Wer an die amerikanische NASCAR Serie denkt, der denkt zunächst an Oval-Rennen. Doch 1976 traten tatsächlich zwei NASCAR in Le Mans bei den 24 Stunden an.

Die 24 Stunden von Le Mans sind ein Mythos. Seit 1923 rennen im Herzen Frankreichs Rennwagen einen ganzen Tag, um den Sieger zu ermitteln. Das von Charles Faroux und Georges Durand erdachte Rennen zieht seit inzwischen fast 100 Jahren die Fans in den Bann. Was heute kaum noch jemand weiß, die Erstauflage war ein Rennen für Tourenwagen. Denn der Automobile Club de l’Ouest (ACO) wollte mit seinem Rennen die Alltags- und Langstreckentauglichkeit des Autos beweisen.

Weshalb ein Nascar an der Sarthe schon mal etwas weniger überrascht. Denn von Zeit zu Zeit ließen die Verantwortlichen des ACO bei ihrem Rennen auch später immer mal wieder Tourenwagen zu. Das liegt auch daran, dass sich die Franzosen nur ungern vom Welt-Automobil-Verband in die Gestaltung ihres Rennens hereinreden lassen. Das zeigte sich im Nachgang der Ölkrise. Denn während dieser musste sich der Motorsport immer lauter die Frage nach dem Sinn gefallen lassen. Um die Kritiker zu besänftigen, reduzierte der ACO 1975 den Verbrauch um gut 25 Prozent.

Dodge Charger, 1976 in Le Mans
Der Dodge Charger von Fahrzeugbesitzer Hershel McGriff, der das Nascar zusammen mit seinem Sohn in Le Mans auch selbst fuhr.

Ab sofort mussten die Teilnehmer mit einer Gallone mindestens sieben Meilen zurücklegen. Das entspricht einem Verbrauch von 33 Litern pro 100 Rennkilometer. Um das sicherzustellen, limitierte der ACO die Tankgrößen der Teilnehmer. Zudem schrieb der ACO vor, dass die Rennwagen zwischen zwei Tankstopps mindestens 20 Runden zurücklegen mussten. Das rief die Sportkommission CSI auf den Plan. Sie entzog dem großen Rennen den WM-Status. Ein Schritt, der letztlich die Sportwagen-Weltmeisterschaft mehr schädigte als das große Rennen in Frankreich.

IMSA und NASCAR wagen den Ausflug über den großen Teich!

Um sein Feld in Le Mans aufzufüllen, kooperierte der ACO mit der amerikanischen IMSA-Serie. Die Sportwagenserie gehört zum Motorsport-Imperium der Familie France. Auch wenn damals formal hinter der IMSA der ehemalige SCCA-Funktionär John Bishop stand, sein Startkapital stammte von den Nascar-Gründern. Bishop hatte zwar beim Reglement weitgehend freie Hand, doch ohne Bill France Sr. und Jr. drehte sich in der IMSA kein Rad.

1976 lud der ACO erstmals amerikanische Rennwagen nach Frankreich ein. Fans des Rennens erinnern sich bis heute gern an die Corvette von John Greenwood. Das „Batmobile“ mit einem Chassis Bob Riley beeindruckte an der Sarthe mit hohen Geschwindigkeiten und konkurrenzfähigen Rundenzeiten. Kein Wunder, dass die Corvette im Fan-Shop des ACO als Modellauto bis heute zu den Lieblingen der Fans gehört.

Die Nascar in Le Mans beeindruckte weniger!

In der Euphorie, die die Corvette entfachte, ging der Auftritt der Nascar-Boliden in Le Mans fast unter. Da die Nascar zeitgleich mit den 24 Stunden von Le Mans in Riverside rannte, schickte Familie France keine Top-Stars nach Frankreich. An den Start gingen je ein Dodge Charger und Ford Turino. Für die französische Presse waren die beiden Rennwagen „Les Deux Monstres“, die zwei Monster. Für ihre Besitzer war der Ausflug nach Europa ein gutes Geschäft. Denn die Nascar und der ACO übernahmen alle Reise- und Einsatzkosten.

Ford Turino, 1976 in Le Mans
Der Ford Turino von Dick Brooks, Dick Hutcherson sowie dem französischen Renninstruktor Marcel Mignot hielt immerhin 104 Runden durch.

Den Dodge Charger steuerten Fahrzeugbesitzer Hershel McGriff und sein Sohn Doug. Hershel McGriff ist Rennsport-Fans möglicherweise ein Begriff. Denn der Amerikaner stieg 2018 mit stattlichen 90 Jahren noch mal ins Cockpit, um an einem Rennen teilzunehmen. Vater und Sohn McGriff fielen 1976 nach nur zwei Runden mit einem Leck im Öltank aus. Besser erging es der Mannschaft von Dick Brooks, Dick Hutcherson sowie dem französischen Renninstruktor Marcel Mignot. Sie kamen mit ihrem Ford Turino immerhin 104 Runden weit, bis ein Defekt am Getriebe die Fahrt stoppte.

Der Auftritt der „Les Deux Monstres“ blieb eine einmalige Angelegenheit!

Viel Aufwand trieben die Nascar-Teams nicht, um in Le Mans zu starten. Die Teams montierten zunächst nur Scheinwerfer, Rücklichter und Scheibenwischer. Nach dem Training kamen dann noch Rückspiegel dazu. Denn die Piloten der offenen Prototypen hatten Angst, die großen amerikanischen Autos zu überholen. Wobei das gar nicht so einfach war. Denn die Amis jagten unerschrocken mit 200 Meilen (= 320 Kilometer pro Stunde) über die Mulsanne.

Denn schon im Training gingen im Dodge zwei Motoren hoch. In den USA rannte die Nascar mit speziellem Rennbenzin. In Le Mans gab es nur Tankstellenbenzin. Das vertrugen die Motoren nicht. Zudem erwiesen sich die Vierganggetriebe als Schwachstelle. Eine Runde in Le Mans erforderte 22 Gangwechsel. In der Nascar schalten die Piloten teilweise im ganzen Rennen seltener. Weshalb die Verantwortlichen das Experiment der Nascar in Le Mans nach nur einem Jahr beendeten.

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