Mitte der 1950er-Jahre war NSU die größte Zweiradfabrik der Welt. Dank des Wirtschaftswunders wollten immer mehr Menschen mobil sein. Wo gestern noch ein Fahrrad reichte, träumten die Kunden zunehmend von einem motorisierten Gefährt. NSU bediente diese Wünsche mit dem Mofa Quick, dem Moped Quickly und dem Motorrad Max. Das Programm ergänzte der in Lizenz gefertigte Motorroller Lambretta. Dazu verkaufte NSU seine Motoren an kleinere Hersteller. Alles zusammen sorgte dafür, dass die Firma gutes Geld verdiente.
„Nicht mehr laufen, Quickly kaufen“
Zum Erfolg des Unternehmens trug auch die oft pfiffige Werbung bei. NSU heizte den Verkauf seiner Zweiräder mit Werbesprüchen wie „Nicht mehr laufen, Quickly kaufen“ an. Doch Firmenchef Gerd Stieler von Heydekampf erkannte, dass die Zukunft dem Automobil gehört. Ab 1958 gab es mit dem Prinz auch wieder ein Auto von NSU. Das sorgte in Heilbronn für Irritationen. Dort saß NSU-FIAT und montierte Fiat-Modelle für den deutschen Markt. Denn ursprünglich startete NSU bereits Anfang des 20. Jahrhunderts mit dem Autobau.

Denn ab 1905 entstanden bei NSU Lizenzbauten des belgischen Automobilherstellers „Usines Pipe“. Der Pipe gehörte in die obere Mittelklasse. Schon ein Jahr später gab es mit dem NSU 6/10 PS erstmals einen „Original Neckarsulmer Motorwagen“. In den 1920er-Jahren baute NSU erstmals auch reinrassige Rennwagen. Die Typen NSU 5/15 PS Kompressor und NSU 6/60 PS Kompressor gelten als Urahnen des NSU-Motorsports. Für Aufmerksamkeit sorgte der Klassensieg des 6/60 beim Großen Preis von Deutschland auf der Berliner AVUS. Georg Klöble fuhr den NSU auf Platz fünf im Gesamtklassement des für Sportwagen ausgeschriebenen Rennens.
Zeitweise gab es mit dem Namen NSU Autos von zwei Herstellern!
Um zu expandieren, entstand 1925 in Heilbronn – auf der anderen Seite des Neckars – ein reines Automobilwerk. In Neckarsulm baute NSU „nur“ noch Zweiräder. Doch der Bau von Autos erforderte Wissen und Kapital. Um beides zu beschaffen, entstand 1928 die eigenständige NSU-Automobil AG mit Sitz in Heilbronn. Denn die Weltwirtschaftskrise setzte NSU erheblich zu. Geld war knapp. So fand NSU für die NSU-Automobil AG einen Partner, der Geld und Lizenzen bereitstellte. NSU brachte „nur“ das neu gebaute Werk und den Vertrieb ein.

Auf Druck der Dresdner Bank gab NSU 1932 seine verbleibenden Anteile an der NSU-Automobil AG an Fiat ab. Fortan verkaufte die NSU-Automobil AG Autos wie den Fiat 508 Balilla in Deutschland als NSU-Fiat. Daran änderte auch der Zweite Weltkrieg nichts. Als NSU-Fiat 500 C entstand ab 1951 der Fiat 500 Topolino C in Heilbronn. Ab 1956 lief in Heilbronn auch der Fiat 600 als NSU-Fiat vom Band. Als NSU 1958 ein neues Auto vorstellte, führte dies zur absurden Situation, dass es Autos von NSU bei zwei unterschiedlichen Herstellern gab.
NSU war der Liebling vieler Sportfahrer
Den folgenden Rechtsstreit legten Fiat und NSU 1959 gütlich bei. Die Italiener verkauften ihre deutschen Lizenzprodukte von 1960 bis 1967 unter dem Markennamen Neckar, um sie anschließend als Fiat anzubieten. Auf der anderen Seite des Flusses bekam die Modellpalette schon nach nur einem Jahr Zuwachs. NSU stellte seinem Prinz den von Bertone gestalteten Sport-Prinz zur Seite. Diesen setzten Sportfahrer sowohl bei den damals beliebten Fernfahrten als auch bei Rundstreckenrennen ein.

