von Tom Schwede am 30.04.2026

Aus dem Archiv: Transporter, Holzbalken und Improvisation? Fahrerlager!

Transporter, Zelte, Werkzeug im Gras: Ein seltenes Foto aus dem Fahrerlager der Formel Super Vau zeigt, wie Rennteams in den 1970ern noch arbeiteten.

Formel Super V im Fahrerlager der 70er

Formel Super V im Fahrerlager der 70er: Ein Blick hinter die Kulissen am Nürburgring – zwischen Improvisation, Werkzeugkisten und echtem Rennsport. (Foto: Archiv Wiedl)

Wer heute im Fahrerlager einer internationalen Topserie unterwegs ist, der sieht eine Kleinstadt mit gepflegten Bars und Restaurants. Dazu gibt es Büros und ein paar edle Boutiquen, die mit Fanartikeln handeln. Die Rennwagen sind gut versteckt in den Boxen untergebracht. Diese gleichen einem Hochsicherheitsbereich. Dort hat nur Zutritt, wer den richtigen Pass hat.

Umso mehr reicht ein kurzer Blick auf ein altes Fahrerlagerfoto, um zu verstehen, wie sehr sich der Motorsport verändert hat. Unser heutiges Archivbild entstand in der ersten Hälfte der 1970er-Jahre am Nürburgring. Und es erzählt heute mehr als jede Statistik. Denn es zeigt keine Hochglanzwelt, keine Hospitality-Zelte mit Espressomaschine und Glasfassade. Kurzum, es zeigt das, was Rennsport lange Zeit ausmachte: Improvisation, Pragmatismus und eine gehörige Portion Enthusiasmus.

Ein Team der Formel Super Vau bereitet sich auf den Start vor. Der Wagen steht einfach im Gras, ist auf einem Reifen aufgebockt. Ein Vorderreifen lehnt an der Radnarbe und wartet darauf, aufgezogen zu werden. Im Gras liegt ein Radkreuz. In der Nähe steht eine offene Werkzeugkiste. Der Umgang mit dem Benzinkanister, der achtlos im Gras liegt, würde heute den Umweltbeauftragten der Veranstaltung auf die Palme bringen.

So sah Rennsport wirklich aus!

In den geöffneten Transportern, zum Teil einfache Pritschenwagen, liegen noch ein paar lose Ersatzteile. Fast das wichtigste Werkzeug sind die massiven Holzbalken, die benötigt werden, um den Rennwagen in den Transporter zu bekommen. Und zur Not eignen sie sich auch als mobile Hebebühne. Alles zusammen ist keine Inszenierung, es war der Alltag der Teams.

Die Mechaniker knien im Dreck, wortwörtlich. Es gibt keine sauberen Werkstattböden, keine Rollwagen mit perfekt sortierten Schubladen. Stattdessen: improvisierte Arbeitsplätze, ein Brett vielleicht als Unterlage, ein Reifen als Sitz. Wer hier schraubt, weiß, was er tut und in der Regel auch, wie man mit wenig Mitteln viel erreicht. Dabei ging es hier nicht nur um die Goldene Ananas.

Denn die Formel Super Vau war damals eine der spannendsten Nachwuchsserien Europas. Technisch zwar lange überschaubar, aber fahrerisch anspruchsvoll. Und vor allem: bezahlbar. Genau deshalb sahen die Teams auch so aus. Viele waren Einzelkämpfer mit Begleitung. Der Mechaniker war oft gleichzeitig Fahrer, Teamchef oder zumindest enger Vertrauter.

Arbeitsteilung im heutigen Sinne? Fehlanzeige.

Und trotzdem: Es fehlte nichts Entscheidendes. Und das ist vielleicht der wichtigste Punkt: Es funktionierte! Der Rennbetrieb lief, die Autos waren schnell, die Rennen hart umkämpft. Der Nürburgring mit seiner Nordschleife und seinen besonderen Bedingungen verlangte den Teams alles ab. Wer hier bestehen wollte, brauchte keine Hochglanzstruktur. Er brauchte Nerven, Können und Einfallsreichtum.

Schaut man genauer hin, erkennt man auch die Ruhe im Chaos. Jeder scheint zu wissen, was zu tun ist. Es gibt keine Headsets, keine Tablets, keine Dateningenieure. Kommunikation passiert direkt, oft mit einem kurzen Zuruf oder einem Blick. Vielleicht ist es genau das, was den Charme solcher Aufnahmen ausmacht: Sie zeigen Motorsport in seiner ursprünglichen Form. Nicht als Show, sondern als Handwerk.

Als Zusammenspiel von Menschen, die ein gemeinsames Ziel haben: Das Auto unter allen Umständen wieder auf die Strecke zu bringen. Heute würde man für eine solche Szene wahrscheinlich den Begriff „Retro“ bemühen. Damals war es einfach Realität. Und vielleicht, ganz vielleicht, war sie ehrlicher als vieles, was danach kam.


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