem eigenen Fahrzeug in der Formel 1 aktiv, entwickelte sofort nach dem Debüt des neuen Motors einen Zylinderkopf und eine modifizierte Kurbelwelle. Damit stieg die Leistung des 1-Liter-Motors bereits auf rund 90 PS an. René Bonnet setzte den von Gordini modifizierten Motor 1962 in Le Mans in seinem Mittelmotorsportwagen Djet sowie einem Formel-3-Rennwagen ein. Und wie schon beim Vorgänger Dauphine gab es bald auch einen Renault 8 mit dem Label Gordini.

Um die Standfestigkeit zu erhöhen, bohrte Gordini dazu den Motor auf 1.108 ccm auf. So standen freundliche und standfeste 86 PS zur Verfügung. Mit einem Gewicht von 750 kg war der Renault 8 Gordini ein echtes Sportgerät. Das sportliche Fahrverhalten unterstützten verkürzte Federwegen. Zusammen mit hydraulischen Stoßdämpfern und einem extrem negativen Sturz an der Hinterachse sorgte das für eine gute Straßenlage. Wer Lastwechselreaktionen vermeidet, kann mit dem R8 Gordini extrem hohe Kurvengeschwindigkeiten erreichen.

Für Verzögerung sorgen im Gordini vier serienmäßige Scheibenbremsen. Das ist beim 1964 Debüt des Sportlers in der Kompaktklasse eine Sensation. Der französischen Rennsport-Tradition folgend, sind die Mehrzahl der ausgelieferten Fahrzeuge in der französischen Rennfarbe „Bleu France 418“ lackiert. Ein großer Schriftzug „Gordini“ am Heck sowie weiße Doppelstreifen auf dem Kofferraumdeckel, dem Dach und der Motorhaube gewinnen schnell Kultstatus. Doch der Renault 8 Gordini ist kein Styler, er ist von Anfang an ein erfolgreiches Sportgerät.

Bilder zum Coupe Gordini

Schon 1964 bis 1966 gewinnen Renault 8 Gordini dreimal in Folge die anspruchsvolle Rallye Tour de Corse. Das sorgt für Aufmerksamkeit und macht den Gordini besonders in Frankreich endgültig zum Traum vieler Sportfahrer. Nach zwei Jahren Bauzeit erweitern Renault und Gordini 1966 den Hubraum des kompakten Sportlers auf 1.255 ccm. Zudem weichen die Vergaser von Solex Doppelvergasern von Weber. Das bringt zwar „nur“ zwei zusätzliche Pferdestärken, sorgt aber nur einen deutlichen Zuwachs des Drehmoments.

Zeitgleich mit der Hubraumerweitertung schreibt Renault speziell für Nachwuchsfahrer erstmals den „Coupe Gordini“ aus. Professionelle Rennfahrer lässt das Reglement ausdrücklich nicht zu. Das Einsatzgerät des neuen Wettbewerbs ist der serienmäßige Renault 8 Gordini. Ein enges Reglement erlaubt kaum Veränderungen. Gestattet sind nur die Nachrüstung eines Sportlenkrads, einer Öldruckanzeige und der Einbau härterer Stoßdämpfer. Renault will, dass in diesem Wettbewerb die Fahrer und nicht das Material über Sieg und Niederlage entscheiden.

Mit Helm und ohne Gurt … zu höheren Aufgaben

Zum umfangreichen Rennkalender der Debütsaison gehören zwölf Rundstreckenrennen, 27 Rallyes und 17 Bergrennen. Dabei ist ein Helm – anders als der Sicherheitsgurt – Pflicht. Gerade auf der Rundstrecke liefern sich die Gordini sofort herzerfrischende Wettbewerbe. Oft wird Tür an Tür gefahren, Lackaustausch und Anklopfen sind – zur Freude des Publikums – im „Coupe Gordini“ Standard. Das lockt immer mehr Piloten in den „Coupe Gordini“, sie reißen Renault die Startplätze quasi aus der Hand.

1969 muss Renault wegen der großen Nachfrage eine Vorqualifikation einführen. Der Autobauer lässt nur noch 40 Piloten und 15 Ersatzstarter zum „Coupe Gordini“ zu. Sie lockt, dass sich der Markenpokal vom Start weg als gutes Sprungbrett in den professionellen Motorsport erweist. Denn bereits im Debütjahr gehören Jean-Luc Thérier, Robert Mieussett und Jean-Pierre Jabouille zu den Teilnehmern. Nach seinem Cup-Sieg erhält Mieussett einen Vertrag als Werkspilot bei Matra.

Jabouille wechselt aus dem Markenpokal in die französische Formel 3 Meisterschaft. Dort wird der spätere Renault-Formel-1-Pilot 1968 hinter François Cevert Vize-Meister. Jean-Luc Thérier wird Werksfahrer bei Alpine. Dort dominiert Thérier kurze Zeit später die Rallye-Welt. Zu seinem Pech gibt es in der 1973 eingeführten Rallye-WM zunächst nur einen Markentitel. Thérier gewinnt drei WM-Läufe und fährt bei zwei weiteren WM-Läufen auf das Podest. Hätte es 1973 schon eine Fahrerwertung gegeben, der Rallye-Weltmeister des Jahres würde aus dem „Coupe Gordini“ stammen.


Der Coupe Gordini wurde von 1966 bis 1970 mit dem Renault 8 Gordini ausgetragen. Anschließend kam der R12 zum Einsatz, bevor 1975 der R5 das Renngerät wurde.

Fotos: Renault

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Ein Beitrag von:

Als Kind der 1970er-Jahre hatte Tom das große Vergnügen, in einem ausgesprochen automobilen Umfeld aufzuwachsen. Das war der optimale Nährboden, um heute über Autos zu schreiben und regelmäßig am Mikrofon über Autos zu sprechen. Denn Tom Schwede moderiert seit 2010 bei großen Oldtimer- und Klassik-Veranstaltungen in Deutschland. So ist Tom unter anderem bei den Classic Days (früher Schloß Dyck, heute in Düsseldorf) oder dem 1.000 Kilometer-Rennen am Nürburgring zu hören. Wenn Sie also einen Moderator oder Streckensprecher für Ihre Oldtimer-Rallye oder Ihr Oldtimer-Treffen suchen, dann sind Sie bei Tom definitiv richtig!

Ein Kommentar

  1. dondini
    26. Mai 2015

    Danke für den gut geschriebenen Artikel, der jedoch einen entscheidenden Fehler aufweist: Renault ist es heute zwar ganz recht, dass sie üblicherweise als Urheber des Gordini-Pokals gehandelt werden, dies stimmt aber nicht. Die Rennserie wurde von der französischen Autozeitschrift „moteurs“ ins Leben gerufen. Renault wurde um Sponsoring gefragt, war aber zu einer Unterstützung nicht bereit. Erst als sich herausstellte, dass die Rennen des Gordini-Pokals absolute Publikumsmagneten waren, sprang Renault auf den bereits fahrenden Zug auf und unterstützte die Rennserie fortan. Das Unternehmen Renault ist hier also Trittbrettfahrer, keinesfalls Urheber dieses ersten Markenpokals der Welt.

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