Bereits 1963 nahmen am ersten Lauf zum Tourenwagen-Europapokal auf der Nordschleife des Nürburgrings gleich vier NSU Sport Prinz teil. Bemerkenswert war dabei die Nennung des MSC Langenfeld. Der Verein schickte seinen Sport Prinz mit Hans Menzel und Hans E. Böhm ins Rennen. Denn der MSC Langenfeld sollte in den nächsten Jahren noch eine gewichtige Rolle bei den Einsätzen der Rennwagen von NSU spielen.
Der Prinz 1000 beflügelte NSU
Richtig Fahrt nahm der Motorsport mit dem auf der IAA 1961 präsentierten NSU Prinz 1000 auf. Denn der Vierzylindermotor des 1000ers bot mit seiner obenliegenden Nockenwelle und dem Querstromzylinderkopf viel Potenzial zur Steigerung der Leistung. Serienmäßig leisteten die Motoren maximal 43 PS. Die Höchstgeschwindigkeit lag bei 116 Kilometern pro Stunde. Die Rennwagen beschleunigten eine optimierte Nockenwelle, ein Weber-Vergaser und ein Rennauspuff auf bis zu 150 Kilometer pro Stunde.

Mit seinem Gewicht von 650 Kilogramm inklusive Fahrer und Betriebsstoffen war der Prinz 1000 sofort im Motorsport erfolgreich. Wobei das gute Fahrwerk des Prinz eine wichtige Rolle spielte. Denn an der Vorderachse vertraute NSU auf eine Einzelradaufhängung mit Doppelquerlenkern. Hinten gab es eine Schräglenkerachse mit gummigelagerten Gelenken an den Rädern. 1965 leitete NSU vom 1000er den sportlichen NSU TT mit zunächst 1,1 Litern Hubraum ab. Nun gab es im Motorsport endgültig kein Halten mehr.
Siegfried Spiess dominierte im NSU TT am Berg!
Als bester NSU-Pilot dieser Zeit gilt Siegfried Spiess. Der Sohn eines NSU-Händlers aus Stuttgart bereitete seine Motoren selbst vor. 1965 gewann Spiess überlegen den Titel „Deutscher GT-Bergmeister aller Klassen“. Von elf Läufen der Bergmeisterschaft beendete Spiess acht als Sieger. Dazu kamen drei zweite Plätze. Nebenbei fuhr Spiess im gleichen Jahr bei der Tour d’Europe zum Klassensieg und zum Gesamtsieg bei der Rallye Korsika.

Insgesamt holte der Stuttgarter am Berg vier Meistertitel und wechselte dann auf die Rundstrecke. 1971 beendete Spiess seine Fahrerkarriere, sorgte mit seinem Know-how aber weiterhin für Sporterfolge der Marke NSU. Später baute die Siegfried Spiess Motorenbau GmbH in Ditzingen für VW Formel-3-Motoren sowie STW- und DTM-Motoren für Opel. Im Rückblick fällt auf, dass einige, die sich einst mit NSU-Rennwagen beschäftigten, später noch wichtige Rollen im Motorsport spielen sollten.
Der NSU TT war die Schule der Edel-Techniker!
Neben Siegfried Spiess trat dabei besonders Thomas Ammerschläger hervor. Der Diplom-Ingenieur war von 1965 bis 1971 für NSU tätig. Schon während seiner Studienzeit trat Ammerschläger mit selbst vorbereiteten NSU regelmäßig bei Renn- und Rallyeveranstaltungen an. 1972 wechselte der Bayer zu Ford nach Köln und leitete dort die Abteilung „Fahrzeugentwicklung Motorsport“. In dieser Rolle war Ammerschläger geistiger Vater des großen Turbo Capri mit Ground-Effekt. Der Super-Capri von Zakspeed umrundete Ende der 1970er-Jahre dank Abtrieb und Turbo-Power einige Strecken auf Formel-1-Niveau.

