Auto-Erinnerungen

100 Jahre FIAT in Deutschland sind auch ein Spiegel der Autogeschichte!

Was verbindet München, Berlin, Heilbronn, Frankfurt und Rüsselsheim?

FIAT feiert in diesem Monat den 100. Geburtstag der deutschen Niederlassung. Im Mai 1922 gründete die Fabbrica Italiana Automobili Torino (FIAT) in München die Deutsche Fiat Automobil-Verkaufs-Aktiengesellschaft. Inzwischen gehört FIAT zu Stellantis. Die Geschichte von FIAT in Deutschland zeigt, wie sich in den vergangenen 100 Jahren der Automarkt veränderte.

FIAT entstand 1899 in Turin. Unter der Regie seines Direktors Giovanni Agnelli Senior stieg das Unternehmen schnell in den Kreis der führenden Autobauer auf. Zeitweise galt FIAT als modernster Autobauer der Welt, beschäftigte bald 50.000 Menschen. Auf dem Dach der ab 1916 gebauten Fabrik Lingotto in Turin unterhielt die Firma eine eigene Teststrecke. Um den Kunden einen Raten-Kauf anbieten zu können, gründete das Unternehmen als einer der ersten Autobauer eine eigene Kreditbank.

Alles zusammen zeigt, FIAT gehört zu den Unternehmen, die die Entwicklung der Autobauer von Manufakturen zu Industrie-Unternehmen wesentlich prägten. Denn zu der Zeit, als in Turin FIAT entstand, gründeten sich in allen damaligen Industriestaaten zahlreiche Autobauer. Wikipedia listet mehr als 500 ehemalige deutsche Pkw-Hersteller auf. Auch aus Italien, Frankreich, Großbritannien oder den USA kennt das Online-Lexikon ähnlich viele untergegangene Autobauer.

100 Jahre FIAT in Deutschalnd
Das Foto zeigt eine Niederlassung der Deutschen Fiat Automobil-Verkaufs-Aktien­gesellschaft, die ihre Autos auch unter dem Markennamen NSU-FIAT anbietet. (Foto: STELLANTIS – FIAT Deutschland)

Wobei nur wenige dieser Unternehmen jemals auf größere Stückzahlen kamen. Denn die Mehrzahl der zu dieser Zeit gegründeten Autobauer blieben stets Manufakturen. Mit diesem Geschäftsmodell waren nur kleine Stückzahlen möglich. Das schloss die Realisierung von Skaleneffekten aus. So hatten sie von Anfang an keine Chance gegen Industrie-Unternehmen wie FIAT. Daher gab die Mehrzahl der Firmen sein Geschäft nach nur wenigen Jahren auf. Manchmal retteten auch Zusammenschlüsse das Know-how der Unternehmen.

Die Mehrzahl der Autobauer ging einfach unter!

Selbst bei den Autobauern, die den Sprung zum Industrie-Unternehmen schafften, war das Überleben nicht garantiert. Denn der technische Fortschritt war rasant. Und er betraf nicht nur die Produkte, auch die Fertigungstechnologie entwickelte sich kontinuierlich weiter. Die Entwicklung war nach der Einführung des Fließbands, wie es Henry Ford als Erster praktizierte, nicht zu Ende. Wer ein Auto günstiger bauen konnte, konnte es auch günstiger anbieten. Also galt es, die Zahl der Arbeiter und der Arbeitsschritte zu reduzieren.

Der Einsatz von Maschinen und der Bau der passenden Fabriken war kapitalintensiv. Die Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er-Jahre offenbarte gnadenlos. Um das eigene Überleben zu sichern, schlossen sich bald unterschiedliche Marken zu Konzernen zusammen. Die Auto Union, in der die sächsischen Autobauer Audi, DKW, Horch und Wandler aufgingen, war ein typisches Konstrukt dieser Zeit. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich diese Konzentration fort. Mit dem Ergebnis, dass heute einige wenige Konzerne die Auto-Industrie dominieren.

Zölle kapselten die Märkte ab!

Bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg schotteten viele Länder ihre Märkte vor ausländischen Unternehmen ab. Beim Import eines Autos war ein hoher Zoll fällig, um die eigene Industrie zu schützen. Das führte dann in der Regel dazu, dass sich ein lokaler Marktführer etablieren konnte. FIAT schwang sich selbst schon in der Ära zwischen den Weltkriegen in Italien zum Platzhirsch auf. Keiner der nationalen Konkurrenten wie Lanica oder Alfa Romeo konnte FIAT auch nur im Ansatz das Wasser reichen.

In den 1960er-Jahren fertigte FIAT in Deutschland den FIAT 600.
In den 1960er-Jahren fertigte FIAT in Deutschland den FIAT 600. Dabei vervollständigten die Mitarbeiter in Heilbronn die aus Italien gelieferten Karosserien. Diese standen nach der Lieferung per Bahn im Hof der Fabrik. (Foto: STELLANTIS – FIAT Deutschland)

Doch die Zollhürden machten die Autobauer abhängig von der eigenen Volkswirtschaft. Lahmte diese, so stockte auch der Verkauf von Autos. Insofern war das Interesse, Autos trotz der bestehenden Zollschranken ins Ausland zu exportieren, nachvollziehbar. Bereits 1922 wagte FIAT deshalb den Schritt nach Deutschland. Die „Deutsche Fiat Automobil-Verkaufs-Aktiengesellschaft“ war als offiziellen Niederlassung ein Trendsetter. Zuvor überließen die Autobauer das Auslandsgeschäft in der Regel speziellen Importeuren.

