CanAm – Motorsport kompakt erklärt

Mit dem Canadian-American Challenge Cup – kurz CanAm – lockte der „Sports Car Club of America“ (SCCA) ab 1966 die besten Rennfahrer der Welt nach Nordamerika. Dort fuhren sie fortan mit teilweise aberwitzigen Rennwagen um Ruhm, Ehre und üppige Preisgeldtöpfe.

AVS Shadow Mk1 aus der Canadian-American Challenge Cup
AVS Shadow Mk1 aus der Canadian-American Challenge Cup im historischen Motorsport (Foto: Tom Schwede)

Bis in die 1960er-Jahre war es im Motorsport üblich, dass ein Sportwagen auf einem Serienmodell basierte. Zur Saison 1966 überarbeitet die Commission Sportive Internationale (CSI) ihr Regelwerk umfassend. Mit der „Gruppe 6“ definiert die CSI das erste Mal eine Klasse für reine Prototypen. Zudem gibt es Wunsch des „Sports Car Club of America“ (SCCA) mit der „Gruppe 7“ eine weitere Klasse für zweisitzige Sportwagen. Auf ihrer Grundlage schrieben der SCCA und sein kanadischer Partner „Canadian Automobile Sport Clubs“ (CASC) noch im gleichen Jahr den Canadian-American Challenge Cup (CanAm) aus.

Die Gruppe 7 der CanAm war grenzenlos!

Wie schon in der ebenfalls vom SCCA organisierten United States Road Racing Championship (USRRC) treiben die Gruppe-7-Sportwagen auch in der CanAm bevorzugt grossvolumige V8 aus heimischer Produktion an. Standardmotor ist der Chevy Mark IV „big block“, der trotz hoher Leistung vergleichsweise günstig ist. Und während die CSI die Gruppe 6 nach zwei Jahren aus Sicherheitsgründen beim Hubraum beschnitt, bleibt der Einsatz der großen V8 in der CanAm möglich. Als in Europa Anfang 1969 Vorschriften für Gewicht, Gepäckfach, Ersatzrad und Frontscheibe greifen, bleibt das Reglement der Gruppe 7 simpel. Es schreibt im Prinzip nur vor, dass der Rennwagen zwei Sitzplätze hatte und die Karosserie die Räder bedeckte.

Jim Hall im Chaparral-Chevrolet 2G
Jim Hall im Chaparral-Chevrolet 2G im Herbst 1968 beim CanAm-Rennen in Riverside. Das Bild belegt, dass den CanAm-Boliden frühzeitig gewaltige Flügel wuchsen. (Foto: Archiv AutoNatives.de)

Alles zusammen schuf die Grundlage für Rennwagen ohne Grenzen. Nordamerika war nun auch im Motorsport das Land unbegrenzter Möglichkeiten. Hier beschnitten die Regeln weder den Hubraum noch die Aerodynamik. Die Folge war ein Klima das zahlreiche Innovationen auf die Rennstrecke spülte. In der vom SCCa organisierten Serie wurde aus der Idee Turbo ein Konzept. Dazu entstanden in den USA verstellbare Flügel und Luftbremsen. In den CanAm gab es erstmals einen Ventilator, der unter dem Fahrzeug für ein Vakuum sorgte, und Mini-Reifen, um den Luftwiderstand zu senken. Fast alles, was in Nordamerika ausprobiert wurde, landete danach auch in der Königsklasse der Formel 1.

CanAm oder die „Bruce and Danny Show“

Die erste CanAm-Saison lief nur von September bis November und lag in zeitlicher Nähe zum Großen Preis der USA, der am 2. Oktober 1966 stattfand. Mit einem Preisgeld von 200.000 US-$ lockten die locken die Organisatoren zudem Piloten aus aller Welt an. Als erster Titelträger verewigt sich nach sechs Rennen John Surtees, der einen Lola T70 steuerte. Schon im kommenden Jahr übernimmt McLaren das Zepter. Von 1967 bis 1971 führt der Titel über das vom Neuseeländer Bruce McLaren gegründete Team. 1967 und 1969 fährt der Teamchef selbst zum Titel. 1968 siegt sein „Mitarbeiter“ Denis Hulme.

