von Fredo Steckgaard am 05.04.2026

Renault 21 Superproduction 4x4 – Frankreichs wildester Tourenwagen

Frankreich erlaubte Ende der 1980er-Jahre Tourenwagen, die anderswo undenkbar gewesen wären. Mit über 430 PS, Allradantrieb und Technik aus der Formel 1 dominierte der Renault 21 Superproduction 4x4 die Saison 1988. Am Steuer: Jean Ragnotti – und eine Familienlimousine, die plötzlich zum Extrem-Rennwagen wurde.

Renault 21 Superproduction 4x4

Als Frankreichs Tourenwagen ohne Grenzen kannten: Der Renault 21 Superproduction 4x4 gewann 1988 mit Jean Ragnotti das Championnat de France. (Foto: Renault)

Bevor Renault Ende der 1980er-Jahre den Renault 21 Turbo in seinen Markenpokalen einsetzte, wagte der französische Hersteller noch einen deutlich radikaleren Schritt. Für die französische Tourenwagenmeisterschaft entstand der Renault 21 Superproduction 4x4, eine Extremvariante der Limousine. Mit über 430 PS, Allradantrieb und aufwendiger Aerodynamik war dieser Rennwagen weit mehr als eine getunte Serienlimousine. Er gehörte zu jener Generation von Tourenwagen, die technisch an Prototypen erinnerten.

Championnat de France als Experimentierfeld

Die französische Tourenwagenmeisterschaft (Championnat de France) existierte seit Mitte der 1970er-Jahre. Anfangs fuhren die Fahrzeuge nach dem internationalen Gruppe-2-Reglement, später nach den Regeln der Gruppe A. Doch anders als viele andere nationale Serien hielt sich der französische Verband FFSA nicht strikt an die FIA-Vorgaben. Die Franzosen passten ihre Regeln regelmäßig an, um zur Freude der Zuschauer spektakulärere Autos zu ermöglichen und mehr Hersteller anzulocken.

1983 ersannen die Verantwortlichen des Championnat de France eine Meisterschaft ohne übliche Klasseneinteilung. Anders als es zuvor üblich war, spielte der Hubraum keine Rolle mehr. Die Tourenwagen wurden über ihr Gewicht und die Breite ihrer Reifen in der Leistung angeglichen. Die Größe der Motoren spielte nur noch indirekt eine Rolle. An diesen Regeln orientierte sich die ONS, als sie ein Jahr später ihre Deutsche Produktionswagen-Meisterschaft – die spätere DTM – einführte.

Superproduction: Tourenwagen (fast) ohne Grenzen

Die Fédération Française du Sport Automobile (FFSA) ging ab 1987 noch einen Schritt weiter. Sie definierte eine eigene Fahrzeugklasse: Superproduction. Diese verlangte zwar weiterhin ein Serienfahrzeug als Basis, ließ den Ingenieuren aber deutlich größere Freiheiten als das internationale Gruppe-A-Reglement. Die Motoren konnten massiv überarbeitet werden. Die Aerodynamik und das Fahrwerk waren weitgehend freigestellt. Selbst Allradantrieb, der in der Serie nicht vorhanden war, war erlaubt.

Renault 21 Superproduction 4x4

Besonders auf feuchter strecke spielte der Renault 21 Superproduction 4x4 die Vorteile seines Allradantriebs aus. (Foto: Renault)

Das führte zu Tourenwagen mit Leistungen von deutlich über 400 PS. Die Einführung der Superproduction-Klasse war ein radikaler Bruch und öffnete die Tür für extrem leistungsstarke Tourenwagen, die ihrer Zeit voraus waren. 1987 – im Debütjahr der Superproduction-Klasse – war der Renault R5 Turbo 4x4 das Maß aller Dinge und gewann sechs der 14 Läufe. Den Titel holte Érik Comas, der sich 1990 die Formel-3000-Meisterschaft sicherte und später immerhin 59 Grand Prix fuhr.

Vom Familienauto zum Superproduction-Renner

Der Serien-Renault 21 erschien 1986 und deckte ein breites Spektrum ab. Die Motorenpalette reichte vom 1,4-Liter-Vierzylinder mit rund 60 PS bis zum 2,2-Liter-Motor, der die Limousine schon auf 192 km/h beschleunigen konnte. 1987 ergänzte Renault das Angebot um den R21 Turbo, der in der Serie 175 PS Leistung bot und bis zu 227 km/h schnell war. Doch für die Superproduction-Kategorie entstand praktisch zeitgleich ein völlig neues Fahrzeug. Renault Sport entwickelte dafür einen 2,0-Liter-Turbo-Motor mit vier Zylindern und rund 430 PS Leistung.

