Rennsport-Geschichten

Shadow und die Legende des Don Nichols

50 Jahre Shadow Racing

Vor 50 Jahren betrat Shadow und sein Teamchef Don Nichols mit einem spektakulären Rennwagen in der CanAm-Serie die internationale Bühne des Motorsports. Drei Jahre später stieg das amerikanische Team auch in die Formel 1 ein und gewann immerhin einen Grand Prix. Bis zum Ende des Teams 1980 fehlte in fast keinem zeitgenössischen Bericht über das Team der Hinweis auf die Geheimdienst-Vergangenheit seines Gründers. Neue Unterlagen zeigen, dass diese wohl eine Legende war.

Jackie Oliver im Shadow DN2 beim CanAm-Rennen in Road Atlanta 1973
Jackie Oliver im Shadow DN2 beim CanAm-Rennen in Road Atlanta 1973 – Foto: Jack Webster – Archiv Fabian Wiedl

Obwohl Shadow nur gut zehn Jahre im internationalen Motorsport aktiv war, fasziniert das Team viele Motorsport-Fans immer noch. Bis heute gibt es Fan-Artikel des Teams zu kaufen. Auch ich fand das Team immer spannend. Wobei ich das Team eigentlich eher zufällig entdeckte. Im Sommer 1975 besuchten meinen Eltern erstmals mit mir den Nürburgring. Dort angekommen ging es zunächst mit dem Renault R4 meiner Mutter als Touristenfahrer auf die Nordschleife. Nach einer Runde, die ich größten Teils stehend zwischen den Vordersitzen verbrachte, durfte ich mir ein Souvenir aussuchen.

Ich entschied mich für ein Quartett mit dem Titel „Weltmeister am Nürburgring“. Es zeigte die Vielfalt der Rennwagen und Motorräder, die in den frühen 1970er-Jahren Wettbewerbe auf der Nordschleife austrugen. Das „1.000-Kilometer-Rennen“ eröffnete den Reigen der Spielkarten. Dem „Großen Preis von Deutschland“ sowie Grand-Prix-Boliden und -Piloten waren die Spielkarten 2a bis 5d vorbehalten. Und irgendwie fraß ich einen Narren an den Karten „3b“ und „4a“. Sie zeigten den „Shadow DN1“ des – damals – als „UOP Shadow“ antretenden Rennstalls.

Shadow DN5 aus der Formel 1
Shadow DN5 aus der Formel 1 im historischen Motorsport. (Foto: Tom Schwede)

Auf Karte „3b“ stand: „Neu unter den Formel-1-Konstrukteuren ist der UOP-Shadow, der beim Großen Preis von Deutschland den 8. Platz errang. Die riesige Hutze hinter dem Fahrer ist ein Staudruck-Kasten für die Ansaugrohre.“ Es folgten die technischen Daten (Zylinder: 8, PS: 470, Hubraum: 3 Liter, Spitze: 320 km/h) sowie ein Verweis auf den britischen Fahrer Jackie Oliver. Keine Ahnung, warum mir Shadow so besonders gefiel. Aber fortan verfolgte ich alles, was ich über Shadow fand.

Die Legende des Don Nichols!

Heute denke ich, dass möglicherweise das auch Logo des Teams mein Interesse weckte. Auf dem Rücken der Mechaniker, die auf einer Karte am DN1 arbeiteten, erblickte ich eine der Romanfigur Zorro nachempfundene Silhouette. Zur Erinnerung, das war zu einer Zeit als kaum jemand der Werbung für den Spielfilm „Zorro“ mit Alain Delon entkam. Dieser Film lief etwa zeitgleich in den bundesdeutschen Kinos an. Er machte Zorro zum Helden unseres Schulhofs – obwohl keiner von uns damals den Film sehen durfte.

Der rätselhafte Rächer passte gut zum Motorsport-Team des Amerikaners Don Nichols. Denn damals gab es keinen Artikel, der die – angebliche – Geheimdienst-Vergangenheit des Team-Chefs ignorierte. Wobei Nichols in Interviews eine Antwort auf die Frage, ob er ein ehemaliger Geheimdienst-Agent sei, nie beantworte. Heute gilt als sicher, dass Rennstall-Besitzer Don Nichols kein Geheimdienst-Offizier war! Die Legende beruht auf einer „Verwechselung“. Der Team-Chef fand es wohl passend, diese nicht aufzuklären.

Tatsächlich gab es in den 1950er- und 1960er-Jahren in der US-Armee einen Major Donald Nichols. Das von diesem Don Nichols geführte 6004th Air Intelligence Service Squadron trat im Korea-Kriegs mit zahlreichen Heldentaten hervor. Der Major barg persönlich tief im Feindesland abgestürzte sowjetische Flugzeuge. Nichols zerlegte dabei – laut eigener Aussage – eine MIG-15 und flog sie mit einem Hubschrauber zu einem US-Stützpunkt.

Shadow-Chef Don Nichols war nicht dieser Don Nichols – doch er wurde es!

