von Tom Schwede am 20.03.2026

Allradantrieb auf der Rennstrecke? Gab es öfter als man zunächst denkt!

Bis in die 1970er-Jahre war die Welt der Allradantrieb-Fahrzeuge überschaubar. Sie bestand aus Geländewagen, Lastwagen und Trecker. Nur sie trieben vier oder sogar noch mehr Räder an. Denn sie einte, dass sie im Schlamm arbeiteten, auf Baustellen, auf Feldern oder im Wald. In der Welt der Automobile und auf der Rundstrecke spielte Allrad kaum eine Rolle.

Jackie Stewart im Matra MS 84

Jackie Stewart im Matra MS 84 mit Allradantrieb auf dem Nürburgring. Der Schotte fuhr den MS 84 nur im Training. Der konventionell angetriebene Matra MS 80 war schneller. (Foto: Lothar Spurzem)

Das überrascht nicht, denn der Allradantrieb entstand zunächst vor allem für militärische Zwecke. Doch schon 1903 trieb der Spyker 60 H.P. seine vier Räder an. In den 1930er-Jahren baute auch Ettore Bugatti mindestens zwei Allrad-Fahrzeuge. Etwa zeitgleich trat Harold Arminius Miller mit seinem Miller 4×4 in Indianapolis an. 1947 entwickelte Porsche entwickelte in Gmünd für den italienischen Industriellen und Rennwagen-Konstrukteur Piero Dusio den Cisitalia CIS 360, der auch alle vier Räder antreiben konnte.

Doch erstmals richtig ein Thema wurde der Allradantrieb in den 1950er-Jahren. Denn immer mehr Motorsportler begannen sich die Frage zu stellen, wie viel schneller sie mit vier angetriebenen Rädern fahren könnten. Denn wenn alle vier Räder angetrieben würden, so die Theorie, könnte das Auto besser aus Kurven beschleunigen, da es seine Leistung effizienter auf die Strecke bringen würde. Zudem würde Allrad bei Regen oder auf nasser Strecke weitere Vorteile bieten.

Ferguson Research war die Triebfeder im Motorsport!

Schon in den späten 1950er-Jahren entwickelte Ferguson Research – eine Kooperation des ehemaligen Traktorenherstellers Sir Harry Ferguson (Massey Ferguson) mit dem Rennfahrer und Techniker Tony Rolt – einen permanenten Allradantrieb für einen Formel-1-Wagen. Doch weil zunächst keines der etablierten Teams den Antrieb testen wollte, bauten sie mit dem Ferguson-Climax P99 einen eigenen Rennwagen. Doch der kam 1961 nie über sporadische Starts hinaus.

Spyker 60 HP von 1903

Der niederländische Autobauer Spyker setzte schon 1903 in seinem Spyker 60 HP auf vier angetriebene Räder (Foto: unbekannt).

Trotzdem beschäftigte die Szene das Thema weiter. Drei Jahre später entwarf Mike Pilbeam einen BRM mit Allradantrieb, der ebenfalls den Regeln der Formel 1 entsprach. Doch anders als der Ferguson-Climax P99 kam dieser Rennwagen nur beim Training eines WM-Laufs zum Einsatz. Das Team entschied sich gegen den Einsatz im Rennen. Ebenfalls 1964 trat Bobby Unser beim Indy 500 im STP-Oil Novi V8 mit Allradantrieb an. Doch der Amerikaner musste das Rennen nach einem Unfall vorzeitig aufgeben.

Auch die Gasturbine fuhr mit Allrad!

1968 brachte Lotus den Allradantrieb zusammen mit seiner Gasturbine nach Indianapolis. Das Auto war sofort für schnelle Zeiten gut. Doch Mike Spence starb im Training nach einem Unfall mit dem Lotus 56. Das überschattete die Trainingsplätze eins und zwei von Joe Leonard und Graham Hill im gleichen Auto. Im Rennen fielen beide aus. Besonders ärgerlich: Leonard lag kurz vor dem Ziel noch unter den ersten Drei und fiel dann doch aus.

Mario Andretti im Lotus 63

Mario Andretti beim Großen Preis von Deutschland 1969 im Lotus 63 (Foto: Lothar Spurzem).

