Rennsport-Geschichten

CITROËN MEP X2 & CITROËN MEP X27 – Rennwagen der Formule Bleue

Als Citroën, Total und Michelin die Formule Bleue rennen ließen.

Vor ein paar Jahren hatte ich die Gelegenheit, ausführlich im Conservatoire von Citroën zu stöbern. Dabei stieß ich mit dem CITROËN MEP X27 auch auf einen kleinen Formel-Rennwagen. Ich schoss ein paar Fotos, postete diese bei Instagram und vergaß den Rennwagen der Formule Bleue wieder. Doch kürzlich erwarb ich einige Negative bei einer Auktion. In dem Konvolut war auch eine Rennszene dabei, die den CITROËN MEP X27 in Aktion zeigt. Da wusste ich, dass ich mich mal mit der Formule Bleue beschäftigen muss.

Cockpit des CITROËN MEP X27
Cockpit des CITROËN MEP X27 im im Conservatoire von Citroën

Frankreich gilt als der Ort, wo Markenpokale entstanden. Denn 1966 ersann Renault mit dem „Coupe Gordini“ die erste Rennserie in der alle Teilnehmer im gleichen Auto antraten. Das Einsatzgerät war der Renault 8 Gordini, was interessante Rennen garantierte. Zudem zeigte der erste Markenpokal gnadenlos das Talent der Piloten. Deshalb übertrugen Renault und der französische Motorsportverband Fédération Française du Sport Automobile (FFSA) das Prinzip „Markenpokal“ mit der Formel Renault ab 1968 auch in den Formel-Sport.

Wobei dort – wie schon in den älteren Formaten der Formel V und der Formel Ford – nur der Motor und das Getriebe gleich waren. Denn ihr Chassis konnten die Nachwuchspiloten bei unterschiedlichen Rennwagen-Herstellern ordern, um es dann mit dem Motor und dem Getriebe des R8 Gordini zu bestücken. Das relativierte die Chancengleichheit etwas. Denn wer sich zu Saisonbeginn für das falsche Chassis entschied, der fuhr trotz allem Talent am Ende hinterher.

Die Lösung war der Citroën MEP!

Bereits einige Jahre zuvor dachte Maurice-Emile Pezous (1914-1990) über die hohen Kosten eines Starts in den Motorsport nach. Denn schon in der Formel Junior, die 1964 zur Formel 3 wurde, hing der Erfolg auch von der Dicke der Brieftasche ab. Pezous war seit 1957 Citroën-Händler in Albi und beschloss, einen kleinen und preiswerten einsitzigen Rennwagen zu bauen. Nach dem Vorbild der Formel V wollte Pezous für den Bau seines Rennwagens auf möglichst viele Serienteile zurückgreifen.

Denn Pezous, der vor Übernahme der Citroën-Vertretung als Ingenieur in der Luftfahrt-Industrie arbeitete und sich auch selbst im Rennsport versuchte, sah im Rückgriff auf Serienteile einen Weg, um Kosten zu sparen. Der Unternehmer wollte mit einem günstigen Rennwagen jungen Fahrern mit begrenzten finanziellen Mitteln die Möglichkeit bieten, in den Sport einzusteigen. Wenn selbst der Coupe Gordini viele der Interessieren finanziell überforderte, wie sollte dann der Einstieg in den teureren Formel-Sport gelingen?

Also baute Maurice-Emile Pezous seinen eigenen Rennwagen!

Bei der Konstruktion seines Einsitzers orientierte sich Pezous an der spartanischen Bauweise des englischen Cooper 500. Der kleine Cooper schlug, ausgerüstet mit Zweizylinder-Motorradmotoren von JAP oder Triumph, regelmäßig deutlich stärkere Rennwagen. Denn der Cooper war leicht und wendig. 1964 wurde die Planung real, Pezous baute in der Werkstatt seines Autohauses zusammen mit seinem Mechaniker Raoul Rodas einen Rennwagen. Dabei entstand ein kleiner leichter Einsitzer, den der 26 PS kräftige 602-cm³-Boxer-Motor aus dem 1961 vorgestellten Citroën Ami 6 antrieb.