McLaren M8C/D aus der legendären CanAm-Serie (Foto: Tom Schwede)
McLaren M8C/D aus der CanAm-Serie (Foto Tom Schwede)

In der Erinnerung der CanAm-Fans sind diese Jahre bis heute die „Bruce and Danny Show“. Sie endet als Bruce McLaren am Juni 1970 in beim Test in Goodwood tödlich verunglückt, jäh. Dort löst sich bei hohem Tempo am M8D die Heckverkleidung. Bruce McLaren prallt mit seinem Rennwagen mit hoher Geschwindigkeit in die Streckenbegrenzung und stirbt noch an Unfallort.

Trotzdem sichert sich das Team McLaren auch 1970 und 1971 den CanAm-Titel. 1970, im Todesjahr des Teamchefs, gewinnt McLaren-Pilot nochmals Denis Hulme die CanAm-Meisterschaft. Ein Jahr später gewinnt der Amerikaner Peter Revson den Titel für McLaren gewinnt. Dann übernimmt Porsche das Kommando. Nach der Einführung eines Hubraumlimits von drei Litern in der Sportwagen-Weltmeisterschaft entdeckt Porsche die CanAm-Serie als neue Spielwiese. Denn in Zuffenhausen fehlt nun der passende Motor für die Weltmeisterschaft.

Porsche fährt in der CanAm mit 1.570 PS

So Porsche baut den Le Mans Sieger Porsche 917 zum offenen Rennwagen um. Als Antriebsquelle dient zunächst ein neu konstruierter 16-Zylindermotor. Doch das Aggregat ist nicht standfest genug. Daher entsteht die Idee, den bewährten 12-Zylindermotor aus der Sportwagen-Weltmeisterschaft mit zwei Turboladern zu bestücken. Schon beim ersten Test verfügt der Porsche 917/10 TC (Turbo Charged) über 750 PS. Den Einsatz des Rennwagens übernimmt die Mannschaft von Roger Penske. Zusammen erobern Porsche und Penske die CanAm im Sturm.

George Follmer im Porsche 917/10
George Follmer im Porsche 917/10 (Foto: Porsche)

Schon 1972 – im ersten vollen Einsatzjahr – gewinnt mit George Follmer ein Porsche-Pilot den Titel. Ein Jahr später geht der Titel an seinen Teamkollegen Mark Donohue. Der Amerikaner sitzt am Steuer des Porsche 917/30 – dem wohl ultimativen Rennwagen seiner Zeit. Denn Porsche hat den 12-Zylindermotor inzwischen auf 5,4 Liter aufgebohrt. In der Sportwagen-WM fuhr Porsche noch mit einem Hubraum von 4,5 Litern. Dazu gibt es eine elektronische Ladedruckkontrolle. Bei einem maximalen Ladedruck von 2,24 bar leistet der Motor unfassbare 1.570 PS.

Wegen des gewaltigen Drehmoments von rund 1.100 Newtonmetern bestückt Porsche den Porsche 917/30 mit einem stabilen 4-Gang-Getriebe. Zudem verzichten die Techniker auf ein Differenzial. Legendär ist auch der Benzinverbrauch des Rennwagens. Je nach Strecke liegt der Verbrauch bei rund 97 Liter Benzin pro 100 Kilometer Fahrstrecke. Porsche schickt den Rennwagen daher mit bis zu 400 Litern Benzin ins Rennen. Das passt mitten in der Ölkrise selbst in den USA bald nicht mehr in die Zeit. Die CanAm-Serie wird immer wieder von Umweltschützern kritisiert.

Ende 1973 unternimmt der SCCA einen Rettungsversuch und limitiert den Benzinverbrauch. Schon in der Saison 1974 müssen die Rennwagen der CanAm mindestens drei Meilen mit einer US-Gallone Kraftstoff weit fahren können. Porsche kann diese Marke nicht erreichen und zieht sich sofort aus der CanAm-Serie zurück. Doch die Ölkrise bringt die größte Volkswirtschaft der Welt aus dem Tritt. Die USA schlittern in eine Rezession. Ende August bricht der SCCA die CanAm-Saison 1974 vorzeitig ab. Der letzte Titel geht an Jackie Oliver im Shadow DN4A mit Chevy-Power.

