Renault 21 Turbo Europa Cup: Wie eine brave Limousine zum Rennwagen wurde
Der Renault 21 galt Mitte der 1980er-Jahre als Inbegriff einer vernünftigen Familienlimousine. Doch wollte das ändern und schickte den Viertürer in seinen Europa-Cup: Mit 2,6 bar Ladedruck, rund 300 PS und reichlich Temperament wurde aus einem braven Mittelklassewagen ein erstaunlich bissiges Markenpokal-Auto.
Renault gilt als Erfinder automobiler Markenpokale. Schon 1966 schrieb der französische Autobauer einen Wettbewerb für seinen R8 Gordini aus. Später traten die Markenpokale von Renault zeitweise im Rahmenprogramm der Formel 1 an, ähnlich wie heute der Porsche Supercup. Das war ein wichtiger Teil der Strategie von Renault Sport, denn der Auftritt im Umfeld der Königsklasse maximierte die Sichtbarkeit des Sportprogramms.
Als Renault nach dem R5 Maxi Turbo (1981 bis 1984) und der Alpine V6 Turbo (1985 bis 1988) ein neues Sportgerät ankündigte, waren die Erwartungen groß. Doch Renault befand sich in einer Phase des Modellwechsels. Die Baureihen R9, R11 und R25 waren noch typische Produkte der frühen 1980er-Jahre. Der gerade eingeführte R19 sollte in der Kompaktklasse den VW Golf endlich herausfordern. Ein Sportgerät sahen die Verantwortlichen nicht in ihm.
So fiel die Wahl auf den Renault 21!
Als Renault im Frühjahr 1986 den Renault 21 vorstellte, war die Botschaft klar: Hier kommt ein solides Auto für Familien, Vertreter und Behörden. Also nichts fürs Herzklopfen. Schließlich sollte der Wagen vor allem vernünftig sein. Und das war er auch. Vielleicht sogar ein bisschen zu vernünftig. Denn der Renault 21 wirkte wie das automobil gewordene karierte Hemd: praktisch, ordentlich – aber kaum geeignet, jemanden vom Hocker zu reißen.
Seine Linien waren glatt, beinahe sachlich bis zur Langeweile. Kein kecker Knick, keine gewagte Sicke. Im Rückblick wirkt es, als hätten die Designer sich vorgenommen, auf keinen Fall aufzufallen und dieses Ziel mit bemerkenswerter Konsequenz umgesetzt. Auch technisch blieb Renault zunächst im Bereich des Erwartbaren. Unter der Haube arbeiteten bewährte Vierzylinder mit 1,4 bis 2,2 Liter Hubraum, die zuverlässig ihren Dienst verrichteten, ohne dabei sportliche Ambitionen zu wecken.
Mit dem Turbo wurde der Renault 21 sportlich
Kurzum, der Renault 21 war ein Auto für Menschen, die möglichst bequem von A nach B wollten. Mehr nicht. Doch Renault wäre nicht Renault, wenn nicht irgendwo im Hintergrund ein Ingenieur mit leicht unruhigem Puls darüber nachgedacht hätte, was passieren würde, wenn man diesem braven Mittelklassewagen ein wenig mehr Pfeffer einhauchte. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: 1987 schob Renault den Renault 21 Turbo nach.

Äußerlich blieb der Renault 21 Turbo erstaunlich zurückhaltend, auch wenn es ein paar Spoiler, etwas breitere Kotflügel und einen dezenten „Turbo“-Schriftzug gab. Unter dem Blech arbeitete ein aufgeladener Zweiliter-Vierzylinder, der 175 PS an die Vorderräder schickte. Damit verwandelte sich die brave Familienlimousine in etwas, das man damals nur mit einem leicht ungläubigen Lächeln betrachten konnte: in eine der schnellsten Serienlimousinen Europas.
Renault 21 Turbo als Erbe des Alpine GTA V6 Turbo!
Der Renault 21 Turbo beschleunigte energisch. Die Version ohne Katalysator absolvierte den Sprint von 0 auf 100 km/h in erstaunlichen 7,4 Sekunden und war bei Bedarf bis 227 km/h schnell. Das ließ selbst gestandene Sportwagenfahrer kurz die Augenbrauen heben. Und so hatte Renault tatsächlich plötzlich ein Auto im Programm, das sich eignete, um im Renault Elf Europa Cup nicht nur um Punkte, sondern auch um Aufmerksamkeit zu kämpfen.
Man muss sich den Gegensatz ansehen: Bis 1988 fuhr im „Renault Elf Europa Cup“ der Alpine GTA V6 Turbo. Das war ein Mittelmotor-Sportwagen: flach, breit, mit einer aufregenden Kunststoffkarosserie und einem aufgeladenen V6 im Heck. Also genau die Art von Auto, die Rennserien gewöhnlich einsetzen, wenn sie sportlich wirken wollen. Wer damals ein Rennen des Europa Cups sah, der bekam Fahrzeuge zu sehen, die klar nach Motorsport aussahen.
Wie kam es wohl zu dieser Entscheidung?
