Mit dem Canadian-American Challenge Cup – kurz CanAm – lockte der „Sports Car Club of America“ (SCCA) ab 1966 die besten Rennfahrer der Welt. In Nordamerika fuhren sie mit teilweise aberwitzigen Rennwagen um Ruhm, Ehre und üppige Preisgeldtöpfe.

Grundlage für den Erfolg der Serie waren von 1966 bis 1974 Gruppe 7 Rennwagen, die kaum Grenzen kannten. Der SCCA setzte auf ein vergleichsweises einfaches Reglement. Vorgeschrieben war im Prinzip nur, dass der Rennwagen zwei Sitzplätze hatte und die Karosserie die Räder bedeckte. Ein Hubraumlimit oder Beschneidungen der Aerodynamik gab es nicht. Damit wurde Nordamerika für einige Jahre auch im Motorsport das Gelobte Land unbegrenzter Möglichkeiten.

AVS Shadow Mk1 aus der CanAm
AVS Shadow Mk1 aus der CanAm

Das sorgt für ein bis heute im Motorsport nur selten erreichtes Innovationsklima. In der CanAm wird der Turbo von der Idee zum Konzept. Dazu entstehen hier verstellbare Flügel und Luftbremsen. In den CanAm gibt es erstmals einen Ventilator, der unter dem Fahrzeug für ein Vakuum sorgt und Mini-Reifen, um den Luftwiderstand zu senken. Fast alles, was in der CanAm ausprobiert wird, landet danach auch in der Königsklasse der Formel 1.

Die Bruce and Danny Show

Die ersten Jahre dominierten Sportwagen britischer Rennwagenbauer. Ihr Standardmotor ist der Chevy Mark IV „big block“. Im Debütjahr 1966 locken die Organisatoren mit einem Preisgeld von 200.000 US-$. Gefahren wird von September bis November in schneller Folge und zeitlicher Nähe zum Großen Preis der USA am 2. Oktober 1966. John Surtees geht nach sechs Rennen im Lola T70 als erster Titelträger in die Geschichte der Serie ein. Anschließend übernimmt McLaren das Zepter. Von 1967 bis 1971 führt der Titel immer über das vom Neuseeländer Bruce McLaren gegründete Team. Zweimal (1967 und 1969) fährt der Teamchef selbst zum Titel. 1968 siegt sein „Mitarbeiter“ Denis Hulme.

McLaren M8C/D aus der legendären CanAm-Serie (Foto: Tom Schwede)
McLaren M8C/D aus der CanAm-Serie

In der Erinnerung der CanAm-Fans sind diese Jahre bis heute die „Bruce and Danny Show“. Die Show endet, als Bruce McLaren am Juni 1970 in Goodwood tödlich verunglückt. Der Teamchef stirbt bei Testfahrten mit seinem für die CanAm gebauten Rennwagen. Bei einem Tempo von mehr als 200 Kilometern pro Stunde löst sich am M8D die Heckverkleidung. Bruce McLaren verliert die Kontrolle über das Fahrzeug und prallt mit hoher Geschwindigkeit in die Streckenbegrenzung.

Trotzdem sichert sich das Team McLaren auch 1970 und 1971 den CanAm-Titel. 1970, im Todesjahr des Teamchefs, gewinnt McLaren-Pilot Denis Hulme die Meisterschaft. Ein Jahr später ist es der Amerikaner Peter Revson, der den Titel für McLaren gewinnt. Dann übernimmt Porsche das Kommando. Nach der Einführung eines Hubraumlimits von drei Litern in der Sportwagen-Weltmeisterschaft entdeckt Porsche die CanAm-Serie als neue Spielwiese.

Porsche fährt mit 1.570 PS

Porsche baut den Le Mans Sieger Porsche 917 zum offenen Rennwagen um. Als Antriebsquelle dient zunächst ein neu konstruierter 16-Zylindermotor. Doch das Aggregat ist nicht standfest genug. So entsteht die Idee, den bewährten 12-Zylindermotor aus der Sportwagen-Weltmeisterschaft mit zwei Turboladern zu bestücken. Schon beim ersten Test verfügt der Porsche 917/10 TC (Turbo Charged) über 750 PS.

Den Einsatz des Rennwagens übernimmt die Mannschaft von Roger Penske. Zusammen erobern Porsche und Penske die CanAm im Sturm. Schon 1972 – im ersten vollen Einsatzjahr – gewinnt mit George Follmer ein Porsche-Pilot den Titel. Ein Jahr später geht der Titel an seinen Teamkollegen Mark Donohue.

