Auto-Erinnerungen

50 Jahre Alfa Romeo Montreal

Keine Angst, AutoNatives.de mutiert nicht zum Alfa Romeo Blog, schrieben wir doch erst kürzlich über die Alfa Romeo und die Mille Miglia. Aber die italienische Traditionsmarke liefert einfach viele spannende Geschichten. Solche, wie die des legendären Alfa Romeo Montreal, dessen Serienversion vor 50 Jahren ihr Debüt feierte.

Alfa Romeo Montreal Studie
Die in Montreal präsentierte Studie basierte auf der Giulia Sprint GT. Die Lamellen über den Scheinwerfern stehen noch fest.Beim späteren Serienmodell sind sie beweglich. (Foto: Alfa Romeo)

Drei Jahre gab es nur Gerüchte, Sehnsüchte und Wünsche. Als dann Alfa Romeo auf dem Genfer Autosalon 1970 den Montreal vorstellte, wurden die Träume der Fans wahr. Denn die wünschten sich bereits seit 1967, als Alfa Romeo auf der Weltausstellung in Montreal die Studie eines atemberaubenden Coupés vorstellte, dessen Serienfertigung. Begüterte Alfisti wollten dieses aufregende Auto auch im Alltag bewegen dürfen. Mit dem drei Jahre später präsentierten Alfa Romeo Montreal wurde das möglich.

Schon die Inszenierung der Studie in Montreal war legendär!

1967 fand die Weltausstellung in Montreal statt. Der italienische Autobauer Alfa Romeo sagte für den Ausstellungsbereich „Man the Producer“ ein Auto zu. Die Gestaltung des Fahrzeugs übernahm die Carrozzeria Bertone. Und Bertone-Designer Marcello Gandini gelang mit dem Showcar ein großer Wurf. Der Designer, damals noch keine 30 Jahre alt, verschmolz bei seinem Entwurf die B- und die C-Säule zu einer Einheit. Die hinter den Türen platzierten markanten Einlässe weisen auf einen Mittelmotor-Sportlers hin. Die große Glas-Heckklappe verstärkte den Eindruck.

Doch der Eindruck täuscht. Denn die Studie entstand aus Kosten- und Zeitgründen auf der Bodengruppe einer Giulia Sprint GT. Deshalb sitzt der 1.570 ccm große TI-Motor der Studie vorne. Zwei Exemplare entstanden für die Weltausstellung. Die Verantwortlichen in Montreal platzierten die beiden weißen Autos zwischen Spiegeln. Damit vervielfachte sich das Auto scheinbar ins Unendliche. Die Inszenierung verstärkten ein Motorrad von Norton, das über den Alfa Romeo hing, sowie ein Rennwagen von B.R.M. Das war spektakulär und beeindruckend. Fotos der Installation gingen um die Welt.

Aus der in Montreal präsentierten Studie wurde der Alfa Romeo Montreal!

Bis zu 500.000 Zuschauer strömten damals pro Tag auf das Expo-Gelände. Die eigentlich namenlose Studie von Alfa Romeo und Bertone entwickelte sich zu einem Blickfang, der weite Teile des Publikums in den Bann zog. Denn Alfa Romeo hatte das Glück, das die Expo-Macher das mobile Ensemble fast direkt am Haupteingang platzierten. Es war fast nicht möglich, die Studie zu übersehen. Einige der Besucher waren von dem Sportwagen so angetan, dass sie in Mailand nachfragten, was dieses Auto kosten würde und wann der Autobauer es liefern könne.

Afa Romeo Serienodell
Auf der Straße ist der Alfa Romeo Montreal selten. In sieben Jahren entstehen nur 3.925 Exemplare. Gut zu erkennen ist, dass der V8 eine geänderte Motorhaube erfordert. (Foto: Alfa Romeo)

Die Geschäftsleitung überlegt nicht lange und erteilt den Auftrag von der Studie ein Serienmodell abzuleiten. Die Entscheidung überrascht rückblickend etwas. Denn Alfa Romeo war seit 1933 Teil der staatlichen IRI-Gruppe. Als Staatsunternehmen war der Autobauer zu dieser Zeit vor allem ein Instrument der Strukturpolitik. Zweimal sollten die staatlichen Eigentümer das Unternehmen zum Bau von Werken in Süditalien zwingen, obwohl es dafür eigentlich gar keinen Bedarf hat. Zunächst baute Alfa Romeo in Pomigliano d’Arco bei Neapel das Werk Sud und fertigte dort ab 1972 den Alfasud.

Gut zehn Jahre später folgte in Pratola Serra das Werk „Alfa Romeo Nissan Autoveicoli“. Dort entsteht mit dem Alfa Romeo ARNA der Tiefpunkt der Markengeschichte. Doch soweit ist es Ende der 1960er-Jahre zum Glück noch nicht. Nach der Expo leiteten die Entwickler von Alfa Romeo von der Studie ein Serienmodell ab. Die Karosserie übernehmen sie fast unverändert. Sie ändern nur wo es die Zulassungsvorschriften erfordern. So klappen beim Serienmodell die Lamellen, die die Frontscheinwerfer bedecken, beim Einschalten des Lichts nach unten. Bei der Studie waren sie noch starr.

