Neulich kam bei unseren Benzingesprächen die Frage danach auf, welches einzelne Auto am häufigsten an den 24 Stunden von Le Mans teilnahm. In unserer launigen Runde fielen schnell Namen wie Porsche oder Ferrari. Als wir an die Anfangstage des Rennens dachten, spekulierten wir über Nahmen wir Jaguar oder Bentley. Alles falsch, die richtige Antwort lautet Rondeau M378 Cosworth GTP Coupé. Denn der erste Rondeau, der auch diesen Namen trug, trat von 1978 bis 1988 satte zehn Mal beim großen Rennen in Frankreich an.

Jean Rondeau nahm 1972 erstmals am großen Rennen in seiner Heimatstadt teil. Das Jahr 1972 gilt heute als Zeitenwende im Langstreckensport. Denn seit dem Beginn des Jahres durften die Sportprototypen in der Sportwagen-Weltmeisterschaft ihre Kraft nur noch aus einem Hubraum von drei Litern schöpfen. Damit „verschwanden“ Boliden wie der Porsche 917, der Ferrari 512S oder der Lola T70 in der CanAm-Serie in Nordamerika.

Das veränderte die europäische Sportwagen-Szene. Neben Werkswagen von Ferrari, Alfa Romeo oder Porsche traten in Le Mans jetzt auch zahlreiche Teams mit den Rennwagen der britischen Rennwagenbauer an. Mittendrin der Nachwuchsfahrer Jean Rondeau, der nach Achtungserfolgen in der Formel Renault 1972 einen Sitz im Chevron B21 des Briten Brian Robinson fand. Zwei Jahre kehrt Jean Rondeau im Cockpit eines Porsche 908 an die Sarthe zurück.

1975 gehört der Franzose zum Semi-Werksteam von Mazda, das mit einem Wankel-Motor in Le Mans ausrückt. Etwas zeitgleich reifte in Rondeau die Idee zum Bau eines eigenen Rennwagens. Den Antrieb soll eine Rennversion des Euro-V6 übernehmen, um Sponsoren aus Frankreich zu gewinnen. Doch Rondeau erkannte schnell, dass mit dem vom Peugeot, Renault und Volvo entwickelten V6 im Rennbetrieb kein Staat zu machen ist.

In der GTP-Klasse mied Jean Rondeau den Zweikampf mit Porsche und Co.

Jean Rondeau konstruierte einen Rennwagen für die GTP-Klasse. Mit der Wahl der Klasse vermied Rondeau die direkte Konfrontation mit den Werkswagen von Porsche oder Alpine-Renault, die in der FIA-Gruppe-6 antraten. Beim Antrieb setzt Rondeau auf die 415 PS starke Langstreckenversion des Cosworth DFV. Damit folgte der Franzose dem Zeitgeist. Denn auch im 1975 siegreichen Golf GR8 von John Wyer sorgte der Cosworth-Motor für Vortrieb.

Heckflügel des Rondeau M378 Cosworth Chassis 001
Heckflügel des Rondeau M378 Cosworth Chassis 001

Im Tapetenhersteller Inaltera fand Rondeau einen Geldgeber für das Abenteuer. Die Regeln der GTP-Klasse verlangten einen geschlossenen Sportwagen. Zudem gab es eine Mindestgröße für die Frontscheibe. Weshalb das Greenhouse des Inaltera LM getauften Rennwagens im Vergleich zum restlichen Rennwagen recht groß ausfiel. Schon beim Debüt gewann das Team mit dem Inaltera LM die GTP-Klasse.

Ein Jahr später wiederholte das Team diesen Erfolg. Dabei verpassten die Piloten Jean Rondeau und Jean Ragnotti mit Platz vier nur knapp das Podium. Trotzdem zog sich Sponsor und Namensgeber Inaltera am Ende des Jahres fast über Nacht zurück. Der Umsatz des Unternehmens wuchs in den zwei Jahren, die es als Sponsor in Le Mans aktiv war, um fast 40 Prozent. Damit hatte das Unternehmen seine Ziele erreicht und Jean Rondeau stand ohne Rennwagen dar.

Denn die bisher entstandenen Rennwagen fielen dem ehemaligen Sponsor zu. Der verkauft die Rennwagen an Heini Mader, um Motoren-Rechnungen zu begleichen. Im Team von André Chevalley Racing kehrt einer der Inaltera noch einmal nach Le Mans zurück. Einen der anderen Rennwagen verkauft Mader an einen Schweizer Autohausbesitzer, der den Inaltera zeitweilig – mit BMW-Motor – im Alltag nutzt. Etwas, was aufmerksame Leser unseres Blogs vom DOME RC82 kennen.

Jean Rondeau gründet ein eigenes Team!

Doch der Rennfahrer und Konstrukteur wagt einen Neustart. Rondeau stellt einen neuen Rennwagen auf die Räder. Der Neue stellt eine Weiterentwicklung des erfolgreichen Inaltera LM dar. Das überrascht nicht, denn die Grundlage des neuen Rennwagens sind die Pläne des Alten. Um den Einsatz der PR-Agentin Marjorie Brosse zu würdigen, die unermüdlich um Sponsoren für das neue Team kämpft, tauft Rondeau den neuen Rennwagen M378.

