Das musste ich haben. Denn auch ich drehte in den 1970er-Jahren in meinem Kinderzimmer unzählige Runden. Stundenlang drifteten ein blauer Porsche 908 und ein orangefarbiger Ferrari 312 P über Carrera Universal 132. Wobei mich immer störte, dass die Bahn so gar nicht an die damalige badische Grand-Prix-Rennstrecke erinnerte, deren Namen sie trug. Und auch wenn ich damals die Rennen wie ein Sportreporter kommentierte, nicht einmal in kühnsten Träumen hätte ich gedacht, dass ich später einmal tatsächlich Rennen in Hockenheim als Streckensprecher begleiten sollte.
96 Seiten und Einiges Unbekanntes
Kurze Zeit später lag das Buch dann tatsächlich bei mir auf dem Schreibtisch. Auf 96 Seiten stellt Autor Jörg Trüdinger die sieben wichtigsten Slot-Car-Systeme vor. Viel Platz nimmt der deutsche Marktführer Carrera ein. Trüdinger fasst die Geschichte der Firma Neuhierl und ihrer Bahnen zusammen, würdigt Erfolge und Misserfolge. Wobei mich besonders das spektakuläre, aber glücklose Flugspielsystem Carrera Jet, bei dem Flugzeuge und Raumschiffe dreidimensional über Schienenkonstruktionen durch den Raum gesteuert werden konnten, faszinierte. Denn das war mir unbekannt.
Auch die Autosysteme der Modellbahnfirmen Fleischmann, Faller und Märklin stellt der Autor vor. Dazu kommen die Systeme von Scalextrix und Aurora sowie als absoluter Exot unter den spurgebundenen Systemen „Stabo Car“. Auch dieses war mir völlig unbekannt. Als Kind hatte ich mal ein Walkie-Talkie von Stabo. Und später, als Student, jobbte ich bei einem Mobiltelefon-Hersteller. Für dessen Vertriebschef erstellte ich Marktbeobachtungen und „traf“ auf Stabo. Denn auch Stabo bot in der Frühphase des Mobilfunks Telefone an. Lustig, dass Trüdinger sein Kapitel über Stabo damit einleitet.
„Jungs, Eure Kinderträume – Die Rennbahnen der 70er“ ist mehr als nur eine Auflistung
Was mir an „Jungs, Eure Kinderträume – Die Rennbahnen der 70er“ besonders gefällt, ist: Trüdinger erzählt nicht einfach nur alte Kataloge nach. Natürlich lebt das Buch von den vielen Abbildungen historischer Packungen, Autos, Zubehörteile und Werbemittel. Doch daneben erzählt es eben auch die Geschichten hinter den Systemen. Warum setzte sich das eine durch, während das andere wieder verschwand? Welche Ideen waren ihrer Zeit voraus und welche vielleicht einfach ein bisschen zu verrückt?

Dabei ist das Buch kein enzyklopädisches Standardwerk über die Geschichte der Slot Cars. Dafür sind 96 Seiten ohnehin zu wenig. Wer jede Variante eines Carrera 124, Produktionszeiträume einzelner Fahrzeuge oder Unterschiede zwischen verschiedenen Schleifern und Motoren dokumentiert sehen möchte, wird vermutlich zu speziellerer Literatur greifen müssen. Trüdinger geht es erkennbar um etwas anderes. Er nimmt seine Leser mit auf eine Reise in eine Zeit, in der eine Rennstrecke im Kinderzimmer für viele Jungs mindestens so wichtig war wie der echte Nürburgring oder Hockenheimring.
Und genau da hatte mich das Buch.
Plötzlich erinnerte ich mich wieder daran, wie wichtig es war, den richtigen Rhythmus am Drücker zu finden. Auf der Geraden Vollgas, vor der Kurve kurz lupfen und dann möglichst früh wieder Strom geben. Ich fuhr damals bevorzugt 24-Minuten-Rennen. Natürlich flog mein Porsche 908 dabei regelmäßig aus der Spur. Irgendwann verlor sogar sein Pilot den Kopf. Ich ersetzte ihn später durch den Kopf eines Lego-Männchens. Trotzdem hieß es dann nur: Auto einsetzen und weiterfahren.
