Auto-Erinnerungen

Mercedes-Simplex – Urvater aller Supersportwagen

Weltrekordler und Grand Prix-Sieger, der Supersportwagen der Daimler-Motoren-Gesellschaft (DMG)

Zugegeben, eine eindeutige Definition für Supersportwagen gibt es nicht. Klar ist, dass bei einem Supersportwagen die Fahrleistungen im Vordergrund stehen. Daher gelten heute der Aston Martin Valkyrie, der Ferrari SF90 Stradale oder der Rimac Nevera als Supersportwagen. Doch was war eigentlich der erste Supersportwagen der Auto-Geschichte? Vermutlich war dies der Mercedes-Simplex, denn mit der Sportwagen entstand für die Straße und gewann nach wenigen Wochen seinen ersten Grand Prix.

Mercedes-Simplex 40 PS aus dem Jahr 1903.
Bis heute zeigt die Daimler AG ihren Mercedes-Simplex 40 PS aus dem Jahr 1903 regelmäßig bei Veranstaltungen in aller Welt. Der Supersportwagen seiner Zeit gilt als ältester noch existierender Mercedes. (Foto: Daimler AG)

120 Jahre ist das her, dass die Daimler-Motoren-Gesellschaft (DMG) den ersten Mercedes-Simplex 40/45 PS auslieferte. Käufer war Daimler-Stammkunde Emil Jellinek. Der ehemalige Tabakhändler, Versicherungsmanager und Diplomat galt als Golden Boy der Jahrhundertwende-Zeit. Was der 1853 in Leipzig geborene Jellinek auch anging, es entwickelte sich meist zu einer Erfolgsstory. Früh interessierte sich der zunächst in Baden bei Wien ansässige Jellinek fürs Auto, reiste schon 1896 nach Cannstatt, um Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach kennenzulernen.

Begeistert vom Treffen mit den beiden Technikern bestellte Jellinek bei ihrer DMG ein Auto. Es war der Start einer für beide Seiten lukrativen Zusammenarbeit. Denn zunächst wurde der Multi-Unternehmer Stammkunde der Auto-Manufaktur DMG, kaufte mehrere Autos, um sie selbst zu fahren. Dann übernahm Jellinek den Handel mit Fahrzeugen von Daimler an der Côte d’Azur und der Riviera. Denn dort lebte Jellinek inzwischen einen Großteil des Jahres. Das öffnete dem Autobauer die Türen zur besseren Gesellschaft, deren Teil der Unternehmer war.

Jellinek orderte ein Drittel des Jahresproduktion!

Der Autohändler Jellinek erkannte den Werbewert des Motorsports für sein Geschäft und trat selbst bei Auto-Rennen an. 1898 siegte er mit einem Daimler-Tourenwagen bei der Semaine automobile in Nizza. Ähnlich wie heute Sebastian Vettel seinen Rennwagen Spitznamen gibt, meldete der Rennfahrer Jellinek seinen Daimler bei dieser Gelegenheit als Mercedes. Damit verewigte der Tausendsassa den Rufnamen seiner Tochter Mercédès Jellinek fest in der Automobil-Geschichte. Denn auch im Folgejahr brachte Jellinek seine Rennwagen bei der Rennwoche in Nizza als Mercedes an den Start. Seine Fahrer Wilhelm Bauer und Hermann Braun traten als „Mercedes I“ und „Mercedes II“ an.

Geschäftsmann Emil Jellinek im Jahr 1900
Geschäftsmann Emil Jellinek: Diese Porträtaufnahme aus dem Jahr 1900 nahm Baron Henri de Rothschild auf. Der vermögende Arzt fuhr Rennen und fotografierte leidenschaftlich. (Foto: Daimler AG)

Im April 1900 bestellte Jellinek gleich 36 Wagen bei der Daimler-Motoren-Gesellschaft (DMG). Das war damals ein Drittel der Jahresproduktion. Als Gegenleistung forderte Großkunde Jellinek den Alleinvertrieb in Österreich-Ungarn, Frankreich, Belgien sowie den USA und die Konstruktion eines neuen Autos. Denn für den Einsatz im Motorsport wünschte sich Jellinek von Wilhelm Maybach, dem Chefkonstrukteur der DMG ein Auto mit größerer Spurweite, niedrigerem Schwerpunkt und stärkerer Motorleistung als die bisher verfügbaren Fahrzeuge. Die DMG akzeptierte und lieferte noch im gleichen Jahr das gewünschte Fahrzeug.

