BMW lies in den letzten Monaten den BMW Garmisch wieder auferstehen. Das Original der Studie des Karosseriebauers Bertone feierte 1970 auf dem Genfer Autosalon Premiere und ging anschließend verloren.

Im Rahmen des Concorso d’Eleganza Villa d’Este feierte die Studie BMW Garmisch jetzt ihre Auferstehung und ermöglicht eine spannende „Zeitreise“. Denn im Frühjahr 1970 war die Autowelt noch eine völlig andere. Die Branche wuchs stürmisch, erstmals fanden mehr als zwei Millionen neue Personenkraftwagen pro Jahr den Weg auf unsere Straßen. Damit hatte sich die Anzahl der verkauften Autos in nur zehn Jahren mehr als verdoppelt.

Trotzdem führte immer noch der Käfer die Zulassungslisten an. Das zeigt, wie konservativ die Menschen damals beim Kauf ihrer Autos waren. BMW, ein Jahrzehnt zuvor nur knapp der Pleite oder einer Übernahme entkommen, behauptete sich im Mittelfeld. Die Bayern lagen mit einem Marktanteil von 4,2% hinter VW (30,7%), Opel (19,7%), Ford (14,6%), Renault (7,2%), Daimler-Benz (7,1%), Fiat (6,9%) auf dem siebten Platz der Zulassungsrangliste.

Dahinter kamen Simca (3,6%), Peugeot (1,8%) und Citroen (1,5%) auf die Plätze acht bis zehn. Für alle anderen Hersteller verblieb auf dem deutschen Markt gerademal ein 2,7% kleines „Kuchenstück“! Heute unvorstellbar – denn inzwischen haben sich die Marktanteile dramatisch verändert. Simca gibt es längst nicht mehr. Opel gehört Peugeot und kann genauso wie Ford von den damaligen Zahlen nur noch träumen. Die Hersteller aus Japan oder Südkorea, die heute erfolgreich Autos in Deutschland und Europa verkaufen, waren 1970 hierzulande noch unbekannt.

BMW Garmisch – das Coupé im Schatten der Keile

Heute auch weitestgehend verschwunden sind die Designstudios, die vor 50 Jahren auf Messen und Ausstellungen um Aufmerksamkeit kämpften. Sie kleideten, oft in Hoffnung auf Aufträge der Autobauer, Fahrzeuge neu ein. Mit dem im Frühjahr 1970 in Genf präsentierten BMW Garmisch baute Marcello Gandini bei Bertone einen typischen Vertreter dieser Art.

Wobei das einzigartige Mittelklasse-Coupé auf Basis des BMW 2002 tii kein typischer Gandini war. Schließich steht der Designer heute vor allem für Autos wie den Lancia Stratos Zero oder den Lamborghini Miura. Mit der Studie Lancia Stratos Zero trieb Gandini den damals weitverbreiteten Trend zum Keil auf seinen absoluten Höhepunkt.

Adrian van Hooydonk (links) und Designer Marcello Gandini betrachten das Ergebnis der Rekonstruktion
Adrian van Hooydonk (links) und Marcello Gandini betrachten das Ergebnis der Rekonstruktion – Foto BMW

Die Keilform mit ihrer reduzierten Designsprache, den präzise gezogenen Linien und klaren geometrischen Formen war damals Ausdruck eines radikalen neuen Stils. Schon 1966 entwarf Giorgio Giugiaro den in großen Teilen keilförmigen Maserati Ghibli. Giuseppe „Nuccio“ Bertone antwortete zwei Jahre später mit dem Viersitzer Lamborghini Espada. Pininfarina kleidete zeitgleich den Ferrari 365 GTB/4 im Keillook ein.

Diese drei Seriensportwagen ließen die Fahrzeuge der 1950er und auch frühen 1960er-Jahre auf einen Schlag Barock Inken. Überall entstanden Studien, die diese Geist folgten. Mercedes-Benz C111, sein Kontrahent Mazda RX-500 aus Japan, der Bizzarrini Manta oder der VW-Porsche Tapiro folgten alle dem Trend zum Keil und durften auf Messen und Ausstellungen das Publikum erfreuen und schafften es damit, im Bewusstsein der Autofreunde hängen zu bleiben.

Die Entstehungsgeschichte des BMW Garmisch

Ein Schicksal, das dem BMW Garmisch bisher nicht vergönnt war. Denn die Studie verwand nach der Präsentation in Genf. Ihr Verbleib ist unbekannt. Dabei hatte sie eigentlich gute Voraussetzungen, um vielleicht sogar auf die Straße zu kommen. Denn Bertone und BMW arbeiteten bereits seit den frühen 1960er-Jahren zusammen. Schon 1961 botendie Münchener das von Bertone gestaltete Coupé BMW 3200 CS an. Niccoio Bertone hätte gern mehr für BMW gearbeitet und umwarb die Münchener offensiv.

