von Fredo Steckgaard am 14.03.2026

Lenham P71 und sein langer Anlauf zu den 24 Stunden von Le Mans

Der Lenham P71 war nie Favorit, nie gut finanziert und nie wirklich bereit. Er verpasste WM-Läufe, scheiterte an der Kupplung und kämpfte mit einer Vorderachse, die bei Tempo 220 leicht wurde. Trotzdem stand er 1976 tatsächlich am Start der 24 Stunden von Le Mans.

Le Mans 1976: Lenham P71

Le Mans 1976: Der Lenham P71 stand trotz vieler Rückschläge am Start der 24 Stunden von Le Mans. Was mit dem Repco V8 nicht klappte, gelang mit dem Vierzylinder von Cosworth. (Foto: Archiv AutoNatives)

Julian Booty und David Miall-Smith gründeten im Februar 1962 in Lenham östlich von London eine Karosseriewerkstatt. Dort fertigten sie Karosserieteile für Sportwagen. Am Anfang fertigten sie diese Teile aus Aluminium. Ihre Teile waren beliebt, um britische Roadster wie den Austin-Healey Sprite oder auch den MG Midget für den Sporteinsatz zu erleichtern.

Lenham bot, was das Werk nicht ausreichend bot!

Auch Kunden, die sich einen geschlossenen Sprite wünschten, konnten sich bei Lenham diesen Traum erfüllen. Vorbild dafür war der Austin-Healey Sebring Sprite, den der Karosseriebauer Williams & Pritchard im Auftrag des Werks baute. Doch davon entstanden gerade einmal acht Exemplare. Da ging die Mehrzahl der Interessierten leer aus. Die „Vintage Sports Car Garage“ von Booty und Miall-Smith half gerne.

GfK als Wachstumsbeschleuniger

Als sie ihre Produktion auf glasfaserverstärkten Kunststoff (GfK) umstellten, stiegen die Stückzahlen sprunghaft an. Wer wollte, der konnte in der „Vintage Sports Car Garage“ auch den Lenham GT bekommen. Das war im Kern ein Austin-Healey Sprite, den Booty und Miall-Smith mit einer attraktiven GfK-Karosserie versahen. Die Geschäfte liefen gut, 1967 bezog das Unternehmen eine neue Werkstatt im Nachbarort Harrietsham.

Zudem änderten die Inhaber den Firmennamen. Aus der „Vintage Sports Car Garage“ wurde die „Lenham Motor Company Limited“. In Harrietsham entstand eine Variante des GT-Coupés mit dem 4-Zylinder-Twin-Cam-Motor von Lotus. 1969 setzte Ray Calcutt das Auto mit einigem Erfolg bei verschiedenen Clubrennen ein. Später wurde es zu einem offenen Fahrzeug umgebaut und erhielt die Bezeichnung P69.

Der Traum von Le Mans

Zusammen mit Geldgeber Roger Hurst entstand die Idee, den Sportwagen nach Le Mans zu bringen. Man spannte zusammen und gründete die „Lenham-Hurst Racing Organization“. Das war kein eigenständiges Unternehmen, sondern eher eine lose Verbindung von Rennsport-Enthusiasten. Parallel zu dieser „Gründung“ verließ David Miall-Smith das Unternehmen.

Lenham P69 - gesehen bei den Silverstone Classics 2010

2010 trat der Lenham P69 bei den Silverstone Classics an (Foto: Tom Schwede).

Um Geld in die Kasse zu bekommen, vermietete die „Lenham-Hurst Racing Organization“ den P69 an Francis Kruch. Der französische Rennfahrer bestritt mit dem Lenham einige Rennen in seiner Heimat, gewann sogar eins davon. Hinter der Vermietung stand auch der Gedanke, so den Namen der Marke in Frankreich bekannt zu machen. Roger Hurst, der zuvor mit dem Unipower GT Rennen fuhr, versprach sich davon Vorteile beim geplanten Le-Mans-Projekt.

Doch der ACO spielte nicht mit!

Denn der Le Mans-Veranstalter ACO lehnte 1970 die Nennung eines geringfügig weiterentwickelten P70 für Ray Calcutt und François Libert ab. Der Wagen sei für die 24 Stunden von Le Mans nicht schnell genug. Roger Hurst erwarb einen drei Liter großen V8 von Repco. Das Triebwerk gewann 1966 und 1967 bei Brabham mit Sir Jack Brabham und Denny Hulme zweimal die Automobil-Weltmeisterschaft.

Der Motor, der auf dem Buick 215 basierte, sollte für Le Mans reichen. Dazu erwarb Hurst ein Formel-3-Chassis von Brabham. Der BT28/6 sollte als Teileträger helfen, den Lenham P71 aufzubauen. Doch der „Lenham-Hurst Racing Organization“ gelang es nicht, den Rennwagen fertigzustellen. Bei zwei Rennen der Sportwagen-WM gab das Team eine Nennung ab. Doch in den Ergebnislisten dieser Läufe steht heute „DNA“ – „did not arrive“.