Etwas später leitete Lotus vom Indianapolis-Rennwagen auch einen Grand-Prix-Boliden ab. Wobei im Lotus 63 ein Cosworth-Motor zum Einsatz kam. Dessen Leistung – Anfang der 1970er-Jahre bereits etwas mehr als 400 PS – ließ weitere Teams über Allrad nachdenken. Bis einschließlich 1971 testeten Matra und McLaren in der Formel 1 allradgetriebene 3-Liter-Rennwagen. Dazu kam ein Entwicklungsträger Cosworth 4WD, den Motorbauer selbst baute und der nie zum Renneinsatz kam.

Sorgte der Quattro für ein Allrad-Verbot in der Formel 1?

Anschließend verloren die Teams der Königsklasse das Interesse am Allrad. Denn inzwischen halfen Flügel und verbesserte Reifen, die Kraft des Cosworth zu bändigen. Einige der ehemaligen und verhinderten Grand-Prix-Boliden mit vier angetriebenen Rädern fanden am Berg ein neues Einsatzgebiet. Ironischerweise verboten die Regelhüter der Königsklasse erst 1983 den Einsatz von Allradtechnik. Gut möglich, dass der Audi Quattro das Thema ins Bewusstsein der Verantwortlichen schob.

Denn das Sportcoupé aus Ingolstadt rockte inzwischen die Rallye-Weltmeisterschaft. Dabei war der Audi, anders als oft angenommen, gar nicht das erste sportliche Auto mit vier angetriebenen Rädern. Denn das gab es schon 1966 im Jensen FF, einem britischen Coupé mit dem Ferguson-Allradantrieb. Also mit dem Allradsystem, das schon in den Formel 1- und Indianapolis-Rennwagen der 1960er- und frühen 1970er-Jahre zum Einsatz kam.

Trotzdem trat Audi eine Welle los!

Doch so faszinierend der Brite war, er blieb eine Randnotiz der Automobilgeschichte. Erst als der Audi Quattro Anfang der 1980er-Jahre auftauchte, wurde der Allradantrieb salonfähig. Von da an galt er als probates Mittel, um sportliche Straßenautos schneller zu machen. Besonders in der Rallye-Weltmeisterschaft wurde der Allradantrieb schnell zum Standard.

Audi nach dem Sieg bei der RAC Rallye 1982

Audi verschob dank Allradantrieb mit dem Audi Quattro die Maßstäbe im Rallyesport. (Foto: Audi)

Dabei verschob der Peugeot 205 T16 mit seinem Mittelmotor die vom Audi Quattro zuvor gerade neu definierten Grenzen nochmal deutlich weiter. Ihm folgten der Lancia Delta S4 sowie die nicht so erfolgreichen Herausforderer Ford RS200, MG Metro 6R4 oder Citroën BX 4TC. Es war die aufregende und gefährliche Epoche der Gruppe B – die nach der Katastrophe von Korsika vorzeitig endete. Doch auch in der Gruppe A blieb Allrad der Standard.

Der verrückte Anfang: Alfa Romeo 1900 M „Matta“

Schon vor der Gründung von Ferguson Research beschäftigte sich auch Alfa Romeo mit dem Allradantrieb. Der erste Serien-Allradler des Autobauers erschien bereits 1951. Verantwortlich für die Entwicklung des Alfa Romeo 1900 M war der heute legendäre Giuseppe Busso. Beim Debüt ließ der Ingenieur den Geländewagen die Treppen der Basilika im Wallfahrtsort Assisi hinauffahren. Die Fans lasen die Typenbezeichnung „M“ prompt als „Matta“, was so viel wie „verrückt“ bedeutet.

Beflügelt vom Rallyesport eroberte der Allradantrieb in den 1980er-Jahren den Alltag. Dies galt auch für den Autobauer aus Mailand, der damals noch im Besitz der italienischen Staatsholding „Istituto per la Ricostruzione Industriale“ (IRI) war. 1984 erschien der Alfa Romeo 33 4x4. Er verfügte über eine elektromagnetische Kupplung, die bei Bedarf auch die Hinterräder zuschaltete. So zeigte der 33, zunächst im Kombi, später auch in der Limousine, dass Allradantrieb in der Kompaktklasse funktioniert.