Damit erreichte der Rennwagen Geschwindigkeiten von bis zu 290 km/h. Ein bemerkenswerter Wert für ein Fahrzeug, dessen Silhouette noch immer klar an eine Mittelklasselimousine erinnerte. Auch der Antriebsstrang war ungewöhnlich: Der Renault 21 Superproduction verfügte über Allradantrieb, reiht sich in die Riege erfolgreicher Allradsportler auf der Rundstrecke ein. Eine Besonderheit war die 2,35 Meter lange Carbon-Kardanwelle, die aus dem Allrad-Van Renault Espace Quadra stammte.

Weitere Details zeigten, wie ernst Renault das Projekt nahm:

Der Turbomotor verfügte über ein Blow-off-Ventil, das direkt aus der Formel 1 abgeleitet war. Daneben investierte Renault Sport viel Zeit in Windkanaltests, um den Luftwiderstand zu reduzieren und gleichzeitig die Stabilität des Rennwagens bei hohen Geschwindigkeiten zu verbessern. Ein charakteristisches Detail dieser Feinarbeit im Windkanal war ein quer über dem Kofferraum stehender Heckspoiler, der deutlich über die Kante des Kofferraumdeckels hinausragte.

Er sollte nicht nur den Abtrieb erhöhen, sondern auch den Luftstrom sauber abreißen lassen. Ein Detail, das später auch den erfolgreichen Alfa Romeo 155 V6 Ti in der DTM auszeichnen sollte. Für den neuen Rennwagen verpflichtete Renault einen Fahrer, der bereits eng mit der Marke verbunden war: Jean Ragnotti. Der Franzose, von den Fans liebevoll „Jeannot“ genannt, hatte zuvor bereits drei Läufe zur Rallye-Weltmeisterschaft für Renault gewonnen.

Jean Ragnotti war der perfekte Mann für das Projekt

Seine oft spektakuläre Fahrweise machte ihn zu einem der populärsten französischen Rennfahrer seiner Zeit. Und Ragnotti erwies sich schnell als ideale Besetzung für den Renault 21 Superproduction. Schon beim Debüt im März 1988 fuhr er den Renault 21 Superproduction erstmals aufs Podium und unterstrich damit sein Potenzial. Im Verlauf der Saison gewann das Team sechs der zehn Meisterschaftsläufe. Die Siege teilten sich Jean Ragnotti und sein Teamkollege Jean-Louis Bousquet.

Jean-Louis Bousquet im Renault 21 Superproduction 4x4

Jean-Louis Bousquet im Renault 21 Superproduction 4x4 (Foto: Renault)

Am Ende der Saison sicherte sich Ragnotti den französischen Meistertitel in der Superproduction-Kategorie. Doch für 1989 änderten die Organisatoren die technischen Regeln. Der Ladedruck der Turbomotoren im Championnat de France wurde auf zwei bar begrenzt. Dies traf Renault hart. Renault Sport reagierte mit umfangreichen Modifikationen. Die überarbeitete Version des Renault 21 4x4 Superproduction war unter dem Blech praktisch völlig neu.

Trotzdem bremsten die Regeländerungen das Konzept

Aber selbst mit dem Handicap von 128 Kilogramm Zusatzgewicht und wiederkehrenden Problemen mit der Kraftübertragung blieb der Wagen schnell. In der Saison 1989 holte der Renault 21 Superproduction in den Rennen elf Polepositions, musste sich in der Meisterschaft aber knapp mit Platz zwei begnügen. Rückblickend war der Renault 21 Superproduction ein Vorläufer jener technischen Entwicklung, die wenige Jahre später im Tourenwagensport der „Klasse 1“ sichtbar werden sollte.

Denn deren Regeln orientierten sich in vielen Punkten an den Regeln der Superproduction-Klasse im Championnat de France. So gab es auch in der „Klasse 1“ bald immer komplexere Fahrzeuge mit Turboaufladung, Allradantrieb und aufwendiger Aerodynamik. Doch es war der Renault 21 Superproduction 4x4, der schon 1988 zeigte, wie weit sich Tourenwagen von seinen Serienvorbildern entfernen können. Und so wurde aus einer unscheinbaren Familienlimousine ein 430-PS-Allradrenner für die Rundstrecke.


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