Die Hoffnung vom Le Mans-Start lebte weiter!

Trotzdem lebte der Traum von der Le-Mans-Teilnahme weiter. Doch den Beteiligten war klar, dass die verpassten WM-Läufe nicht gerade die beste Werbung für Team und Fahrzeug waren. 1972 meldete Roger Hurst den Wagen als Darnval LM2. Dahinter stand die Hoffnung, dass eine französische Marke bei der Auswahl mehr Beachtung finden würde.

Roger Hurst verpflichtete François Migault als zweiten Fahrer. Der Franzose bestritt mit dem als Darnval LM2 Repco getarnten Lenham P71 im März 1972 das 4-Stunden-Rennen von Le Mans. Es fand damals auf dem 13,6 Kilometer langen „Circuit de la Sarthe“ statt und galt als Test für das 24-Stunden-Rennen im Sommer. Doch der Darnval LM2 Repco fiel nach einer Runde mit einer defekten Kupplung aus.

Roland Leboucher übernahm den Lenham P71

Auf einen Start beim 24-Stunden-Rennen verzichtete Roger Hurst, stattdessen verkaufte der Brite den Rennwagen an Roland Leboucher. Der Franzose fuhr 1973 mit ihm in der französischen Rundstrecken-Meisterschaft. 1974 nahm Leboucher zusammen mit Jacques Prévoteau an einem 2-Stunden-Rennen des ACO teil. Dabei stellten die Piloten fest, dass der Rennwagen aerodynamisch problematisch war.

Bei hohen Geschwindigkeiten hob sich die Vorderachse. Und in schnellen Kurven neigte der Rennwagen mangels Anpressdruck zum Untersteuern. Fahrzeugeigner Roland Leboucher überarbeitete den Rennwagen im Anschluss grundlegend. Bei der Gestaltung der neuen Karosserie orientierte sich der Franzose am Porsche 917/10 aus der Can-Am-Serie.

Ford statt Repco – Vierzylinder statt V8

Doch als bei Testfahrten der V8 den Geist aufgab, verlor Leboucher die Lust an dem Projekt. 1975 stand der Rennwagen zum Verkauf. In einer Zeitschrift bot Leboucher den Rennwagen zu einem Preis von 30.000 Franc an. Das entsprach etwa dem Preis eines neuen Renault 12 TS. Ein Porsche 911 2.7 kostete in Frankreich das Doppelte. Anfang 1976 erwarb José Thibault den Rennwagen.

Thibault verkaufte den Repco und erstand stattdessen einen Cosworth FVC mit 1840 cm³. Zudem überarbeitete der neue Eigner das Chassis. Denn die Tanks des P71 lagen rechts und links neben dem Fahrgastraum. Der ACO verlangte inzwischen eine gewisse Knautschzone zum Schutz der Tanks. Thibault löste das Problem mit seitlichen Elementen aus Aluminium.

1976 war es endlich so weit

Am 1. Mai 1976 fuhr Thibault in Magny-Cours ein 2-Stunden-Rennen. Es war eher ein Test als ein ernsthafter Renneinsatz. Michel Lateste stieß zum Team und brachte etwas Sponsorgeld mit. Auch Alain Hubert, ein Formel-Pilot, zeigte Interesse am Start im modifizierten Lenham. Gemeinsam bestritt das Trio tatsächlich mit dem inzwischen fünf Jahre alten Auto die 24 Stunden von Le Mans.

In der Qualifikation umrundete der Lenham Ford die Strecke in 4:34,2 Minuten. Das reichte, um das Rennen vom 52. Startplatz in Angriff zu nehmen. Doch es gab Probleme mit Vibrationen und der Schaltung. So fiel der Lenham schnell weit zurück. Nach vier Stunden hatte das Team nur acht Runden absolviert. Später, als der Wagen endlich sauber lief, gab es Probleme mit einer Hardy-Scheibe.

Ein Lieferwagen half bei der Panne

Michel Lateste blieb draußen auf der Strecke liegen. Doch irgendwie schaffte es der Franzose zurück an die Box. Mit einer Hardy-Scheibe aus einem Renault-Lieferwagen brachte das Team den Rennwagen zurück auf die Strecke. Doch die Reparatur kostete weitere Zeit. Nach 14 Stunden disqualifizierte der ACO den Lenham, da die zurückgelegte Distanz zu weit hinter dem Soll lag. Immerhin 88 Runden hatte der Lenham P71 zu diesem Zeitpunkt im Rennen absolviert.

José Thibault verkaufte das Auto später und widmete sich anderen Projekten. Ein Hobby-Rennfahrer setzte den Rennwagen noch bei einigen Rennen in Frankreich ein. Dann verschwand der Rennwagen für fast 30 Jahre. Erst 2014 tauchte der Lenham P71 bei der Le Mans Classic wieder auf. Seitdem kehrte er immer wieder im historischen Motorsport auf die Strecke zurück.


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