Schon 1968/69 entwickelte Bertone auf Basis einer BMW-Limousine den Bertone-BMW 2800 Spicup. Der futuristische Spicup war mit einem elektrisch zu öffnenden Hardtop seiner Zeit weit voraus. An eine Serienproduktion war nicht zu denken. Trotzdem warb Bertone ein Jahr später erneut um die Hand des Münchener Autobauers. 1970 präsentierte Bertone die fast alltagstauglich wirkende Studie BMW Garmisch auf dem Genfer Autosalon.

„Die ursprüngliche Idee kam von Nuccio Bertone persönlich, der unsere bestehende Beziehung zu BMW mit einer überraschenden Designstudie auf dem Genfer Autosalon festigen und ausbauen wollte”, erinnert sich Marcello Gandini, der zu jener Zeit Bertones Designstudio leitete. „Wir wollten ein Mittelklasse-Coupé entwickeln, das einerseits der Formensprache von BMW treu blieb, andererseits aber auch etwas dynamischer herüberkam und sogar ein wenig provozierte.”

Das gelang, denn während die Seitenflächen des Garmisch sehr aufgeräumt und glatt wirkten, zogen der kühne, kantige und vertikal positionierte Kühlergrill und die rechteckigen, verglasten Scheinwerfer viel Aufmerksamkeit auf sich. Weitere ungewöhnliche Details waren die Lufteinlässe in den C-Säulen, die mehr an Sportwagen erinnerten, und die wabenförmig strukturierte Sonnenschutzblende auf der Heckscheibe – alles übrigens typische Stilelemente Marcello Gandinis.

Das Ausstellungsstück entstand innerhalb weniger Monate. Trotzdem ließen sich die Designer nicht die Gelegenheit nehmen, dem Innenraum einen eigenständigen Charakter zu verleihen. Auffällig das hochkant verbaute Radio. Eine Anordnung, die erst in Zeiten hochkant stehenden Displays seltsam vertraut wirkt. Dazu gab es im Innenraum einen großen Klapp-Spiegel für den Beifahrer und eine eher extravagante Kombination von Farben und Materialien.

Der BMW Garmisch ging verloren …

Trotz des deutschen Namens entstand übrigens auch die Modellbezeichnung in Italien. Marcello Gandini sagt dazu: „Skifahren war zu dieser Zeit in Italien äußerst populär. Und der Name Garmisch beschwor Träume von Wintersport und alpiner Eleganz.” Trotzdem ging die Studie BMW Garmisch nach dem Autosalon in Genf verloren. Den ein Jahr zuvor präsentierten Spicup kaufte ein Niederländer, der die Studie sogar einige Jahre auf der Straße bewegte.

Beim Garmisch verloren sich jedoch bald die Spuren. Heute ist anzunehmen, dass das Original nicht mehr existiert. Nach der Insolvenz von Bertone vor fünf Jahren gingen auch viele Dokumente, die beim Bau des Fahrzeugs entstanden, verloren. Trotzdem entschloss sich Adrian van Hooydonk, der Chef des BMW Group Designs dazu, die Studie mit seinem Team zu rekonstruieren. Grundlage der Rekonstruktion waren im Wesentlichen zeitgenössische Fotos der Studie.

BMW Garmisch – Originalaufnahme von 1969/1970
Auf Basis solcher Originalaufnahmen rekonstruierte BMW die Karosserie der Studie (Foto: BMW)

Denn zum Glück wurden 1970 das Fahrzeug und sein Innenraum umfangreich fotografiert. Auch wenn viele dieser Bilder in Schwarzweiß vorlagen, bildeten diese Bilder den Grundstock für die Rekonstruktion der Studie. Marcello Gandini unterstützte die Arbeiten als Zeitzeuge. Dank seiner Hilfe konnte das Designteam beispielsweise die Außenfarbe Champagnergoldmetallic sowie die Materialien im Innenraum originalgetreu nachbilden.

Das Ergebnis auf vier Rädern kann sich sehen lassen. Denn die Neuauflage der Studie BMW Garmisch begeistert auch 49 Jahre nach ihrer ursprünglichen Premiere noch. Eigentlich unverständlich, warum sich BMW damals nichts für die Studie von Bertone erwärmte. Ich bin sicher, dass das Coupé auch als Serienfahrzeug damals Kunden gefunden hätte.

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