CITROËN MEP X27 im Conservatoire von Citroën
CITROËN MEP X27 im Conservatoire von Citroën (Foto: Tom Schwede / Archiv AutoNatives.de)

Die Alu-Karosserie fertigte der ortsansässige Karosseriebauer Albert Mazel. Pezous und Mazel bauten bereits von 1953 bis 1957 den Sportwagen MEP D7. Maurice-Emile Pezous fragte den Grand-Prix-Piloten Maurice Trintignant, ob dieser den Rennwagen testen würde. „Pétoulet“ war mit Pezous befreundet und sagte zu. Doch beim Test des nach seinem Schöpfer Maurice-Emile Pezous MEP X1 getauften Rennwagens fiel der Rennwagen durch. Der Motor war zu schwach, schob den Rennwagen maximal auf ein Tempo von 140 km/h an. Zudem fand Trintignant, der Rennwagen sei nicht steif genug.

Mit dem CITROËN MEP X2 entstand die Formule Bleue!

Pezous versteifte den Gitterrohrrahmen. Zudem ersetzte der Fahrzeugentwickler Blechteile der Karosserie durch Teile aus Polyester und verbesserte die Bremsen des Rennwagens. Zudem nutzte der Citroën-Händler 1965 die Übernahme der zivilen Fahrzeugproduktion von Panhard durch Citroën. Denn der CITROËN MEP X2 verfügte über den Boxermotor des Panhard 24 CT. Statt zuvor 24 PS trieb den MEP damit nun ein 60 PS kräftiger Motor an. Wobei Pezous interessanterweise weiterhin auf das Getriebe des Ami 6 vertraute.

Maurice Trintignant testete auch den verbesserten Rennwagen CITROËN MEP X2 und war sofort begeistert. Im Rahmen der 24-Stunden von Le Mans 1966 präsentierte der Rennfahrer den CITROËN MEP X2 der Industrie. BP und Citroën erklärten sich anschließend bereit, den Bau von 30 Exemplaren zu unterstützen. Neben einer finanziellen Förderung stellten sie als Unterstützung die benötigten Motoren bereit. Am 15. März 1967 präsentierten die Partner alle 30 Rennwagen in Paris der Öffentlichkeit.

Szene aus dem Rennen der Formule Bleue 1973 in Rouen. Die beiden Citroën MEP X27 fahren gerade durch die Kehre, die der Wendepunkt der schnellen Strecke war.
Szene aus dem Rennen der Formule Bleue 1973 in Rouen. Der Pilot im hinteren Rennwagen war hier Patrick Piget unterwegs, der sich ein Jahr später den Titel der Formule Bleue sicherte. 1973 umrundete Piget mit seinem Citroën MEP X27 die Strecke von Rouen in 2:16,9 Minuten. (Foto: Archiv AutoNatives.de)

20 Exemplare gingen anschließend an den Automobile Club de France (ACF), der sie für die Rennfahrer-Ausbildung nutzte. Unter dem Druck der beteiligten Industriepartner schrieb die FFSA zudem eine eigene Serie für den MEP X2 aus. Ganz neu war die Idee, nur ein Fahrzeugmodell auf die Strecke zu schicken, auch bei den Formel-Rennwagen nicht. Denn das gab zuvor schon bei den D.B. Panhard Monomil. 1969 nahm die Formule Bleue ihren Rennbetrieb auf. Wobei zu den Besonderheiten der neuen Serie zählte, dass die Fahrer am Saisonbeginn das 30. Lebensjahr noch nicht erreicht haben durften. Diese Regel unterstrich den Charakter der Nachwuchsförderung in der Formule Bleue.

Formule Bleue stand für Rundstrecken- und Bergrennen!

Auf dem Weg zur neuen Rennserie übernahm Total von BP die Rolle des Mineralölsponsors. Zudem unterstützte auch Michelin die Formule Bleue. Die Industriepartner ermöglichten den Bau von 50 weiteren Rennwagen. Die Veranstalter boten diese CITROËN MEP X2 zu einem Preis von 8.000 Francs an. Das entsprach 1969 circa 6.500 Deutschen Mark. Heute wären das etwa 13.000 Euro. Dank der Industriepartner verfügte die Formule Bleue für ihre 17 Bergrennen und 17 Rundstreckenrennen zudem über ein Preisgeld von 50.000 Francs.