George Follmer im Porsche 917/10
George Follmer im Porsche 917/10

Der Amerikaner sitzt am Steuer des Porsche 917/30 – dem wohl ultimativen Rennwagen seiner Zeit. Denn Porsche hat den 12-Zylindermotor inzwischen auf 5,4 Liter aufgebohrt. In der Sportwagen-WM fuhr Porsche noch mit einem Hubraum von 4,5 Litern. Dazu gibt es eine elektronische Ladedruckkontrolle. Bei einem maximalen Ladedruck von 2,24 bar leistet der Motor unfassbare 1.570 PS.

Wegen des gewaltigen Drehmoments von rund 1.100 Newtonmetern bestückt Porsche den Porsche 917/30 mit einem stabilen 4-Gang-Getriebe. Zudem verzichten die Techniker auf ein Differenzial. Legendär ist auch der Benzinverbrauch des Rennwagens. Je nach Strecke liegt der Verbrauch bei rund 97 Liter Benzin pro 100 Kilometer Fahrstrecke. Porsche schickt den Rennwagen daher mit bis zu 400 Litern Benzin ins Rennen. Das passt mitten in der Ölkrise selbst in den USA nicht mehr in die Zeit.

Ende 1973 unternimmt der SCCA einen Rettungsversuch und limitiert den Benzinverbrauch. Schon in der Saison 1974 müssen die Rennwagen der CanAm mindestens drei Meilen mit einer US-Gallone Kraftstoff weit fahren können. Porsche zieht sich sofort aus der CanAm-Serie zurück. Doch die Ölkrise sorgt für immer größere Wirtschaftsprobleme. Ende August bricht der SCCA die Saison 1974 vorzeitig ab. Der letzte Titel geht an Jackie Oliver im Shadow DN4A mit Chevy-Power.

Die Titelträger der CanAm (1966 bis 1974)

Jahr Fahrer Team Wagen
1966 John Surtees Team Surtees Lola T70-Chevrolet
1967 Bruce McLaren Bruce McLaren Motor Racing McLaren M6A-Chevrolet
1968 Denis Hulme Bruce McLaren Motor Racing McLaren M8A-Chevrolet
1969 Bruce McLaren Bruce McLaren Motor Racing McLaren M8B-Chevrolet
1970 Denis Hulme Bruce McLaren Motor Racing McLaren M8D-Chevrolet
1971 Peter Revson Bruce McLaren Motor Racing McLaren M8F-Chevrolet
1972 George Follmer Penske Racing Porsche 917/10
1973 Mark Donohue Penske Racing Porsche 917/30KL
1974 Jackie Oliver Shadow Racing Cars Shadow DN4A-Chevrolet

1977 gibt es einen Neuanfang für die CanAm

Statt der offenen Sportwagen kommen jetzt umgebaute Formel-5000-Rennwagen zum Einsatz. Das soll die Kosten reduzieren. Zudem zieht sich der Veranstalter SCCA aus dem Bereich der Formel-Fahrzeuge zurück, beschränkt sich auf die Ausrichtung von Sportwagen-Rennen. Um eine Brücke zur ursprünglichen CanAm-Serie zu schlagen, verkleiden die Teams die offenen Räder der Formel-Rennwagen. Dadurch entstehen Fahrzeuge, die optisch wie Sportwagen aussehen. Der Franzose Patrick Tambay sichert sich den ersten Titel.

Spyder NF-11 Chevrolet V8, CanAm Rennwagen (Foto: Jason Goulding, CC2.0)
Spyder NF-11 Chevrolet V8, CanAm Rennwagen (Foto: Jason Goulding, CC2.0)

1980 kann der Franzose, der später für Ferrari in der Formel 1 an den Start geht, nochmals den Titel gewinnen. Mit Alan Jones (1978) und Jacky Ickx (1979) sichern sich weitere Voll-Profis den neuen CanAm-Titel. Doch gleichzeitig schwinden die Teilnehmerzahlen. Denn mit der CART-Serie etabliert sich 1979 in den USA ein neues Betätigungsfeld für Motorsportteams. Die CART-Serie lockt mit dem lukrativen Indy 500. Daher verlassen die professionellen Teams nach und nach die CanAm-Serie.

Die CanAm reagiert und füllt ab 1979 die Felder mit einer zweiten Klasse. Hier kommen verkleidete Formel-2-Rennwagen zum Einsatz. Doch die Profis kehren der CanAm immer schneller den Rücken. 1983 gewinnt mit Jacques Villeneuve, dem Onkel des gleichnamigen Formel-1-Weltmeisters, letztmals ein gestandener Pilot den Titel.