Die Titelträger der CanAm (1966 bis 1974)

JahrFahrerTeamWagen
1966John SurteesTeam SurteesLola T70-Chevrolet
1967Bruce McLarenBruce McLaren Motor RacingMcLaren M6A-Chevrolet
1968Denis HulmeBruce McLaren Motor RacingMcLaren M8A-Chevrolet
1969Bruce McLarenBruce McLaren Motor RacingMcLaren M8B-Chevrolet
1970Denis HulmeBruce McLaren Motor RacingMcLaren M8D-Chevrolet
1971Peter RevsonBruce McLaren Motor RacingMcLaren M8F-Chevrolet
1972George FollmerPenske RacingPorsche 917/10
1973Mark DonohuePenske RacingPorsche 917/30KL
1974Jackie OliverShadow Racing CarsShadow DN4A-Chevrolet
CanAm-Sieger von 1966 bis 1974

1977 erlebt die CanAm einen Neuanfang

Parallel zu CanAm organisierte der SCCA auch eine Formel 5000-Meisterschaft. Das sorgt schon länger für Konflikte. Denn der Formelsport ist das Hoheitsgebiet des United Staats Auto Club (USAC). Nach Jahren der Duldung sieht der USAC nach dem Ende der CanAm eine Möglichkeit, den SCCA weiter zu schwächen. Der SCCA reagiert trickreich, lässt die Teams die offenen Räder der Formel-Fahrzeuge verkleiden und schreibt eine neue CanAm-Serie aus. In dieser neuen Serie fahren jetzt statt klassischen offenen Sportwagen umgebaute Formel-5000-Rennwagen – die Teams freut das, da sie ihre Rennwagen Weiternutzen können.

Jacky Ickx im Lola T333 CS
Jacky Ickx im Lola T333 CS Chevrolet vom Carl A. Haas Racing Team. Unter der Karosserie des CS steckt der Formel 5000-Bolide von Lola (Foto Archiv AutoNatives.de).

Der Franzose Patrick Tambay sichert sich den ersten Titel der neuen Meisterschaft. 1980 kann der Franzose, der später für Ferrari in der Formel 1 an den Start gehen wird, seinen zweiten CanAm-Titel sichern. Dazwischen sichern sich mit Alan Jones (1978) und Jacky Ickx (1979) weitere Formel-1-Stars den neuen CanAm-Titel. Doch dann schwinden langsam die Teilnehmerzahlen. Denn mit der professionell geführten CART-Serie etabliert sich 1979 in den USA ein weiteres attraktives Betätigungsfeld für Profi-Teams. Es lockt vor allem mit dem Start beim Indy 500.

Daher verlassen immer mehr Teams die CanAm-Serie und wechseln in den Formel-Sport. Der SCCA und die Organisatoren der CanAm reagieren und füllen ab 1979 die Felder mit einer zweiten Klasse auf. In dieser kommen verkleidete Rennwagen aus der Formel 2 beziehungsweise Formel Atlantic zum Einsatz. Doch auf Dauer kann das die Abwanderung der Profis nicht aufhalten. 1983 gewinnt mit Jacques Villeneuve, dem Onkel des gleichnamigen Formel-1-Weltmeisters, letztmals ein gestandener Pilot den Titel.

CanAm-Titelträger von 1977 bis 1986

JahrFahrerTeamWagen
1977Patrick Tambay Haas-Hall RacingLola T333CS-Chevrolet
1978Alan JonesHaas-Hall RacingLola T333CS-Chevrolet
1979Jacky IckxCarl Haas RacingLola T333CS-Chevrolet
1980Patrick TambayCarl Haas RacingLola T530-Chevrolet
1981Geoff BrabhamTeam VDSLola T530-Chevrolet / VDS 001-Chevrolet
1982Al Unser Jr.Galles RacingFrissbee GR3-Chevrolet
1983Jacques VilleneuveCanadian TireFrissbee GR3-Chevrolet
1984Michael RoeDon WalkerVDS 002-Chevrolet / VDS 004-Chevrolet
1985Rick MiaskiewiczMosquito AutosportFrissbee GR3-Chevrolet
1986Horst KrollKroll RacingFrissbee KR3-Chevrolet
CanAm-Titelträger von 1977 bis 1986