Erster Gewinner des „Critérium National de Formule Bleue“ war Roger Dubos, der vier Jahre später bei den 24 Stunden von Spa-Francorchamps tödlich verunglückte. Der Unfall schaffte es in den SPIEGEL, da auch der Kölner-Rennfahrer Hans-Peter Joisten bei diesem Unfall in der Malmedy-Kurve starb. 1970 sicherte sich Alain Couderc den Titel der Formule Bleue nach 19 Rennen und 21 Bergrennen. Couderc gewann auf dem Weg zum Titel 12 Rennen und vier Bergrennen. Der Titel sicherte dem Rennfahrer aus Bordeaux ein Preisgeld von 25.000 Francs.

1972 wurde aus dem CITROËN MEP X2 der CITROËN MEP X27!

Schon Ende 1967 beschloss Citroën das Ende der Produktion von Panhard-Autos. Damit lief auch die Produktion der bisher in der Formule Bleue eingesetzten Zweizylinder-Motoren aus. An ihre Stelle trat ab 1972 der Vierzylinder-Boxermotor des neuen Citroën GS mit 1015 cm³ Hubraum und 78 PS Leistung. Auch das Getriebe stammte jetzt von neuen Modell der unteren Mittelklasse. Damit verlängerte sich der Radstand des CITROËN MEP X27 im Vergleich zum Vorgänger etwas. Das erforderte eine neue Zahnstangenlenkung, die vom Ami 8 stammte. Mit dem weiterentwickelten CITROËN MEP X27 trat die Formule Bleue ab 1972 an.

Motor im Citroën MEP X27
Der Motor im Citroën MEP X27 stammte aus dem Citroën GS. (Foto: Tom Schwede / Archiv AutoNatives.de)

Bis 1975 schrieben die FFSA und der ACF die Formule Bleue aus. Dann konzentrierte sich die Förderung der Nachwuchsrennfahrer in Frankreich auf das seit 1971 vergebene „Volant elf“ und die Formel Renault. 1976 gab es zum Abschluss noch einmal ein Einladungsrennen für die CITROËN MEP X27 in Albi. Es war das Finale der modernen Renngeschichte der kleinen Rennwagen, der übrigens immer eine rein französische Angelegenheit blieb. Denn während Formel V und Formel Ford ihre Geburtsländer USA und Großbritannien schnell verließen, rannten die Formule Bleue und die Rennwagen von Citroën ausschließlich in Frankreich. Denn dem chronisch klammen Autobauer aus Frankreich fehlte das Geld, um die Serie zu exportieren.

Schon die Übernahme von Panhard erwies sich eher als Missverständnis und zahlte sich finanziell nicht aus. Der Kauf von Maserati war wirtschaftlich sogar ein Desaster. Dazu schrieb die Lkw-Sparte dauerhaft Verluste. Der Absatzeinbruch bei den Pkw während der Ölkrise 1973 setzte Citroën nochmals stark zu. Das Unternehmen stand 1974 vor dem Konkurs. Die Familie Michelin als Inhaber versuchten, die Firma an FIAT zu verkaufen. FIAT sagte ab. Immerhin spülte der Verkauf der Nutzfahrzeugsparte an Renault etwas Geld in die Kassen. Doch im Herbst 1975 verlor die Familie Michelin endgültig die Lust und verkaufte Citroën an Peugeot. Und Peugeot beendete die Formule Bleue sofort.

Was wurde aus den Piloten der Formule Bleue?

Von den Siegern der Formule Bleue schwang sich übrigens niemand zur ganz großen Karriere auf. Keiner der Meisterschaftsgewinner schaffte es bis in die Formel 1. Die meisten von ihnen wechselten nach ihrem Erfolg mit dem Citroën MEP in die Formel Renault, um ihre Karriere dort zu beenden. Nur Auftaktsieger Roger Dubos galt bei seinem Unfalltod als etablierter Sportwagen- und Tourenwagen-Pilot. Auch Alain Couderc trat mehrfach in Le Mans an. Der Beliebtheit ihrer ehemaligen Rennwagen hat das nicht geschadet, denn die erfreuen in Frankreich heute regelmäßig die Fans. So waren kürzlich beim 60. Geburtstag der Rennstrecke von Albi gut 20 von ihnen auf der Strecke.