Der erste Schritt: Mercedes 35 PS

Es gilt heute als erstes Auto moderner Prägung. Herzstück des neuen Fahrzeugs war ein Motor aus Leichtmetall, der aus einem Hubraum von 5.918 ccm satte 35 PS leistete. Dieser Motor saß im Chassis nicht mehr in einem Hilfsrahmen, wie es zuvor üblich war. Stattdessen verengte der Konstrukteur Maybach den vorderen Rahmenteil vor den Füßen der Passagiere derart, dass der Motor direkt auf den erstmals bei der DMG aus Stahlblech gepressten – und nicht mehr gefalzten – Längsträgern verschraubt werden konnte. Damit sparte der Konstrukteur nicht nur Gewicht ein, er erreichte auch den angestrebten tieferen Schwerpunkt.

Der erste "Mercedes", der 35-PS Rennwagen von 1901.
Der erste „Mercedes“, der 35-PS Rennwagen von 1901. (Foto: Daimler AG)

Bahnbrechend war auch der – bis heute in der Grundsubstanz unveränderte – neue Bienenwabenkühler des Autos. Stand der Technik waren zuvor Rohrschlangenkühler, deren Effizienz sehr zu wünschen übrig ließ. Maybach ließ für den neuen Wagen aus mehr als 8.000 quadratischen, sechs mal sechs Millimeter messenden Röhrchen einen völlig neuartigen, rechteckigen Kühler zusammenlöten. Mit dieser Konstruktion lies sich eine deutlich bessere Kühlwirkung bei gleichzeitig erheblich reduziertem Wasserbedarf erreichen. Jellinek vermarktete den neuen Daimler als Mercedes 35. Bei der DMG hieß das Fahrzeug zunächst einfach „Neuer Daimler“. Die zeitgenössische Presse feierte den Mercedes 35 als bestes Auto seiner Zeit:

Es besteht kein Zweifel, dass sich diese Maschinen derzeit an der Spitze befinden. Bereits 1900 haben sich die [Daimler-]Motoren bewährt, nun bewähren sich die Automobile als Ganzes.

„L’Auto-Vélo“, 26. März 1901, „Il est évident que ces engins sont maintenant au point. Déjà en 1900 ils avaient fait leur preuve comme moteur; cette année, ils l’o nt fait comme véhicule.“

Bereits der Mercedes 35 PS beziehungsweise „Neue Daimler“ trat wie seine Vorgänger bei Rennen an und sicherte Händler und Hersteller weitere prestigeträchtige Siege. Auch die Rennsporterfolge fanden Beachtung in zeitgenössischen Medien. Noch während der Rennwoche von Nizza schrieb die französische Zeitung „La Presse“:

Die beste Zeit bei den Automobilen ist vom Fahrzeug ‚Mercedes’ des Dr. Pascal (Henri de Rothschild) erzielt worden. Das deutsche Fahrzeug mit 35 PS ist vom Mechaniker Werner gefahren worden, der bereits im großen Rennen am Montag gewonnen hat. Die Zeit, 18:49 Minuten, hat auch den Rekord von Levegh gebrochen. Ganz klar haben die französischen Konstrukteure dem derzeit nichts entgegenzusetzen.

