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Als Spa-Francorchamps noch durch die Vorgärten führte

Eine Zeitreise über den legendären Straßenkurs in den Ardennen. Warum die alte Rennstrecke bis heute für Gänsehaut sorgt.

Tom Schwede
Von Tom Schwede
14. August 2026 7 Minuten Lesezeit
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Spa-Francorchamps
Spa-Francorchamps gehört – mit Unterbrechungen – seit 1950 regelmäßig zum Kalender der Formel 1-Weltmeisterschaft. Um die Strecke ranken sich viele Mythen.

Vor ein paar Wochen fuhr die Formel 1 in Spa-Francorchamps. Wir nutzten das für einen Redaktionsausflug und verlegten unsere wöchentliche Redaktionskonferenz an die Kemmel-Gerade. Wir standen etwa dort, wo die Fahrzeuge die Schikane „Les Combes“ anbremsten, um auf die 1979 eröffnete Kurzanbindung abzubiegen. Der Boden vibrierte unter unseren Sohlen, das Kreischen der Motoren schnitt durch die Ardennenluft.

Zeitreise im Kopf!

Während der Qualifikation passierte etwas Merkwürdiges in meinem Kopf. Vor meinem inneren Auge bogen sie nicht ab. Ich sah die Geister der Vergangenheit vor mir, sah, wie die Boliden hier nur leicht vom Gas gingen, um in einem geschwungenen Bogen dem klassischen Verlauf der Straße zu folgen. Sie folgten einer Strecke, die es in dieser Form seit Jahrzehnten nicht mehr gibt.

Denn bis zu den 24 Stunden von Spa-Francorchamps am 22./23. Juli 1978 wurde die alte 14-Kilometer-Strecke genutzt. Wobei die Formel 1 schon 1970 das letzte Mal auf der alten Strecke zu Gast war. Das 1000-km-Rennen und die Sportwagen-WM traten 1975 zum letzten Mal an und verabschiedeten sich dann. Nur die Motorrad-WM und das 24-Stunden-Rennen fuhren noch drei Jahre auf der klassischen Strecke.

Wo die Geister geradeaus fahren: Die alte N62

Sie war ein 14,1 Kilometer langer Hochgeschwindigkeitswahnsinn durch belgische Dörfer. Sie war ein absolutes Nadelöhr zwischen Genie und Wahnsinn. An der Stelle, an der die Piloten heute bremsen, um in die enge Schikane von Les Combes einzubiegen, ging das Rennen früher erst richtig los. Die Strecke war keine permanente Rennstrecke, sondern ein Verbund aus öffentlichen Landstraßen (den heutigen N62 und N68).

Statt weicher Auslaufzonen und Hightech-Barrieren warteten auf die Fahrer:

Burnenville und der Masta-Knick: Die Anatomie der Furcht

Und dabei dürfen wir nicht vergessen, dass die Piloten in den 1960er-Jahren in leichten Zigarren-Rennwagen saßen. Keine Servolenkung, keine Carbon-Sicherheitszelle, ein einfacher offener Helm auf dem Kopf. Nach der Senke von Eau Rouge und dem Aufstieg über den Raidillon ballerten sie wie heute die Kemmel-Gerade hinauf.

1939 starb Mercedes-Werksfahrer Richard Seaman in Spa

In der schnellen Clubhouse-Kurve auf der Anfahrt nach Burnenville verunglückte am 25. Juni 1939 Mercedes-Werksfahrer Richard Seaman nach einem Unfall im strömenden Regen tödlich.

Anschließend ging es über eine Kuppe und dann leicht bergab Richtung Burnenville. Die Strecke folgte hier einer fast unendlichen und pfeilschnellen Rechtskurve. Wer hier zu spät bremste oder die Linie verlor, flog nicht ins Kiesbett, sondern schnurgerade in die Vorgärten der Anwohner. Doch das wahre Monster wartete mit dem Masta-Knick kurz darauf.

Der Masta-Knick war eine blitzschnelle Links-Rechts-Kombination mitten auf einer langen Geraden, idyllisch gelegen zwischen zwei Bauernhöfen. Sir Jackie Stewart bezeichnete diesen Abschnitt einst als die furchterregendste Kurve der Welt. Die Piloten fuhren sie im höchsten Gang an und wussten, dass der kleinste Fahrfehler an dieser Stelle bei 300 km/h einem Todesurteil nahekam.

1966: Der Tag, der alles veränderte

Der Abschied von der großen Schleife begann 1966 beim ersten Auftritt der neuen Dreiliterformel der Königsklasse in Spa-Francorchamps. Nur 17 Autos gingen ins Rennen. Zwei blieben schon beim Start stehen. Pünktlich zum Start begann es draußen auf der Strecke zu regnen. Ein ardennentypischer, sintflutartiger Regenschauer zog über die Strecke. Innerhalb von Sekunden verwandelte sich die Piste in eine Rutschbahn.

Ein Großteil des Feldes verunglückte. Jackie Stewart prallte gegen das Fundament eines Telegrafenmasts, sein Wagen überschlug sich und landete im Graben eines Bauernhofs. Stewart lag 25 Minuten lang im auslaufenden Benzin im Wrack gefangen, während die Dorfbewohner und Fahrerkollegen versuchten, ihn mit geliehenem Werkzeug zu befreien.

Ein Krankenwagen? Fehlanzeige!