Technische Daten des CITROËN MEP X2

  • Motor: Zwei-Zylinder luftgekühlter Boxermotor 851 cm³, Hinterradantrieb
  • Leistung: 60HP (DIN) bei 5.800 Umdrehungen pro Minute
  • Getriebe: 4-Gang Citroën Ami 6

Technische Daten des CITROËN MEP X27

  • Länge 3,80 Meter, Breite 1,40 Meter
  • Radstand: 2240 mm Spurweite: vorne 1239 – hinten 1246 mm
  • Motor: Vier-Zylinder luftgekühlter Boxermotor 1015 cm³, Hinterradantrieb
  • Leistung: 78HP (DIN) bei 7500 Umdrehungen pro Minute
  • Maximales Drehmoment: 9KGM bei 5500 Umdrehungen pro Minute
  • Vergaser: Doppelter Weber 40 IDF15
  • Treibstofftank: 19 Liter
  • Getriebe: 4-Gang Citroën GS
  • Gesamtgewicht: 392 KG
  • Höchstgeschwindigkeit: 210 km/h

Die Titelträger der Formule Bleue

  • 1969: 34 Wertungsläufe, 17 Rundstreckenrennen und 17 Bergrennen
    Sieger Roger Dubos (278 Punkte), Zweiter Jean-Pierre Espitallier (211 Punkte), Dritter Philippe Monot (90 Punkte) – alle CITROËN MEP X2
  • 1970: 40 Wertungsläufe, 19 Rundstreckenrennen und 21 Bergrennen
    Sieger Alain Couderc (225 Punkte), Zweiter Marcel Gougeon (124 Punkte), Dritter Jean-Louis Gardet (111 Punkte) – alle CITROËN MEP X2
  • 1971: 20 Wertungsläufe, 10 Rundstreckenrennen und 10 Bergrennen
    Sieger Hervé Labedan (214,5 Punkte), Zweiter Christian Gonnetant (171,5 Punkte), Dritter Gêrard Bareyre (129,5 Punkte) – alle CITROËN MEP X2
  • 1972: 42 Wertungsläufe
    Sieger Philippe Bochet (182 Punkte), Zweiter Daniel Morello (172 Punkte), Dritter Gérard Pilet (157 Punkte) – alle CITROËN MEP X27
  • 1973: 29 Wertungsläufe, 15 Rundstreckenrennen und 14 Bergrennen
    Sieger Jean-Pierre Maillard (394 Punkte), Zweiter Jean-Daniel Raulet (301 Punkte), Dritter Gérard Thievin (287 Punkte) – alle CITROËN MEP X27
  • 1974: 15 Wertungsläufe auf der Rundstrecke
    Sieger Patrick Piget (182 Punkte), Zweiter Jean-Marc Blamoutier (134 Punkte), Dritter Michael Poisson (132 Punkte) – alle CITROËN MEP X27
  • 1975: 14 Wertungsläufe auf der Rundstrecke
    Sieger Philippe Jaffrennou (167 Punkte), Zweiter Michel Lamourbux (126 Punkte), Dritter Jean-Loup Dewilde (110 Punkte)

Nachtrag vom 7. Juni 2022

Der bekannte Motorsport-Moderator, Journalist und Citroën-Enthusiast René de Boer erzählte mir gestern noch, dass es auch zwei Citroën MEP mit dem Wankel-Motor von Comotor gab. Ich denke, dass wir zu diesem Citroën MEP X7 noch mal gesondert recherchieren müssen. Denn das ist mindestens so spannend, wie die Geschichte des MEP selbst.


Über das Leben von Maurice-Emile Pezous gibt es ein Buch von Bernard Pelissier. Es ist beispielsweise bei Amazon (Werbung) erhältlich oder einem gut sortierten Antiquariat zu finden.


Infos zum Titelbild dieses Beitrags:
Cockpit des CITROËN MEP X27 im im Conservatoire von Citroën

Foto: Tom Schwede / Archiv AutoNatives.de

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Als Kind der 1970er-Jahre hatte Tom das große Vergnügen, in einem ausgesprochen automobilen Umfeld aufzuwachsen. Das war der optimale Nährboden, um heute über Autos zu schreiben und regelmäßig am Mikrofon über Autos zu sprechen. Denn Tom Schwede moderiert seit 2010 bei großen Oldtimer- und Klassik-Veranstaltungen in Deutschland. So ist Tom unter anderem bei den Classic Days auf Schloß Dyck oder dem 1.000 Kilometer-Rennen am Nürburgring zu hören.

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