„La Presse“, 30. März 1901, über Nizza–L a Turbie: „Le meilleur temps pour les voitures a été fait par la voiture la < Mercédès > du Dr. Pascal (Henri de Rothschild), voiture allemande de la force de 35 chevaux, pilotée par le mécanicien Werner, déjà vainqueur de la grande course de lundi dernier. Le temps, 18 m. 49 s., bat aussi le record de Levegh. Décidément, les constructeurs français n’ont qu’à bien se tenir!“

Ganz beiläufig offenbarte die Zeitung, dass der Arzt Henri de Rothschild, der aus angesehenen Familie Rothschild stammte und seinen Mercedes über Emil Jellinek erwarb, unter dem Pseudonym „Dr. Pascal“ antrat.

Der Mercedes-Simplex 40 PS von Henri de Rothschild (alias „Dr. Pascal“) bei der Erprobung auf der Strecke von Nizza nach La Turbie im März 1902. (Foto: Daimler AG)
Der Mercedes-Simplex 40 PS von Henri de Rothschild (alias „Dr. Pascal“) bei der Erprobung auf der Strecke von Nizza nach La Turbie im März 1902. Die beiden Fahrzeuge im Hintergrund zeigen, welchen Aufwand die Daimler-Motoren-Gesellschaft (DMG) und Emil Jellinek betrieben, um die wohlhabenden Kunden zu unterstützen. (Foto: Daimler AG)

Wie damals üblich überließ der Fahrzeugeigner das Fahren teilweise einem vom Werk gestellten Mechaniker. Für Henri de Rothschild trat der Deutsche Christian Werner an. Die DMG profitierte von den Erfolgen, denn die Siege belegten auch die Zuverlässigkeit der Fahrzeuge. Bemerkenswert war, dass der zweisitzige Rennwagen durch ein in wenigen Minuten anzuschraubendes Karosserieteil auch einen eleganten Viersitzer abgab. Noch heute im Motorsport gebräuchliche Bezeichnungen Sportwagen (Zweisitzer) und Tourenwagen (Viersitzer) stammen aus dieser Zeit.

Weiterentwicklung zum Mercedes-Simplex 40/45 PS

Trotz der Erfolg stand die Entwicklung nicht still. Denn auf Basis des 35 PS entstand bald der Mercedes-Simplex 40/45 PS. Maybach vergrößerte den Hubraum auf 6.786 ccm und verlängerte den Radstand. Zudem verbesserte jetzt ein „automatisches“ Auskuppeln und Abbremsen der Antriebswelle beim Betätigen des Schalthebels den Bedienkomfort – was sich im Namenszusatz „Simplex“ niederschlug. Den ersten Simplex lieferte die DMG Anfang März 1902 an Jellinek, der das Fahrzeug sofort bei der Rennwoche von Nizza an den Start brachte. Am 7. April 1902 setzte dort der Brite E. T. Stead beim Bergrennen von Nizza nach La Turbie mit dem Fahrzeug einen neuen Streckenrekord.

Im Mai 1902 fuhr William K. Vanderbilt Jr. mit dem Simplex zum Weltrekord über einen Kilometer mit fliegendem Start. 111,8 km/h war der Amerikaner auf der Straße von Ablis nach Chartres in Frankreich schnell. Spätestens damit darf der Simplex bis heute als Supersportwagen gelten. Der Mercedes-Simplex 40/45 PS des Milliardärs Vanderbilt gilt heute als der älteste noch existierende Mercedes und gehört inzwischen zum Bestand des Mercedes-Benz-Museums in Stuttgart. Der Vanderbilt-Simplex war der fünfte gebaute Simplex, weshalb die Fans ihn heute als „Nummer 5“ bezeichnen.

Supersportwagen – Nummer 5 lebt

William K. Vanderbilt Jr. holte den Supersportwagen am 14. März 1902 persönlich bei der DMG ab und überführte ihn anschließend selbst nach Frankreich. Nach einem kurzen Aufenthalt in Paris fuhr der Amerikaner mit dem Mercedes zunächst nach Nizza. Von dort brach der Amerikaner sechs Wochen später zu den Rekordfahrten im Norden Frankreichs auf. Als Vanderbilt später in seine amerikanische Heimat zurückkehrte, ließ der Autofans auch den Mercedes in seine Heimat verschiffen. 1923 übernahm ein deutscher Rennmechaniker, der in den USA eine Mercedes-Werkstatt betrieb, den Supersportler.