Der Schotte wurde schließlich auf der Ladefläche eines Pick-ups abtransportiert. Es war ein Wunder, dass Jackie Stewart der einzige Verletzte war. Denn insgesamt fielen acht Autos bereits in der ersten Runde aus. Dieses Erlebnis machte Stewart zum Vorkämpfer für die Sicherheitsrevolution im Motorsport. 1969 boykottierten die Fahrer das Rennen in Spa-Francorchamps.

Spa-Francorchamps

Spa-Francorchamps ist mit mehr als sieben Kilometern immer noch die längste Strecke im Kalender der Formel 1.

1970 kehrte die Formel 1 noch einmal auf die alte Strecke zurück. Pedro Rodríguez gewann das Rennen mit seinem BRM P153 mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 241,308 km/h. Erst 1983 kehrte die Königsklasse auf die verkürzte Strecke zurück. Trotzdem ist der Circuit de Spa-Francorchamps erst seit dem Bau einer Umgehungsstraße (N62c) im Frühjahr 2001 eine permanente Rennstrecke.

Spa bewahrte trotz vieler Veränderungen seinen Charakter!

Die ersten Rennen fanden in Spa-Francorchamps schon 1921 statt. Damals bog die Strecke in der Senke von Eau Rouge noch scharf links über eine Brücke ab und führte anschließend unmittelbar in eine enge Haarnadel rechts bergauf nach Burnenville. Diese Spitzkehre hieß Virage de l'Ancienne Douane, weil hier bis 1920 die belgisch-deutsche Grenze verlief und sich eine Zollstation befand.

Erst 1939 entschlossen sich die Verantwortlichen, diesen langsamen Abschnitt zu beseitigen. Statt der Haarnadel, in der die Fahrzeuge fast zum Stillstand kamen, wurde eine völlig neue, steile Auffahrt in den Hang gesprengt: der Raidillon. Dadurch entstand die berühmte Passage, wie wir sie heute kennen. Und seitdem ist Eau Rouge nicht mehr der Ort, an dem gebremst wird, sondern der Ort, an dem der Mut entscheidet.

Auch die Start- und Ziellinie zog um!

Die ursprüngliche Start- und Ziellinie befand sich auf dem Gefällestück zwischen La Source und Eau Rouge. Das bedeutete, dass das gesamte Feld unmittelbar nach dem Start mit Vollgas den Berg hinunter auf Eau Rouge zustürmte. Das sorgte zwar für spektakuläre Bilder, bedeutete aber auch, dass ein dicht gedrängtes Feld mit Höchstgeschwindigkeit auf die Senke und anschließend durch Eau Rouge schoss.

Spa-Francorchamps

Hier wendeten die Rennwagen in Spa-Francorchamps früher, um zu Start- und Ziel zurückzukehren. Heute ist dieser ehemalige Streckenteil eine öffentliche Landstraße. (Foto: Karla Schwede)

Als die Formel 1 1983 in die Ardennen zurückkehrte, starteten die Wagen bereits vor La Source. Die Spitzkehre bremste das Feld ein, sortierte es und zog es auseinander. Das machte den Sprint zu Eau Rouge deutlich sicherer. Die 24 Stunden von Spa hielten trotzdem noch lange an der historischen Startlinie fest. Bis heute sind beide Boxenanlagen erhalten.

Legendär war auch die Bus-Stop-Schikane!

Typisch für Spa war auch die alte Bus Stop. Sie war eine Schikane, wie sie nur in Spa entstehen konnte. Ihren Namen verdankte sie einer nahegelegenen Bushaltestelle, fahrerisch war sie jedoch alles andere als ein Ort zum Anhalten. Vor der Zielgeraden mussten die Piloten ihre Autos aus Höchstgeschwindigkeit brutal herunterbremsen, den Wagen über hohe Randsteine werfen, um möglichst viel Schwung mitzunehmen.

Wer dort wirklich anhielt, hatte meist ein technisches Problem oder sich kräftig verbremst. Für alle anderen war sie die letzte Mutprobe vor Start und Ziel. Heute existiert sie nur noch auf Fotos, in Onboard-Videos und den Erinnerungen der Fans. Bei den Modernisierungen Anfang der 2000er-Jahre verschwand sie. Die moderne Schikane mag sicherer sein, doch ihr fehlt die eigensinnige Seele des alten Spa.

Nehmt das Auto und fahrt die alte Strecke ab!

Der Mythos von Spa lebt genau von solchen Geschichten. Wenn ihr das nächste Mal in Spa seid – egal ob zum Formel-1-Wochenende, zu den Spa Six Hours oder einfach auf einer Ausfahrt mit eurem eigenen Klassiker –, macht Folgendes: Setzt euch nach dem Event ins Auto und fahrt die alte Schleife ab. Denn große Teile der alten Strecke sind bis heute ganz normale Landstraßen.

Folgt der Umgehungsstraße in Richtung Malmedy, fahrt durch die Kehre bei Burnenville und über die Masta-Gerade. An der überhöhten Rechtskurve vor Stavelot geht es zurück zur heutigen Strecke. Der alte Kurs ist hier die Zufahrt für schwere Lkw, die ins neue Fahrerlager wollen. Wenn ihr dort mit 50 km/h durch die Dörfer rollt, stellt euch vor, wie hier einst die Boliden an den Fensterscheiben der Anwohner vorbeidonnerten.

Ich bin sicher, dass diese Vorstellung für eine Gänsehaut sorgt, die kein moderner Simulator der Welt verschaffen kann.


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