Der Vierzylinder wich einem V8

Im Innenraum verzichteten die Entwickler auf die Rückbank und die Notsitze. Die Studie war ein 2+2-Sitzer. Das Serienmodell bekam bequeme Vordersitze und bot nur Platz für zwei Insassen. Ebenfalls keine Kompromisse gingen die Techniker beim Antrieb ein. Der Vierzylinder der Studie wich dem V8-Motor aus dem Supersportwagen Tipo 33. Um eine alltagstaugliche Kraftentfaltung zu erreichen, bohrten die Techniker das zwei Liter große Rennsport-Aggregat auf.

Das Serienmodell des Alfa Romeo Montreal durfte seine Kraft aus einem Hubraum von 2,6 Litern schöpfen. Eine mechanische Einspritzung von der Società Pompe Iniezione Cassani & Affini (SPICA) versorgt die acht Zylinder mit Benzin. Das Ergebnis waren für die Zeit beeindruckende 200 PS, die der V8 bei 6.400 Umdrehungen pro Minute aus dem Ärmel schüttelt. Der V8 kann seine Herkunft aus dem Rennsport nicht verleugnen. Die Maximaldrehzahl des Triebwerks liegt bei sportlichen 7.000 Umdrehungen pro Minute.

Alfa Romeo Montreal Innenraum
Der Innenraum des Serienmodells des Alfa Romeo Montreal (Foto: Alfa Romeo)

Um die Kraft des Motors auf die Straße zu bringen, vertraute Alfa Romeo auf ein manuelles Fünfgang-Sportgetriebe. Es stammte von ZF aus Friedrichshafen und hatte seine Wurzeln ebenfalls im Rennsport. Der erste Gang liegt deshalb — wie im Rennwagen — links hinten. Rennwagen benötigen den ersten Gang schließlich nur zum Anfahren. Bei Renngetrieben liegen sich deshalb der zweite und dritte sowie der vierte und der fünfte Gang jeweils gegenüber, um auf der Rennstrecke die Schaltzeiten zu minimieren.

An der Hinterachse sitzt ein ebenfalls von ZF geliefertes Sperrdifferenzial. Auch das zeigt, dass der Alfa Romeo Montreal ein ernsthafter Sportwagen ist. Diese Einschätzung teilten praktisch alle zeitgenössischen Fahrberichte. Der gut 220 Kilometer pro Stunde schnelle Montreal glänzte in ihren Tests zudem mit hohem Fahrkomfort. Weshalb der Alfa Romeo Montreal bis heute als einer der überzeugendsten Gran Turismo seiner Epoche gilt.

Der Alfa Romeo Montreal war ein teurer Spaß!

Trotzdem entstanden in sieben Jahren nur 3.925 Exemplare des Sportwagens Alfa Romeo Montreal. Bertone lieferte dabei die Karosserien, die Alfa Romeo im Werk Arese mit Technik vervollständigte. Mitte der 1970er-Jahre kostete ein neuer Alfa Romeo Montreal in Deutschland 35.000 D-Mark. Ein Porsche 911 startete damals bei 26.980 D-Mark. Selbst der 911 S lag mit einem Preis von 30.980 D-Mark damals deutlich unter dem Italiener.

Das zeigt, wie teuer der Alfa Romeo Montreal war. Bei diesen Preisen bestand nie die Gefahr, dass der Montreal zur Massenware verkommt. Umso mehr begeistert mich noch heute, dass ich Anfang der 1990er-Jahre einmal das Vergnügen hatte, in einem Montreal mitzufahren. Der ältere Bruder einer Freundin hatte damals einen Alfa Romeo Montreal. Unsere gemeinsame Tour durch das Umland von Hamburg werde ich nie vergessen. Danke TOBI!


Infos zum Titelbild dieses Beitrags:
Die in Montreal präsentierte Studie basierte auf der Giulia Sprint GT. Die Lamellen über den Scheinwerfern stehen noch fest.Beim späteren Serienmodell sind sie beweglich. (Foto: Alfa Romeo)

Foto: Alfa Romeo

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Als Kind der 1970er-Jahre hatte Tom das große Vergnügen, in einem ausgesprochen automobilen Umfeld aufzuwachsen. Das war der optimale Nährboden, um heute über Autos zu schreiben und regelmäßig am Mikrofon über Autos zu sprechen. Denn Tom Schwede moderiert seit 2010 bei großen Oldtimer- und Klassik-Veranstaltungen in Deutschland. So ist Tom unter anderem bei den Classic Days (früher Schloß Dyck, heute in Düsseldorf) oder dem 1.000 Kilometer-Rennen am Nürburgring zu hören. Wenn Sie also einen Moderator oder Streckensprecher für Ihre Oldtimer-Rallye oder Ihr Oldtimer-Treffen suchen, dann sind Sie bei Tom definitiv richtig!