Inaltera LM
Auch der Inaltera LM stammt aus der Werkstatt von Jean Rondeau. Inzwischen sind die originalen Inaltera restauriert und werden bis heute regelmäßig bei historischen Motorsport-Veranstaltungen in Le Mans eingesetzt. (Foto: Tom Schwede)

SKF, schon vorher Co-Sponsor, bleibt an Bord ein und ermöglicht der Einsatz in Le Mans. Wie sein „Vorgänger“ basiert auch der M378 auf einem Gitterrohrrahmen. Im Motorenraum vertraut Rondeau auf eine Boxbauweise aus Alublechen. Über dem Rahmen sorgt eine GFK-Karosserie für die aerodynamische Form des Rennwagens. Anders als beim Inaltera LM gestaltet Rondeau das Heck.

Denn der Inaltera hatte am Heck „nur“ zwei Finnen. Beim M378 sitzen dort zwei kleine Flügel. Bereits beim Debüt 1978 gewann der Rondeau M378 die GTP-Klasse und fährt – nebenbei – auf Platz neun im Gesamtklassement. Dank des Erfolgs gewinnt Teamchef und Namensgeber Jean Rondeau renommierte Geldgeber. Schon 1979 tritt Rondeau mit drei Fahrzeugen in Le Mans an. Dabei kommt auch der Rennwagen des Vorjahrs wieder zum Einsatz.

Der M378 heißt jetzt M379 … der Cosworth bleibt an Bord

Weil Konstrukteur Rondeau das Chassis 001 auf den Stand der später gebauten Fahrzeuge bringt, steht der Rennwagen diesmal als Rondeau M379 in den Starterlisten. Anders als seine Brüder, die Rondeau in der großen Sportwagenklasse meldet, tritt „001“ wieder in der GTP-Klasse an. Jean Rondeau teilt sich den Boliden mit Jacky Haran, der bereits im Vorjahr zusammen mit dem Teamchef ins Lenkrad griff. Ein Unfall reißt „001“ diesmal aus dem Rennen.

Trotzdem ist der Rennwagen auch 1980 wieder in Le Mans am Start. Beim dritten Start gelingt „001“ erneut der Klassensieg. Zudem fahren Gordon Spice sowie Philippe und Jean-Michel Martin als Dritte ins Ziel. Dank der belgischen Brüder ist bei diesem Rennen Sponsor Belga an Bord, in dessen Kleid der Rondeau M378 heute wieder erstrahlt. Doch trotz des Podiums der „001“ bleibt das Rennen natürlich vor allem in Erinnerung, weil Teamchef Jean Rondeau zusammen mit Jean-Pierre Jaussaud im Chassis „003“ das Rennen gewinnt.

Rondeau M378 Cosworth Chassis 001 - gesehen 2018 in Essen
In diesem Kleid tritt der Rondeau 1981 ein … und wird Zweiter in Le Mans

1981 übertrumpft „001“ den eigenen Erfolg des Vorjahrs. Diesmal teilen sich Jacky Haran, Jean-Louis Schlesser und Philippe Streiff den Rennwagen. Sie gewinnen erneut die GTP-Klasse und kommen als Zweite des Gesamtklassements ins Ziel. Zu diesem Zeitpunkt hat Chassis „001“ bereits 1.170 Runden oder fast 16.000 Kilometer in Le Mans im Renntempo absolviert. Doch statt in Rente zu gehen, spult der Rennwagen in den nächsten Jahren weitere Runden in Le Mans ab.

1982 gehen in Le Mans gleich sechs Rennwagen von Rondeau ins Rennen. Es ist das erste Jahr der Gruppe C, die geschlossene Rennwagen vorschreibt. Daher geht der Rondeau M379 „001“ als Gruppe C Prototyp an den Start. Der Klassiker schlägt sich erstaunlich gut. Denn nach 24 Stunden kommt der erste Rondeau als Zehnter ins Ziel. Diesmal hat der Rennwagen 306 Runden abgespult.

„001“ rennt (immer) weiter …

Ein Jahr später beendet „001“ das Rennen vorzeitig nach „nur“ 136 Runden. Im Cockpit sitzt mit Vic Elford eine echte Motorsport-Legende. Der Brite beendet nach dem Rennen seine aktive Karriere. Und auch Jean Rondeau zieht sich – zumindest als Teamchef – nach dem Rennen aus dem Motorsport zurück. Denn von den sieben Rennwagen von Rondeau, die das Rennen aufnehmen, sieht nur einer die Zielflagge.

Als Jean Rondeau das Team auflöst, erwirbt Jean-Philippe Grand den Rennwagen mit der Chassis-Nummer „001“. In den Händen von Grand und seinen Teamkollegen Jean-Paul Libert und Pascal Witmeur kommt der „Oldtimer“ 1984 als Elfter ins Ziel und spult 310 Runden ab. Diesmal geht der Rondeau in der Gruppe C2 an den Start. In der Klasse der „kleinen“ Gruppe-C-Prototypen kommt der Rennwagen als Zweiter ins Ziel.

