McLaren MP4/8B Lamborghini: Es sollte nicht sein

Was wäre gewesen, wenn McLaren 1994 nicht auf Peugeot, sondern auf Lamborghini gesetzt hätte? Doch obwohl Ayrton Senna vom McLaren MP4/8B mit Lamborghini-V12 begeistert war, bestritt der „McLambo“ nie einen Grand Prix.

Fabian P. Wiedl und Tom Schwede
Von Fabian P. Wiedl und Tom Schwede
11. Juli 2026 6 Minuten Lesezeit
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McLaren MP4/8B Lamborghini on Goodwood
In Goodwood zeigte McLaren den McLaren MP4/8B Lamborghini. Der Testträger begeisterte Ayrton Senna. Doch McLaren-Boss Ron Dennis hatte andere Pläne. (Foto: )

In den 1980er-Jahren dominierte McLaren die Königsklasse. Dabei halfen zunächst Porsche-Motoren. Deren Entwicklungskosten übernahm ein in der Schweiz lebender saudischer Milliardär, weshalb die Triebwerke offiziell als TAG-Porsche an den Start gingen. Porsche nutzte seine umfangreiche Turbo-Erfahrung und baute den besten Motor dieser Epoche. Dank seiner Hilfe krönte Niki Lauda 1984 sein Comeback mit dem Gewinn des Fahrertitels. 1985 und 1986 sicherte Alain Prost der deutsch-britischen Allianz zwei weitere Titel.

McLaren stand 1993 plötzlich ohne Motoren da

Porsche verstand es perfekt, seine Motoren auf die Benzinvorgaben der FISA (1984 maximal 220 Liter pro Grand Prix, ab 1986 nur noch 195 Liter) abzustimmen. Doch als 1987 noch eine Begrenzung des Ladedrucks auf 4,0 bar dazukam, sank der Stern von Porsche. Auf die finale Saison der ersten Turboepoche, als der Ladedruck auf 2,5 bar sank, verzichtete Porsche. Ab 1988 trat McLaren mit Motoren von Honda an. Die erste gemeinsame Saison war eine für die Geschichtsbücher. Denn der McLaren MP4/4 Honda gewann 15 der 16 Saisonrennen.

Als die Turbos am Ende der Saison 1988 ins Museum fuhren, blieb McLaren-Honda an der Spitze. Ayrton Senna (3x) und Alain Prost (1x) holten weitere Titel für McLaren. Doch Ende 1992 zog sich Honda aus der Königsklasse zurück. Zugang zu einem anderen Werksmotor fand McLaren-Boss Ron Dennis zunächst nicht. Renault, die neue Macht der Szene, war eng mit Williams verbündet. Und bei Frank Williams saß der Stachel tief, dass Ron Dennis vor ein paar Jahren Honda von Williams zu McLaren gelotst hatte.

Ford HB als Zwischenlösung

Ferrari belieferte die BMS Scuderia Italia, die Kundenfahrzeuge von Lola einsetzte. Die Italiener hätten sich wohl schwergetan, ein Team zu beliefern, das auf Höhe des Werksteams hätte fahren können. Denn das hätte den Mythos der Marke gefährdet. Die Triebwerke von John Judd, Ilmor und Yamaha fand McLaren nicht interessant. Den Zugang zum neuen V10 von Brian Hart versperrte Eddie Jordan, der sich finanziell an dessen Entwicklung beteiligt hatte. Jordan hatte kein Interesse daran, „seinen Motor“ an McLaren zu liefern.

So blieben McLaren nur Kundenmotoren von Ford. Wobei McLaren den Cosworth HB mit einer Elektronik seines Partners TAG ausrüstete. Während das Ford-Werksteam Benetton mit einer mechanischen Drosselklappe fuhr, rüstete McLaren-Partner TAG die Cosworth-Motoren für McLaren auf ein komplett elektronisches System um. Ayrton Senna, der McLaren treu blieb, gewann 1993 fünf Grand Prix. Darunter der bravouröse Erfolg im Regen von Donington.

Das Testfahrzeug: Der McLaren MP4/8B

Doch dem Ford HB fehlten im Vergleich mit dem V10 von Renault, den Williams fuhr, rund 70 bis 80 PS Leistung. Ayrton Senna forderte für 1994 vehement ein konkurrenzfähiges Triebwerk. Während der IAA im September 1993 traf sich Ron Dennis in Frankfurt mit Chrysler-Chef Bob Lutz, zu dessen Reich damals auch Lamborghini gehörte. Und Lamborghini hatte etwas, was McLaren verzweifelt suchte: einen Formel-1-Motor. Dennis und Lutz vereinbarten per Handschlag einen geheimen Testlauf.

