Als Fiat 1998 den Multipla präsentierte, waren die Reaktionen überwiegend ablehnend. Der Grund lag in seiner ungewöhnlichen Frontpartie mit den übereinander angeordneten Scheinwerfern. Das erinnerte eher an ein Tiefseewesen als an ein Auto. Selbst eine Werbekampagne mit Michael Schumacher beflügelte das Image nicht. Dabei ging Fiat die Sache eigentlich mit einer gehörigen Portion Ironie an und bewarb das Auto mit dem Claim „Schön, dass es Ausnahmen gibt“. Doch das Problem war: Die Öffentlichkeit bezog das „Schön“ im Jahr 1999 auf so ziemlich alles, nur nicht auf dieses Auto.
Schumi und der Multipla – da war doch was!
Als Hauptfigur eines Werbespots zur Multipla-Einführung stellte Schumacher den Gästen das Konzept der sechs Einzelsitze vor. Das konnte eigentlich nicht schiefgehen. Denn damals war Deutschland davon überzeugt, ein rotes Auto aus Maranello und ein Mann aus Kerpen seien die logische Fortsetzung der Schöpfungsgeschichte. Damit war Schumacher, als der Spot Anfang 1999 über die Mattscheiben flimmerte, gewiss ein gutes Testimonial. Doch als erfolgreicher Formel-1-Star stand der Deutsche für kompromisslose Sportlichkeit, Aerodynamik und Ästhetik.
Und dieses – sagen wir es zurückhaltend – seltsame Auto war davon weiter als praktisch jedes andere Auto auf dem Markt entfernt. „Glaubwürdigkeitslücke“ sagen Werber dazu, wenn Kunden die „Match-up-Hypothese“ missachten. Aber sie hatten wohl keine Wahl. Vermutlich bestand die Fiat-Chefetage damals darauf, Schumacher in die Werbung für ihr neues Modell einzubinden. Schließlich gehörte sein Arbeitgeber Ferrari damals zu 90 Prozent zu Fiat, und die Turiner zahlten einen Großteil des fürstlichen Gehalts des damaligen Doppelweltmeisters.
Wer zahlt, schafft an!
Und wenn man schon Millionen nach Maranello überweist, dann soll der Heilsbringer gefälligst auch die heimische Familienkutsche anpreisen. Am Ende half alles nichts: Die Ehe zwischen dem Champion und dem pummeligen Raumwunder blieb eine kurze Episode. Schumacher siegte weiter im roten Renner, während der Multipla ein automobiles Kuriosum blieb. Aber immerhin hielt Fiat mit dem Werbespruch das eigene Versprechen. Denn so einfallslos und uniform der Automarkt damals auch war: Schön, dass es Ausnahmen gab.
In der Diskussion über das missratene Design des Multipla ging unter, dass der Name selbst eine lange Tradition hatte. Schließlich debütierte er bereits mehr als vier Jahrzehnte zuvor mit dem Fiat 600 Multipla, der heute als frühe Großlimousine gilt. Denn beim Debüt 1956 war der Multipla kaum mit den üblichen Fahrzeugen seiner Zeit vergleichbar. Die meisten Automobile folgten damals einem einfachen Prinzip: vorne der Motor, dahinter die Fahrgastzelle und ganz hinten der Kofferraum. Fiat nutzte dieses Prinzip noch 1936 bei seinem erfolgreichen Kleinwagen Fiat 500 Topolino.
Mit dem Fiat 600 Multipla dachte den Innenraum völlig neu
Doch danach veränderte der Käfer mit seinem Heckmotor den Blick auf den Autobau. Weltweit folgten viele Autobauer dem Beispiel des deutschen Erfolgsmodells. 1955 stellte Fiat mit dem Fiat 600 sein erstes Heckmotorfahrzeug vor. Auf dessen Grundlage folgte ein Jahr später der Fiat 600 Multipla. Während die von Dante Giacosa geschaffene Limousine knapp 3,20 Meter lang war, streckte Fiat die Karosserie des Multipla auf 3,50 Meter und schuf damit ein völlig neues Raumkonzept. Der Motor blieb im Heck, wodurch die Passagiere nahezu die gesamte Fahrzeuglänge nutzen konnten.