Jean-Philippe Grand reicht den Rondeau an Noël del Bello weiter. Der Franzose tritt mit dem M379 in den Jahren 1985 und 1986 in Le Mans an. Beim ersten Versuch beendet ein Schaden an der Aufhängung die Fahrt. Ein Jahr später gelingt die Zielankunft. Fahrzeugeigner del Bello verkauft den Rennwagen an Pierre-Alain Lombardi weiter. Der Schweizer tritt 1988 nochmals mit dem inzwischen zehn Jahre alten Rennwagen in Le Mans an.

Heck des Rondeau M378 Cosworth Chassis 001
Heck des Rondeau M378 GTP Coupé

Zusammen mit Bruno Sotty fügt Lombardi der langen Le Mans Geschichte des Rondeau Chassis-Nummer „001“ immerhin weitere 271 Runden hinzu. Obwohl das Team bis zum Ende des Rennens auf der Strecke unterwegs ist, nimmt Le Mans Veranstalter ACO den Rennwagen aus der Wertung. Der Rückstand auf den siegreichen Jaguar ist zu groß. Denn zur Spitze fehlen dem „alten“ Rondeau statte 123 Runden.

Nach dem Rennen erwirbt ein amerikanischer Sammler den ersten Rondeau. Der neue Eigentümer setzt das Fahrzeug optisch in das Jahr 1980 zurück und tritt damit viele Jahre im historischen Motorsport an. 2012 versteigert Monaco RM den Rennwagen. Vor der Auktion schätzen Fachleute den Wert des Rennwagens auf 600.000 bis 750.00 Euro. Das ist trotz der einzigartigen Geschichte des Rennwagens zu optimistisch. Denn der erste Rondeau wechselt schließlich für 358.400 inklusive der Auktionsgebühren den Besitzer.

Alle Le Mans Einsätze des Rondeau M378 Cosworth Chassis 001 im Überblick:

Jahr Fahrer Klasse Runden Distanz Ergebnis

1978

Jean Rondeau, Jacky Haran und Bernard Darniche GTP

294

4010 km

Platz 9 / Klassensieg GTP

1979

Jean Rondeau und Jacky Haran GTP

207

2821 km

Unfall

1980

Gordon Spice, Philippe und Jean-Michel Martin GTP

329

4483 km

Platz 3 / Klassensieg GTP

1981

Jacky Haran, Jean-Louis Schlesser und Philippe Streiff GTP

340

4633 km

Platz 2 / Klassensieg GTP

1982

Pierre Yver, Bruno Sotty und Lucien Guitteny C

306

4170 km

Platz 10

1983

Vic Elford, Joël Gouhier und Anne-Charlotte Verney C

136

1853 km

Motorschaden

1984

Jean-Philippe Grand, Jean-Paul Libert und Pascal Witmeur C2

310

4224 km

Platz 11 / 2. C2

1985

Noël del Bello, Michel Dubois und Hubert Striebig C2

65

886 km

Schaden an der Aufhängung

1986

Noël del Bello, Lucien Rossiaud und Bruno Sotty C2

278

3761 km

Platz 17

1987

nicht am Start

1988

Pierre-Alain Lombardi und Bruno Sotty C2

271

3668 km

nicht klassifiziert

Insgesamt dreht das Rondeau M378 Cosworth GTP Coupé in Le Mans 2.536 Runden im Renntempo. Dabei legt der Rennwagen mit dem Chassis „001“ mehr als 34.500 Kilometer zurück.

Für Vortrieb sorgte dabei der Cosworth-V8 DFV. Kenner wissen, dass die ab 1981/82 offiziell von Cosworth angebotenen Langstrecken-Varianten DFL mit 3.955 ccm (Bohrung x Hub: 90,0 mm x 77,7 mm) oder 3.298 ccm (Bohrung x Hub: 90,0 mm x 64,8 mm) unter starken Vibrationen litten. Doch Rondeau vertraut auf eine 415 PS (bei 9.000 1/min) starke Langstreckenversion von Heini Mader Racing Components S.A. Der Schweizer Tuners Heini Marder fand offensichtlich einen Weg, den F1-Motor auch auf der Langstrecke einzusetzen.  Denn bei zehn Starts in Le Mans fiel der erste Rondeau mit seinem Marder-Motors nur einmal mit Motorschaden aus.

2 Kommentare

  1. Leo M. Faenhusen Reply

    Mich würde interessieren, was mit den anderen Fahrzeugen von Rondeau ist. Wo sind die Inaltera und die ganzen 379, 382 und 482 die bei Rondeau entstanden?

    • Mich auch 🙂 Zumindest die Inaltera gibt es noch, die drei Fahrzeuge habe ich in Frankreich bei Classic-Veranstaltungen sowohl in Le Mans als auch auf dem Circuit du Val de Vienne alle schon gesehen.

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