Und dann kam 1989: An die Stelle des V6 Turbo trat der Renault 21 Turbo. Vier Türen, ordentlich Platz im Fond und eine Silhouette, die man eher dem örtlichen Supermarkt als auf einer Rennstrecke erwartet hätte. Der Schritt vom Alpine zum Renault 21 wirkte ungefähr so, als würde man bei einem Segelrennen die sportlichen Jollen plötzlich durch solide Familienkreuzer ersetzen. So funktional der R21 zweifellos war, ihm fehlte zunächst einmal alles, was man gemeinhin mit einem Rennwagen verbindet.
Man kann sich lebhaft vorstellen, wie die Entscheidung gefallen sein könnte. Irgendwo in einem dunklen Konferenzraum dürfte jemand ganz nüchtern gefragt haben: „Welches Auto könnte etwas Aufmerksamkeit gebrauchen, weil wir mit ihm Stückzahlen machen?“ Die Antwort lautete natürlich nicht Alpine, sondern Renault 21. Und damit war die Sache vermutlich entschieden. So rollten fortan keine exotischen Sportwagen mehr in die Startaufstellung, sondern aufgeladene Mittelklasse-Limousinen.
Aus dem biederen Viertürer wurde ein erstaunlich bissiges Markenpokalgerät!
Allerdings muss man Renault zugutehalten: Ganz so brav, wie die Karosserie vermuten ließ, waren die Cup-Autos nicht. Unter der eher biederen Hülle arbeiteten Turbomotoren mit rund 300 PS, die ihre Kraft auf die Vorderräder losließen. Das Ergebnis war ein Fahrstil, der gelegentlich mehr mit Zähmen als mit Fahren zu tun hatte. So passte der Wechsel am Ende gut zu seiner Zeit. Denn als in Europa der Eiserne Vorhang fiel, war die Welt im Aufbruch. Für einen Moment wirkte es, als ob es keine Grenzen mehr gäbe.

Und vielleicht war es deshalb gar kein Zufall, dass gerade in diesen Jahren viele Autobauer sich an sportlichen Limousinen versuchten. Bei vielen Autobauern gab es plötzlich schnelle Viertürer, die im Alltag geschniegelt wirkten, aber bei Bedarf erstaunlich bissig sein konnten. Und genau diese Rolle übernahm der Renault 21 Turbo auch im Europa-Cup. Er war gewissermaßen der Familienvater im Trainingsanzug unter lauter richtigen Rennfahrern.
Massimo Sigala war der König des Renault 21 Turbo!
Bis zu 2,6 bar Ladedruck gestattete Renault den Piloten seines Markenpokals. Damit hatte der Renault 21 Turbo im Cup-Trim über 300 PS, die über die Vorderräder auf die Straße flossen. Viele der Piloten mussten sich erst an die Eigenheiten der Autos gewöhnen. Denn beim Herausbeschleunigen zerrte das Drehmoment so stark am Lenkrad, dass manche Piloten später scherzten, der Wagen fahre „nicht geradeaus, sondern suche sich selbst eine Richtung“.
Das machte die Rennen spektakulär: Beim Herausbeschleunigen aus engen Kurven sah man häufig Autos, die leicht schräg standen oder kurz mit durchdrehenden Vorderrädern kämpften. Am besten bewältigte den Umstieg vom Vorgänger der amtierende Meister. Denn den Titel 1989 holte – wie von 1986 bis 1988 im V6 Turbo – Massimo Sigala. Und der spätere Mitbegründer von Trident Racing, heute unter anderem in der Formel 2 aktiv, wiederholte den Erfolg sogar ein Jahr später.
Nach nur zwei Jahren schickte Renault den R21 Turbo schon wieder in „Rente“. Der Clio übernahm die Rolle des Sportgeräts in den Markenpokalen von Renault.
Über diesen Artikel:
Kategorie:
Schlagwörter:
Ähnliche Artikel:
Gefallen gefunden?
Helfen Sie uns, besser zu werden – wie fanden Sie diesen Artikel?
Unterstützen Sie uns – mit einem Klick!
Wenn Sie unseren Amazon-Link nutzen, unterstützt das direkt unseren Blog. Sie profitieren von gewohnter Amazon-Qualität, wir von einer kleinen Provision. Und so hilft uns jeder Einkauf, den Sie über unseren Amazon-Link tätigen, hochwertigen Content für Sie zu erstellen. Ohne zusätzliche Kosten für Sie!
Online-Magazin für echte Auto-Enthusiasten:
Seit 2007 dreht sich bei AutoNatives.de alles um Oldtimer, Youngtimer und die faszinierende Geschichte des Motorsports. Wir feiern automobiles Kulturgut und bringen regelmäßig spannende Geschichten über klassisches Blech und legendäre Rennsport-Momente.
Wir lassen Klassiker aufleben und prüfen moderne Autos!
Doch damit nicht genug: Auch aktuelle Modelle kommen bei uns auf den Prüfstand – authentisch, leidenschaftlich und mit dem unbestechlichen Popometer unserer Redakteure.
Alles zusammen macht AutoNatives.de zum Blog, das Auto-Geschichte lebendig werden lässt und moderne Technik auf Herz und Nieren prüft.