CanAm wird Einheitsklasse

Dann übernehmen endgültig die Amateure und Nachwuchsfahrer. Der SCCA überträgt zeitweise die Organisation an den Don Walker und Dallas Motorsport. Doch das kann den Niedergang nicht aufhalten. Ende 1986 stellt der SCCA die CanAm-Serie offiziell ein. Das letzte offizielle Rennen gewinnt der 17-jährige Paul Tracy.

Titelträger von 1977 bis 1986

Jahr Fahrer Team Wagen
1977 Patrick Tambay  Haas-Hall Racing Lola T333CS-Chevrolet
1978 Alan Jones Haas-Hall Racing Lola T333CS-Chevrolet
1979 Jacky Ickx Carl Haas Racing Lola T333CS-Chevrolet
1980 Patrick Tambay Carl Haas Racing Lola T530-Chevrolet
1981 Geoff Brabham Team VDS Lola T530-Chevrolet / VDS 001-Chevrolet
1982 Al Unser Jr. Galles Racing Frissbee GR3-Chevrolet
1983 Jacques Villeneuve Canadian Tire Frissbee GR3-Chevrolet
1984 Michael Roe Don Walker VDS 002-Chevrolet / VDS 004-Chevrolet
1985 Rick Miaskiewicz Mosquito Autosport Frissbee GR3-Chevrolet
1986 Horst Kroll Kroll Racing Frissbee KR3-Chevrolet

Titelträger der CanAm Klasse bis zwei Liter (1979 bis 1986)

Jahr Fahrer Team Wagen
1979 Tim Evans Diversified Engineering Services Lola T290-Ford
1980 Gary Gove Pete Lovely VW Ralt RT2-Hart
1981 Jim Trueman TrueSports Ralt RT2-Hart
1982 Bertil Roos Elite Racing Marquey CA82-Hart
1983 Bertil Roos Roos Racing School Scandia B3-Hart
1984 Kim Campbell Tom Mitchell Racing March 832-BMW
1985 Lou Sell Sell Racing March 832-BMW
1986 Mauro Lanaro Lanaro Racing March 74B/77B – Ford 4

Unter dem Namen „Can Am Teams“ (CAT) definieren die verbleibenden Teams – ohne den SCCA – für 1987 neue Regeln. Zum Einsatz kommen – wieder als Sportwagen verkleidet – ausschließlich modifizierte Rennwagen aus der CART-Serie. Doch das Interesse hält sich in Grenzen. Nach nur einem Jahr wird aus der CAT die American Indycar Series (AIS).

Neustart mit Carol Shelby

SHELBY CAN-AM (Foto: www.shelbycanam.com)
SHELBY CAN-AM (Foto: www.shelbycanam.com)

Ab 1989 versucht der SCCA einen Neustart und ruft Carol Shelby zur Hilfe. Zusammen mit der Firma Racefab aus Texas entwickelt der legendäre Autobauer die Fahrzeuge der „Shelby Can-Am“. Für die Konstruktion des Fahrzeuges ist im Wesentlichen Alan Burke verantwortlich. Die Gestaltung der Karosserie übernimmt Peter Brock.

Das Einheitsfahrzeug treibt ein 3,3 Liter großer V6 von Dodge an. Von 1991 bis 1996 führt der SCCA die „Shelby Can-Am“ als offizielle Fahrzeugklasse. Dann endet die CanAm-Geschichte in den USA – bis die Fahrzeuge im historischen Motorsport der Historic Sportsmann Racing (HSR) als eigene Fahrzeugklasse eine neue Heimat finden.

Weitere CanAm-Titelträger

Jahr Fahrer Serie Wagen
1987 Bill Tempero „Can Am Teams“ (CAT) March 85C – Chevrolet V8
1991 Scott Harrington (Pro) „Shelby Can-Am“ Shelby CAN-AM
1992 Kyle Konzer (Pro) „Shelby Can-Am“ Shelby CAN-AM
1993 Gene Harrington (Pro) „Shelby Can-Am“ Shelby CAN-AM
1994 Mike Davies (Pro) „Shelby Can-Am“ Shelby CAN-AM
1995 Mike Davies (Pro) „Shelby Can-Am“ Shelby CAN-AM
1996 Jerry Gilles (Pro) „Shelby Can-Am“ Shelby CAN-AM

Einige der verbliebenen Fahrzeuge der „Shelby Can-Am“ landen in Südafrika. Ab der Saison 2000 fahren die von Carol Shelby entwickelten Fahrzeuge dort mit Motoren von Nissan. 2008 gibt es sogar noch ein Update der Karosserie, um die Fahrzeuge schließlich bis 2012 einzusetzen.

Fotos zu den CanAm Rennwagen aller Generationen:

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