Auch Günther Irmscher war mit dem NSU TT unterwegs und gewann 1967 mit einem NSU TT die Tour d’Europe. In den USA sicherte sich Bill Allen im gleichen Jahr mit dem NSU TT eine regionale Tourenwagen-Meisterschaft. Das rote Auto mit dem markanten Schriftzug „William Allen Racing“ auf den Kotflügeln war bis 2021 im historischen Motorsport aktiv. Dann wurde es bei einem Unfall in Laguna Seca schwer beschädigt. Doch diese Episode zeigt, wie langlebig die NSU-TT-Szene ist. Auch in Deutschland gibt es mit der NSU-TT-Trophy noch eine Rennserie für NSU-Treter.
„Ich trinke Jägermeister, weil ich Bergmeister heiße und es jetzt auch geworden bin“
Doch vollständig wird die Geschichte des NSU TT erst mit Willi Bergmeister und seinem Jägermeister-TT. Denn der Likörhersteller unterstützte in den 1970er-Jahren den NSU- und Audi-Händler aus dem rheinischen Langenfeld als Sponsor. Zum Gewinn des Bergtitels widmete der Sponsor dem Rennfahrer eine Anzeige seiner legendären Werbekampagne „Ich trinke Jägermeister, weil …“.

Willi Bergmeister begann 1968 mit dem Motorsport. 1974 gewann der Langenfelder im NSU TT den Deutschen Bergpokal. Schon zu dieser Zeit bestritt Bergmeister regelmäßig auch Rundstreckenrennen. Für Aufmerksamkeit sorgte sein vierter Platz beim Großen Preis der Tourenwagen auf der Nordschleife. Vor dem NSU TT, den sich Bergmeister mit Wolfgang Wolf teilte, kamen nur die großen BMW 3.0 CSL ins Ziel. Mehrere BMW 2002 sahen die Zielflagge später als der von Siegfried Spiess eingesetzte NSU TT.
Bergmeister war für Michael Schumacher der Chef!
Bei anderen Rennen trat Bergmeister unter der Bewerbung des MSC Langenfeld an. Bergmeister, der 2013 verstarb, setzte seine Karriere ab 1976 zunächst im VW Scirocco und schließlich im Audi 80 GLE fort. Denn die Produktion des NSU TT lief, nachdem NSU 1969 in Audi aufgegangen war, Mitte der 1970er-Jahre aus. Da war ein Fahrzeugwechsel eine logische Konsequenz. 1980 gehörte Willi Bergmeister zur Mannschaft, die Audi zum Markentitel in der Tourenwagen-Europameisterschaft verhalf.

Trotzdem war Motorsport für den Unternehmer nur ein Hobby. Unter der Woche kümmerte sich Bergmeister um sein Autohaus. Dort absolvierte später Michael Schumacher seine Lehre als Kfz-Mechaniker. Weshalb Schumacher seinen ehemaligen Lehrmeister später, als der Kerpener längst Formel-1-Weltmeister war, stets als „Chef“ ansprach.
AutoNatives.de als bevorzugte Quelle markieren — dann erscheinen unsere Artikel häufiger in Ihren Google-Suchen.
Bei Google bevorzugen
Auto-Erinnerungen
25 Jahre Audi A2: Vom Ladenhüter zum Meilenstein und gesuchten Youngtimer
Technik
Vergessene Antriebe: Als Hybrid noch kein Buzzword war
Rennsport-Geschichten
Fred Stalder und R.O.C. – Leidenschaft und Präzision für den Motorsport
Historischer Motorsport
Der vergessene VW Vento: Wie Audi Sport Italia mit Frontantrieb fremdging!
Medientipps
„Race for Glory: Audi vs. Lancia“ – Wenig Ruhm und viel Selbstinszenierung