Dazu kam, dass Giacosa, der auch den Fiat 600 Multipla maßgeblich prägte, das Lenkrad weit nach vorne verschob. Es saß im Multipla dort, wo beim Fiat 600 Tank und Reserverad untergebracht waren. Damit fanden in dem Kleinwagen bis zu sechs Personen Platz. Damit bot er ein Raumangebot, das damals eher an deutlich größere Limousinen erinnerte. Wurden die hinteren Sitze umgelegt, entstand eine große Ladefläche. Sogar Schlafplätze mit einer Länge von knapp zwei Metern waren möglich. Heute erscheint diese Flexibilität selbstverständlich, damals war sie revolutionär.
Er war immer mehr als nur ein Familienauto
Denn schließlich debütierte der Fiat 600 Multipla Jahrzehnte bevor Begriffe wie Van, Minivan oder Großraumlimousine in den Sprachgebrauch einzogen. Er zeigte, wie sich begrenzter Raum optimal nutzen ließ. Damit war der erste Multipla nicht nur für Familien interessant. Schnell entdeckten Gewerbetreibende und Behörden die Vorzüge des damals ungewöhnlichen Konzepts. In italienischen Städten gehörte besonders die Taxiversion bald zum Straßenbild. Sie verfügte über ein Taxameter auf dem Armaturenbrett und einen zusätzlichen Gepäckbereich anstelle des Beifahrersitzes.
Auch Krankenwagen, Lieferwagen und Kleinbusse entstanden auf Basis des Multipla. Karosseriebauer entwickelten zahlreiche Sonderversionen. Besonders bekannt wurden die offenen Spiaggina-Fahrzeuge, die den Multipla in ein Strandmobil für italienische Badeorte verwandelten. Und sogar die Carabinieri setzten den Multipla ein. Damit erfüllte das Fahrzeug Aufgaben, für die sonst mehrere unterschiedliche Modelle nötig gewesen wären, und wurde zum Symbol des italienischen Wirtschaftswunders. Zwischen 1956 und 1967 entstanden fast 243.000 Exemplare.
Damals traf der Multipla genau den Bedarf einer Gesellschaft im Wandel!
Denn ähnlich wie Deutschland wuchs bis in die 1970er-Jahre auch in Italien die Wirtschaft kräftig. Unternehmen expandierten, und immer mehr Menschen konnten sich erstmals ein eigenes Auto leisten. Damit wurden Familien mobiler. Und der Multipla verband auf praktische Art und Weise die Eigenschaften eines Familienwagens mit denen eines Nutzfahrzeugs. So transportierte er tagsüber Handwerker oder Waren, am Wochenende die dazugehörenden Familien. Genau diese Vielseitigkeit machte ihn zu einem Symbol seiner Zeit.

Rückblickend erscheint der Fiat 600 Multipla fast wie ein Vorgriff auf Fahrzeuge, die erst Jahrzehnte später populär wurden. Renault Espace, Chrysler Voyager, Opel Zafira oder Volkswagen Touran folgten alle derselben Grundidee: möglichst viel Raum auf möglichst kleiner Grundfläche bereitzustellen. Und auch der Multipla von 1998 stand damit in einer Tradition, die weit älter war, als viele seiner Kritiker damals ahnten. Doch während der erste Multipla seiner Zeit voraus war, polarisierte der zweite Multipla. Dabei war das Konzept mit drei Sitzplätzen in der ersten und drei in der zweiten Reihe innovativ.
Welcher Multipla bleibt?
Doch die öffentliche Wahrnehmung konzentrierte sich nicht auf die inneren Werte. Die ungewöhnliche Karosserie mit ihrer zweigeteilten Front sorgte für Spott und machte den Multipla zum Dauergast in Ranglisten der hässlichsten Autos der Welt. Sein praktisches Konzept geriet darüber in den Hintergrund. Zum 70. Geburtstag des historischen Fiat 600 Multipla rückt auch dessen Nachfolger wieder in den Blickpunkt. Und inzwischen wird der neue Multipla differenzierter bewertet. Denn was einst als skurril galt, wirkt inzwischen mutig.
Und losgelöst von der Diskussion über das Design gilt für beide Fahrzeuge: Sie stellten den verfügbaren Raum über Konventionen. Doch der Multipla von 1956 wurde dafür gefeiert. Der Multipla von 1998 wurde dafür verspottet. Und während Fiat den Geburtstag des Namensgebers feiert, stellen wir uns die Frage, ob man sich 2069 noch an den Multipla der Schumacher-Ära erinnern wird. Die Chancen stehen gar nicht schlecht. Schließlich sind es oft die ungewöhnlichen Autos, die länger im Gedächtnis bleiben als die gefälligen.
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