Über diesen Husarenstreich berichtete die Presse bereits kurze Zeit später – auch wenn koreanische Quellen die Rolle des Majors deutlich weniger hervorhoben. Trotzdem waren das Vorgänge, die den US-Auslandsgeheimdienst CIA noch 2018 zu einer öffentlichen Äußerung brachten. Doch inzwischen ist auch bekannt, dass Major Nichols Anfang der 1960er-Jahre seinen Posten verlor und anschließend lange als dienstunfähig galt.

Heute zugängliche Unterlagen bezeichnen den ehemaligen Militär-Angehörigen als schizophren. Nach langen Krankenhausaufenthalten schrieb Major Don Nichols schließlich eine Biografie „How Many Times Can I Die?“, um seine Heldentaten zu vermarkten. Doch die Vergangenheit holte den Ex-Militär ein. Denn ein Gericht in den USA verurteilte den ehemaligen Geheimdienstler bald als pädophilen Straftäter. Schon in den 1950-Jahren gab es Hinweise auf die Neigung dieses Nichols.

Pressefoto von Shadow nach dem Gewinn der CanAm. Es zeigt auch Don Nichols.
Dieses Pressefoto stammt aus einem Satz, den Shadow nach dem Gewinn der CanAm verschickte. Der linke Herr auf dem Foto ist Don Nichols.

In der Welt des Militärs ist anzunehmen, dass die Neigung des echten Geheimdienstlers bereits bei seiner Entfernung aus dem Dienst eine Rolle spielte. Ein homosexueller Päderast galt in den Augen des Militärs vor 60 Jahren als Sicherheitsrisiko. Die Schizophrenie war eine damals gesellschaftskompatible und übliche Erklärung. Nach seiner Verurteilung verstarb Major Donald Nichols 1992 in der Sicherheitsverwahrung eines Militär-Krankenhauses. Trotzdem schaffte es der verurteilte drei Jahre später posthum in die „Hall of Fame“ des US-Air-Commandos.

Der spätere Teamchef Don Nichols war ebenfalls in Korea!

Als ein anderer, jüngerer Don Nichols die Rennsport-Bühne betrat, waren vom älteren Don Nichols allenfalls die Heldentaten bekannt. Vom Rest ahnte die Öffentlichkeit noch nichts. Die Verwechselung mit einem Kriegshelden warf jedoch einen gewissen Glanz auf die eigene Vita. Zu dieser Verwechselung trug zunächst sicher bei, dass auch der spätere Team-Chef während des Korea-Kriegs im Fernen Osten diente. Nach dem Ende der Dienstzeit blieb Nichols im fernen Osten. In Japan verdiente Nichols als Vertreter für Firestone und Goodyear viel Geld.

An der 1963 eröffneten Rennstrecke von Fuji veranstaltete der Amerikaner sogar einige Rennen. Erst 1968 kehrte Don Nichols in die USA zurück. In Kalifornien gründete Nichols die Firma Advanced Vehicle Systems (AVS). Sie brachte gut zwei Jahre später einen revolutionären Rennwagen in der CanAm-Serie an den Start. Heute gibt es zahlreiche Hinweise, dass Nichols bereits in dieser Zeit nie dementierte, wenn jemand „seine“ Vergangenheit im Geheimdienst ansprach. Auch wenn Nichols die Nachfragen genauso wenig bestätigte, verfestigte sich damit das Bild vom Ex-Geheimdienstler.

Widerspruch war nicht zu erwarten!

Denn wegen seiner „Schizophrenie“ flog der echte Geheimdienstler in diesen Jahren übers Kuckucksnest. Selbst für das Militär war die Verwechselung vorteilhaft. Denn ein zweiter Nichols lenkte vom Ersten ab. Es gab für alle Beteiligten keinen Grund, die Wahrheit zu offenbaren. Die Legende vom ehemaligen Geheimdienstler zieht sich bis heute durch alle Berichte über Shadow. Doch unsere Recherche zeigt, dass Don Nichols von Shadow kein Geheimdienstler war. Aber die Geschichte von Shadow ist auch ohne diese Legende spannend und selbst nicht frei von dunklen Seiten.

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Themen in diesem Artikel:

Fabian P. Wiedl interessiert sich seit Kindestagen für Motorsport und Automobile. Als Mitverfasser mehrerer Bücher, wovon insbesondere „Audi Typenkunde: Renn- und Rallyewagen von 1968 bis 2013“ zu erwähnen ist, greift Wiedl gern auf sein umfassendes Motorsport-Archiv zurück. Tom Schwede wuchs in einem ausgesprochen automobilen Umfeld auf. Dies war ein optimaler Nährboden, um heute über Autos zu schreiben und regelmäßig am Mikrofon über Autos zu sprechen. Seit 2010 moderiert Tom bei großen Oldtimer- und Klassik-Veranstaltungen in Deutschland sowie dem angrenzenden Ausland.

2 Comments

  1. Daniel (CarTrade) Reply

    Schöner Artikel. Die Anspielung auf Jack Nicolson ist ganz gut haha. The Shining wäre auch noch lustig gewesen.
    Wüde mich freuen wenn du auch mal auf meiner Website vorbei schaust, evtl. ist es ja für dich interessant. Lg Daniel von Wuda CarTrade

  2. Pingback: Arrows A2 von 1979 – der gescheiterte Revolutionär » AutoNatives.de

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