Comeback auf der Rundstrecke

1988 begann Audi, den Allradantrieb auf die Rundstrecke zu bringen. Auf den Audi 200 quattro Trans-Am folgte ein Jahr später der Audi 90 quattro IMSA GTO. 1990 debütierte in der DTM der Audi V8 quattro. Mit dem Titel im Debütjahr und der Verteidigung ein Jahr später unterstrich der Allradantrieb auch in der DTM eindrucksvoll sein Potenzial. Als sich Audi wegen Protesten gegen das Tuning seiner V8-Motoren aus der DTM zurückzog, ging es für die Ingolstädter in der französischen Szene mit Allradantrieb weiter.

Alfa Romeo 155 V6 Ti

Alfa Romeo stieg 1993 in die DTM ein und rettete damit die Serie. Denn Audi und BMW wollten nicht nach den Regeln der „Klasse 1“ rennen. So war Alfa Romeo der einzige Gegner, der sich dem Wettbewerb mit Mercedes-Benz stellte. (Foto: Alfa Romeo)

Doch auch in Deutschland kehrte der Allradantrieb schon 1993 auf die Rennstrecke zurück – auch wenn Audi auf den Einsatz seines für die „Klasse 1“ entwickelten Audi 80 quattro 2,5 DTM verzichtete. Denn der Alfa Romeo 155 V6 Ti DTM trieb ebenfalls alle vier Räder an. Das hatte Alfa Romeo im Vorjahr mit dem Erfolg des Alfa Romeo 155 Q4 in der italienischen Superturismo-Meisterschaft erfolgreich ausprobiert. Ein Jahr später folgte der große Triumph: der Titel in der DTM.

Die DTM wurde zum Allrad-Land!

Spätestens mit dem Erfolg von Nicola Larini und dem Alfa Romeo 155 V6 Ti war klar, dass Allradantrieb auch auf der Rundstrecke erfolgreich sein kann. Anders als Audi, dessen Erfolge noch in die Epoche der seriennahen „Gruppe A“ fielen, bot die „Klasse 1“ Prototypensport im Serienkleid. In der freizügigen „Klasse 1“ stammte praktisch nur noch die Karosserie von einem Serienmodell. Der Rest war reine Renntechnik – die im Fall des 155 ihre Kraft über vier Räder auf die Straße brachte.

Auch der Opel Calibra V6 4×4 trieb vier Räder an. Er debütierte Ende 1993. In den beiden Folgejahren siegte Mercedes-Benz mit der konventionell angetriebenen C-Klasse. Doch 1996 fuhr Opel zum Gesamtsieg des DTM-Nachfolgers ITC. Wobei der Alfa Romeo 155 V6 Ti mit zehn Rennen sogar häufiger als der Rüsselsheimer gewinnen konnte. Nachdem der Italiener 1994 und 1995 vorübergehend den Anschluss an die Spitze verlor, beflügelte ein neuer Motor, der ein alter Bekannter war, den Alfa Romeo im Finaljahr der „Klasse 1“ zusehends.

Allrad blieb – sporadisch – ein Thema!

Auch bei den seriennahen Tourenwagen der „Klasse 2“ schrieb der Allradantrieb weiter eine Erfolgsgeschichte. Doch auf Dauer funktionierte der Wettbewerb unterschiedlicher Antriebskonzepte nicht. Die FIA verbot 1998 in der „Klasse 2“ den Allradantrieb. Ihm blieb der lose Untergrund der Rallye-Szene – bis er auf der Langstrecke ein vorsichtiges Comeback auf der Rundstrecke feierte. Denn in der Hybrid-Ära der LMP-Sportwagen gab es zur Unterstützung des Verbrenners an der zweiten Achse Elektromotoren.

Audi in der BTCC

1996 stieg Audi mit dem Audi A4 quattro in die hartumkämpfte BTCC ein. Frank Biela gewann schon im Debütjahr den Titel. Neben dem Deutschen trat der Brite John Bintcliffe für Audi an. (Foto: Audi)

Vielleicht ist das der Moment, einen Schritt zurückzutreten und die Geschichte einmal anders zu betrachten. Stellen Sie sich vor, Sie wären wieder dieses Kind von damals. Das Kind, das dachte, Allrad gehöre zu Unimogs und Traktoren. Doch wer etwas näher hinsieht, entdeckt auch auf der Rundstrecke jede Menge Autos mit vier angetriebenen Rädern. Und plötzlich wird klar, dass Allrad nicht nur für Schlamm gedacht ist, sondern auch für Kurven, für Geschwindigkeit.


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