Auch die Streckenplanung war eine Wissenschaft für sich. Eine lange Gerade musste sein. Dazu möglichst viele Kurven und natürlich durfte bei meiner Bahn die Steilkurve nicht fehlen. Und irgendwann kam immer der Moment, in dem noch zwei Schienen übrig waren, die Strecke aber partout nicht zusammenpassen wollte. Vermutlich haben ganze Generationen von Kindern auf diese Weise mehr über Geometrie gelernt als im Mathematikunterricht.
Erinnerungen an eine echte Goldgräberzeit
Aus heutiger Sicht faszinieren mich die Freiheiten, die die Hersteller sich damals erlaubten. Carrera ließ nicht nur Autos im Kreis fahren, sondern versuchte sich eben auch mit Flugzeugen und Raumschiffen. Faller, Fleischmann und Märklin wollten ein Stück vom Geschäft. Und dann war da eben auch ein Hersteller wie Stabo, den heute kaum noch jemand mit Autorennbahnen verbindet. Der Markt war ein wunderbarer Mix aus Goldgräberstimmung, technischem Spieltrieb und einer Prise Größenwahn.

Manchmal fehlt dem Buch Tiefgang. Doch das ist vermutlich weniger eine Schwäche des Buches als eine zwangsläufige Folge seines Konzepts. Acht Systeme, ihre Hersteller, Autos, Technik und Spezialitäten auf 96 Seiten unterzubringen, verlangt Kompromisse. Erfreulich, dass mein innerer Klugscheißer beim Lesen nur selten Alarm schlug. Gerade bei einem Thema, bei dem sich Erinnerungen, Sammlerwissen und teilweise nur schwer nachvollziehbare Modellhistorien vermischen, ist das keine Selbstverständlichkeit.
Das Buch ist eine Zeitmaschine
Sicher habe ich „Jungs, Eure Kinderträume – Die Rennbahnen der 70er“ anders gelesen als jemand, der erst 2000 geboren wurde. Für mich waren Carrera Universal 132 und ihre Konkurrenten keine historischen Spielzeuge. Sie gehörten zu meiner Kindheit. Beim Blättern hörte ich förmlich wieder das Surren der Elektromotoren, das Klackern beim Überfahren der Schienenstöße und den unvermeidlichen Einschlag, wenn ich vor einer Kurve wieder einmal zu lange auf dem Drücker geblieben war.
Vielleicht ist genau das die größte Stärke des Buches. Es dokumentiert nicht bloß altes Spielzeug. Es holt Erinnerungen zurück, von denen man gar nicht wusste, dass man sie noch gespeichert hatte. Objektiv betrachtet hätte das Buch an manchen Stellen ausführlicher sein dürfen. Subjektiv betrachtet hatte es mich bereits in dem Moment gewonnen, als ich die ersten Seiten aufschlug.
Lust auf eine eigene Zeitreise ins Kinderzimmer?
Ich hole jetzt meine Carrera Universal 132 aus dem Keller. Wenn Ihr Lust auf eine eigene Zeitreise ins Kinderzimmer habt, „Jungs, Eure Kinderträume – Die Rennbahnen der 70er“ ist unter anderem bei Amazon erhältlich.
Wer etwas bei Google sucht, bekommt neben normalen Ergebnissen auch aktuelle News angezeigt. Über das Hinzufügen von AutoNatives.de als bevorzugte Quelle, erscheinen unsere Artikel dann in diesen Google-Schlagzeilen häufiger.
Bei Google bevorzugen* Mit Sternchen gekennzeichnete Links sind Affiliate-Links. Wenn Sie darüber etwas kaufen, erhalten wir eine kleine Provision. Dies ist eine wertvolle Unterstützung für uns, um auch weiterhin spannende Reportagen und Geschichten aus der Motorsport-Historie erstellen zu können. Für Sie entstehen keine zusätzlichen Kosten.
Rennsport-Geschichten
Derek Bennett, Chevron und die britische Kunst, Rennwagen zu bauen
Rennsport-Geschichten
Ein Motor, viele Meister: Die Welt der Cosworth DFV-Tuner
Auto-Erinnerungen
Diesel-Rekorde der 1970er-Jahre
Rennsport-Geschichten
IMSA: Die amerikanische Sportwagen-Revolution
Auto- und Motorsport-Lexikon
Lola Cars: Übersicht der Rennwagen von Lola