Würde sich der V12 von Lamborghini bewähren, würde McLaren 1994 mit dem Triebwerk aus Italien zu den Grand Prix antreten. Für den Test entstand der McLaren MP4/8B Lamborghini. Um den italienischen Motor überhaupt testen zu können, musste McLaren das 1993er-Chassis radikal umbauen. Denn ein V12-Zylinder ist naturgemäß deutlich länger und schwerer als ein kompakter V8. Die McLaren-Ingenieure um Neil Oatley verlängerten den Radstand des Chassis um fast 12,5 Zentimeter (4,875 Zoll).

Der Motor: Lamborghini LE3512 V12

Auch die Motoraufhängungen, die Kühler und das Getriebegehäuse mussten komplett modifiziert werden, um den Lamborghini LE3512 V12 im McLaren unterzubringen. Hinter dem Motor stand der langjährige Ferrari-Mitarbeiter Mauro Forghieri. Der Ingenieur baute nach seinem Ausscheiden bei Ferrari Lamborghini Engineering auf. Sein dort entstandener V12 debütierte schon 1989 in der Königsklasse. Doch er kam bis dahin nur in kleineren Teams wie Larrousse, Lotus, Ligier, Minardi sowie dem „Modena Team“ zum Einsatz.

Keines der Teams war auf dem Niveau von McLaren. Deshalb wollte Ron Dennis mit dem Test wohl auch herausbekommen, ob die zahlreichen Ausfälle der Lamborghini-Piloten an deren Teams lagen oder auf den Motor zurückgingen. Mauro Forghieri lieferte für den Test die letzte Ausbaustufe seines Motors. Mit 750 PS lag die Leistung des Triebwerks rund 70 PS über dem Ford HB. Und noch viel wichtiger: Forghieri war sich sicher, dass sein Triebwerk rund 10 PS mehr als der Werks-V12 von Ferrari hatte.

Die Tests begeisterten Ayrton Senna

McLaren baute den Testträger MP4/8B innerhalb weniger Wochen. Er bekam keinerlei Sponsorenlogos oder Werbeaufkleber und wurde komplett weiß lackiert. Nur auf den Reifen war das Logo des Reifenlieferanten Goodyear zu sehen. Im Oktober 1993 führte zuerst Mika Häkkinen in Silverstone den McLaren-Lamborghini aus. Der Finne war auf Anhieb 1,4 Sekunden schneller pro Runde als mit dem Ford-V8 am offiziellen Grand-Prix-Wochenende. Auch wenn Quervergleiche immer schwierig sind, waren die Verantwortlichen zufrieden.

Kurze Zeit später übernahm Ayrton Senna den Testträger in Estoril (Portugal). Senna war nach den ersten Runden in Estoril sogar völlig aus dem Häuschen. Der V12 schrie nicht nur ohrenbetäubend schön, mit ihm war der McLaren so schnell, wie es sich der Brasilianer wünschte. Der Brasilianer merkte an, dass der Motor zwar oben herum noch etwas zu explosiv sei und im mittleren Drehzahlbereich mehr Drehmoment brauche, sah darin aber sofort ein potenzielles WM-Auto.

Warum scheiterte das Projekt?

Senna war von dem Triebwerk so überzeugt, dass er Ron Dennis anflehte, den Lamborghini-V12 noch in den letzten beiden Saisonrennen 1993 (in Japan und Australien) einzusetzen. Doch Ron Dennis zögerte. Dabei sagte Chrysler sogar zu, für 1994 einen komplett neuen, leichteren V12 zu entwickeln. Doch im Hintergrund lockte Peugeot: Die Franzosen boten McLaren für 1994 kostenlose V10-Motoren an (basierend auf ihrem erfolgreichen Le-Mans-Motor aus dem Peugeot 905).

Die Aussicht auf ein echtes, kostenloses Werksprogramm ließ Ron Dennis umschwenken. Senna war zutiefst enttäuscht von der Entscheidung gegen Lamborghini und für Peugeot. Der dreifache Weltmeister sah bei McLaren keine Zukunft mehr für sich und unterschrieb für 1994 bei Williams. Senna traute Peugeot nicht zu, einen Spitzenmotor zu bauen. Und lag damit richtig. Denn die Kombination McLaren-Peugeot wurde 1994 zu einem Desaster (viele Motorschäden, kein einziger Sieg).

Chrysler zog sich aus der Formel 1 zurück!

Gut möglich, dass Ron Dennis auch deshalb zögerte, weil Chrysler längst mit indonesischen Investoren über den Kauf von Lamborghini verhandelte. Offiziell heißt es heute in vielen Quellen, dass Chrysler sich von McLaren als Spielball missbraucht fühlte und deshalb nach dem Scheitern der Formel-1-Pläne Lamborghini im November 1993 frustriert verkaufte. An dieser Darstellung sind Zweifel angebracht. Denn zwischen dem Scheitern und dem Verkauf lagen nur einige Tage. Wer Konzernstrukturen kennt, wird die Geschichte nicht glauben.

Wie es auch war, der McLaren MP4/8B, oft auch scherzhaft „McLambo“ genannt, blieb ein kurzes Abenteuer.

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