Das Geschäft einem Importeur anzuvertrauen, minimierte das Risiko. Doch es ging zu Lasten der Marge. Eine eigene Niederlassung erforderte jedoch auch eine gewisse Größe, die nur wenige Autobauer so früh erreichten. Insofern war der Schritt von FIAT immer noch mutig. Wobei das Unternehmen auch vor 100 Jahren nicht nur Autos baute. FIAT bot auch Lkw und Traktoren an. Das Geschäft lief offenbar gut. Denn schon vier Jahre nach Gründung verlegte FIAT den Sitz seiner deutschen Niederlassung nach Berlin.

1929 kaufte FIAT in Deutschland NSU den Autobau ab

1929 übernahm FIAT Deutschland zudem den Autobau der „NSU Vereinigte Fahrzeugwerke AG Neckarsulm“. NSU schrieb nach der Übernahme der Berliner Schebera Automobilwerke finanzielle Verluste. Mit dem Verkauf des Autobaus an FIAT rettete NSU die Keimzelle seines Unternehmens und beschränkte sich fortan wieder auf den Bau von Zweirädern. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg begann NSU wieder eigene Autos zu entwickeln und zu bauen. Doch fast drei Jahrzehnte zuvor übernahm FIAT neben der Auto-Fabrik in Heilbronn auch die Rechte an den NSU-Konstruktionen der 1920er-Jahre.

Daneben begann die nun als NSU Automobil AG firmierende FIAT-Tochter auch Modelle von FIAT zu bauen. Sie kamen unter dem Markennamen NSU-FIAT in den Handel. Neben Lizenzproduktionen entstanden auch Fahrzeuge mit eigenen Karosserie-Varianten. Das war möglich, weil FIAT schon seit 1938 auch die Karosseriewerke Weinsberg besaß. Während des Zweiten Weltkriegs musste auch die NSU Automobil AG die Produktion ziviler Fahrzeugen einstellen. Doch nach Gründung der Bundesrepublik lief auch in Heilbronn die FIAT-Produktion bald weiter.

NSU-FIAT und NSU – das doppelte Lottchen des Autobaus!

In dieser Zeit verlegte auch FIAT Deutschland offiziell seinen Sitz von Berlin in den Norden Baden-Württembergs. Ab 1951 baute die zu FIAT gehörende NSU Automobil mit dem NSU Fiat 500 C die deutsche Version des Topolino. Fünf Jahre später stellte FIAT dem Kleinwagen den neuen und etwas größeren FIAT 600 zur Seite. Auch vom Fiat Nuova 1100 gab es eine Version von NSU-FIAT. Als die NSU Werke im benachbarten Neckarsulm ab 1958 auch wieder Autos baute, trugen in Deutschland plötzlich zwei Hersteller den Namen NSU.

1960 wurde aus NSU-FIAT die Marke NECKAR vormals NSU Heilbronn
Den Kindern der 1980er-Jahre erinnern sich noch an die Kampagne „Raider … heißt jetzt Twix“. Diese Umfirmierung erlebte NSU-FIAT schon 1960. Denn ab da hießen die Autos NECKAR, wie dieses Foto eine Autohauses zeigt. (Foto: Stellantis – FIAT Deutschland)

Ein Rechtsstreit zwischen FIATs NSU Automobil AG und der NSU Werke AG war die Folge. Doch beide Parteien einigten sich schnell außergerichtlich. Ab 1960 nannte sich die FIAT-Tochter „Neckar Automobilwerke AG Heilbronn, vormals NSU Automobil AG“. Die deutsche Mutter firmierte gleichzeitig in Deutsche FIAT AG um. Im Sommer 1966 entfiel beim Autobauer der Hinweis auf NSU. Zwei Jahre später verschwand auch der Name Neckar wieder. Die deutschen FIAT hießen nun wie ihre italienischen Brüder schlicht und einfach FIAT.

1973 beendete FIAT in Deutschland den Autobau

In Europa entfielen mit Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft zunehmend die Zollschranken. Der FIAT 128 schloss das Kapitel der FIAT-Automobile aus Heilbronn daher bald ab. 1973 endete das Kapitel der Deutschen FIAT nach 412.085 gebauten Fahrzeugen. Bis 2006 blieb die Stadt jedoch der Sitz der Vertriebsgesellschaft des italienischen Autobauers, die sich zeitweise Fiat Automobil AG nannte. 2006 zog diese nach Frankfurt um. Dort heißt sie, wie die Mutter bald Fiat Group Automobiles Germany AG. Nach der Fusion von FIAT mit PSA zum neuen Autoriesen Stellantis ist diese inzwischen in Rüsselsheim zu Hause.


Infos zum Titelbild dieses Beitrags:
Das Foto zeigt eine Niederlassung der Deutschen Fiat Automobil-Verkaufs-Aktien­gesellschaft, die ihre Autos auch unter dem Markennamen NSU-FIAT anbietet.

Foto: STELLANTIS - FIAT Deutschland

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Als Kind der 1970er-Jahre hatte Tom das große Vergnügen, in einem ausgesprochen automobilen Umfeld aufzuwachsen. Das war der optimale Nährboden, um heute über Autos zu schreiben und regelmäßig am Mikrofon über Autos zu sprechen. Denn Tom Schwede moderiert seit 2010 bei großen Oldtimer- und Klassik-Veranstaltungen in Deutschland. So ist Tom unter anderem bei den Classic Days auf Schloß Dyck oder dem 1.000 Kilometer-Rennen am Nürburgring zu hören.

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