Der neue Eigentümer setzte den Simplex als Ersatzteiltransporter ein. Sieben Jahre später kauften die Erben des Medienmoguls Edward Willis Scripps den Mercedes. Bis in die frühen 1940 diente der Mercedes, der einst zu Rekorden fuhr, den Kindern der Familie als Fahrschulauto, um dann in einer Scheune zu verschwinden. Der Hotelier Bill Evans Sr. erlöste den Supersportwagen 1960 aus diesem Dämmerzustand. Evens erwarb den Mercedes Simplex, um ihn in einem Hotel in San Diego auszustellen. Später kaufte Daimler-Benz diesen historischen Rennwagen zurück. Die durchgängig belegte Geschichte des Fahrzeugs macht „Nummer 5“ zu einem Meilenstein der Unternehmens-Geschichte.

Der Simplex als erster Grand Prix Sieger von Daimler

Der Erfolg bei der Rennwoche von Nizza und der Weltrekord beflügelten den DMG-Absatz. Im Juni 1902 meldete die DMG „Mercedes“ als Warenzeichen an, um fortan alle Produkte des Hauses als Mercedes zu verkaufen. Das gefielt auch Emil Jellinek, der inzwischen im Aufsichtsrat des Unternehmens saß. Zudem zwang das Schicksal 1903 die DMG zur eigentlich nicht geplanten Weiterentwicklung des Mercedes-Simplex. Denn ein Feuer auf dem Werksgelände zerstörte die für das Gordon-Bennett-Rennen neu konstruierten „Mercedes 90 PS“. Als Ersatz rüstete die DMG für das Gordon-Bennett-Rennen drei Mercedes-Simplex mit einem 9.240 ccm großen Triebwerk aus.

Camille Jenatzy, Sieger des Gordon-Bennett-Rennens 1903 mit dem Mercedes-Simplex 60 PS
Camille Jenatzy, Sieger des Gordon-Bennett-Rennens in Irland am 2. Juli 1903, auf dem Mercedes-Simplex 60 PS. Der Supersportwagen gehörte Clarence Gray Dinsmore. Der amerikanische Millionär stellte sein Fahrzeug der Daimler-Motoren-Gesellschaft für das Rennen zur Verfügung (Foto: Daimler AG).

Dieses Mercedes-Simplex 60 PS genannte Auto ließ die DMG in Irland gegen die internationale Konkurrenz aus Großbritannien, Frankreich und den USA antreten. Dabei sorgte der belgische Rennfahrer Camille Jenatzy am 2. Juli 1903 für den ersten Grand Prix Erfolg der Marke Mercedes. Nebenbei bestätigte der Belgier die zwei Jahre zuvor von Emil Jellinek getätigte Ankündigung: „Was Sie heute sehen, ist nichts im Vergleich zu dem, was Sie morgen sehen werden.“ Ein Ausspruch, den bis heute immer wieder neue Supersportwagen eindrucksvoll untermauern.


Infos zum Titelbild dieses Beitrags:
Bis heute zeigt die Daimler AG ihren Mercedes-Simplex 40 PS aus dem Jahr 1903. regelmäßig bei Veranstaltungen in aller Welt. Der Supersportwagen des Jahres 1903 gilt als ältester noch existierender Mercedes.

Foto: Daimler AG

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Als Kind der 1970er-Jahre hatte Tom das große Vergnügen, in einem ausgesprochen automobilen Umfeld aufzuwachsen. Das war der optimale Nährboden, um heute über Autos zu schreiben und regelmäßig am Mikrofon über Autos zu sprechen. Denn Tom Schwede moderiert seit 2010 bei großen Oldtimer- und Klassik-Veranstaltungen in Deutschland. So ist Tom unter anderem bei den Classic Days auf Schloß Dyck oder dem 1.000 Kilometer-Rennen am Nürburgring zu hören.

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