Titelträger der CanAm Klasse bis zwei Liter (1979 bis 1986)

JahrFahrerTeamWagen
1979Tim EvansDiversified Engineering ServicesLola T290-Ford
1980Gary GovePete Lovely VWRalt RT2-Hart
1981Jim TruemanTrueSportsRalt RT2-Hart
1982Bertil RoosElite RacingMarquey CA82-Hart
1983Bertil RoosRoos Racing SchoolScandia B3-Hart
1984Kim CampbellTom Mitchell RacingMarch 832-BMW
1985Lou SellSell RacingMarch 832-BMW
1986Mauro LanaroLanaro RacingMarch 74B/77B – Ford 4
Titelträger der CanAm Klasse bis zwei Liter (1979 bis 1986)

Das Siechtum der CanAm zieht sich noch drei Jahre hin!

Der SCCA überträgt die Organisation an den Don Walker und Dallas Motorsport. Doch auch das kann den Niedergang nicht aufhalten. Ende 1986 stellt der SCCA die CanAm-Serie offiziell ein. Das letzte offizielle Rennen gewinnt der 17-jährige Paul Tracy. Unter dem Namen „Can Am Teams“ (CAT) führen die verbleibenden Teams die Serie ohne den SCCA ab 1987 fort. Zum Einsatz kommen – wieder als Sportwagen verkleidet – ältere Rennwagen aus der CART-Serie. Doch das Interesse hält sich in Grenzen. Nach nur einem Jahr wird aus der CAT die „American Indycar Series“ (AIS). Einziger Titelträger der CAT bleibt Bill Tempero, der 1987 einen March 85C mit Chevrolet V8 steuerte.

CanAm wird Einheitsklasse – Neustart mit Carol Shelby

SHELBY CAN-AM (Foto: www.shelbycanam.com)
SHELBY CAN-AM (Foto: www.shelbycanam.com)

Ab 1989 versucht der SCCA einen Neustart der CanAm. Dabei soll Carol Shelby helfen. Zusammen mit der Firma Racefab aus Texas entwickelt der legendäre Autobauer die Fahrzeuge der „Shelby Can-Am“. Konstrukteur des neuen Rennwagens ist Alan Burke.

Die Gestaltung der Karosserie übernimmt Peter Brock. Das Einheitsfahrzeug treibt ein 3,3 Liter großer V6 von Dodge an. Von 1991 bis 1996 führt der SCCA die „Shelby Can-Am“ als offizielle Fahrzeugklasse. Dann endet auch die dritte Epoche der CanAm-Geschichte in den USA.

Weitere CanAm-Titelträger

JahrFahrerSerieWagen
1991Scott Harrington (Pro)„Shelby Can-Am“Shelby CAN-AM
1992Kyle Konzer (Pro)„Shelby Can-Am“Shelby CAN-AM
1993Gene Harrington (Pro)„Shelby Can-Am“Shelby CAN-AM
1994Mike Davies (Pro)„Shelby Can-Am“Shelby CAN-AM
1995Mike Davies (Pro)„Shelby Can-Am“Shelby CAN-AM
1996Jerry Gilles (Pro)„Shelby Can-Am“Shelby CAN-AM
Weitere CanAm-Titelträger von 1991 bis 1996

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Als Kind der 1970er-Jahre hatte Tom das große Vergnügen, in einem ausgesprochen automobilen Umfeld aufzuwachsen. Das war der optimale Nährboden, um heute über Autos zu schreiben und regelmäßig am Mikrofon über Autos zu sprechen. Denn Tom Schwede moderiert seit 2010 bei großen Oldtimer- und Klassik-Veranstaltungen in Deutschland. So ist Tom unter anderem bei den Classic Days (früher Schloß Dyck, heute in Düsseldorf) oder dem 1.000 Kilometer-Rennen am Nürburgring zu hören. Wenn Sie also einen Moderator oder Streckensprecher für Ihre Oldtimer-Rallye oder Ihr Oldtimer-Treffen suchen, dann sind Sie bei Tom definitiv richtig!