Denn lange bevor Mercedes-Benz mit seinen verkleideten Silberpfeilen die Formel 1 dominierte, experimentierte Maserati mit einem aerodynamischen Grand Prix-Wagen, der eher wie ein Rekordwagen wirkte als wie ein klassischer Monoposto. Beim Großen Preis von Tripolis 1939 trat die italienische Marke mit einer speziell für den schnellen Mellaha-Kurs entwickelten Variante des Maserati 4CL an.
Der Maserati 4CL „Streamliner“ hatte:
- vollständig verkleidete Räder,
- stark eingezogene Seiten,
- eine kleine Cockpitöffnung,
- eine tropfenförmige Front und
- eine lange Heckpartie.
Tripolis war ein Hochgeschwindigkeitskurs
Für das Rennen in der damaligen italienischen Kolonie war der verkleidete Maserati 4CL zumindest auf dem Papier durchaus eine gute Idee. Denn der Tripoli Grand Prix fand auf dem Mellaha Lake Circuit in der Nähe der libyschen Hauptstadt Tripolis statt. Die Strecke war nahezu flach und verfügte über lange Vollgaspassagen. Sie verlief nahezu schnurgerade durch die libysche Küstenlandschaft. Auf dem ultraschnellen Kurs zählten vor allem Höchstgeschwindigkeit und Durchzug.
Der Kurs galt als einer der schnellsten der Vorkriegszeit. Das war perfekt für Aerodynamik-Experimente. Und Maserati sah in der Verkleidung des 4CL eine Chance, einen Vorteil auf den langen Vollgaspassagen zu erzielen. Technisch blieb der „Streamliner“ weitgehend ein normaler 4CL:
- Reihenvierzylinder
- 1,5 Liter
- Kompressor
- etwa 220–230 PS
- Leiterrahmen
Das Problem: Der Wagen war schnell – aber schwierig
Wieder einmal bewahrheitete sich die alte Rennsport-Wahrheit: Die Theorie ist besser als die Praxis. Denn zeitgenössische Berichte schildern:
- Instabilität bei hohen Geschwindigkeiten
- Seitenwindempfindlichkeit
- schlechte Kühlung
- schwieriges Handling
Die Stromlinienkarosserie erzeugte offenbar Auftrieb und machte den Wagen nervös. Zudem war die Sicht des Piloten eingeschränkt. Für eine Runde war das zu verkraften, doch über die Distanz von 40 Runden (rund 524 Kilometer) sah das schon anders aus.
Aus Angst vor der Dominanz der deutschen Konkurrenz schrieben die italienischen Veranstalter das Rennen in der Nähe von Tripolis für die Voiturette-Klasse (1,5 Liter Hubraum) aus. In den Jahren zuvor traten in Nordafrika die Boliden der „Internationalen Grand-Prix-Klasse“ an. Umso größer war die Überraschung, dass Mercedes-Benz 1939 mit zwei passenden Boliden antrat. Mercedes-Benz nahm an, dass die 1,5-Liter-Formel künftig an Bedeutung gewinnen würde und entwickelte deshalb vorsorglich den W165.
Sensation im Training – Desaster im Rennen
Im Cockpit des Maserati „Streamliner“ saß Luigi Villoresi. Und tatsächlich gelang Villoresi die Sensation: Der Maserati-Werksfahrer stellte den „Streamliner“ auf die Pole Position. Damit unterstrich Villoresi die Leistungsfähigkeit des von Ernesto Maserati konstruierten und zusammen mit den Ingenieuren von Stabilimenti Farina entwickelten „Streamliners“. Mit der schnellsten Trainingsrunde schlug Villoresi nicht nur die brandneuen Mercedes-Benz W165, sondern auch die Alfa Romeo 158 „Alfetta“.

Trotz des vielversprechenden Trainings verlief das Rennen für den „Streamliner“ jedoch katastrophal. Villoresi blieb beim Start fast stehen, die Konkurrenz zog davon. Es ist nicht eindeutig überliefert, ob der Grund für den schlechten Start im Getriebe oder im Antriebsstrang lag. Als Villoresi Fahrt aufnahm, zeigte sich auf der Strecke bald, dass das enge Cockpit und die Verkleidung bei den extremen Temperaturen in der libyschen Wüste (über 40 °C im Schatten) eine Qual für den Fahrer waren.
Hitzestau für Fahrer, Motor und Getriebe
Luigi Villoresi musste vorzeitig die Boxen aufsuchen. Den Mechanikern gelang es, das Auto notdürftig zu reparieren. Fahrer und Fahrzeug nahmen das Rennen wieder auf. Doch es war ein kurzes Comeback. Denn nach nur acht Runden musste Villoresi das Rennen wegen eines Motorschadens endgültig aufgeben. Der Auftritt in Tripolis blieb damit das einzige Rennen des Maserati „Streamliners“. Nach dem Tripoli GP wurde aus dem ungewöhnlichen Rennwagen wieder ein konventionelles 4CL Monoposto.
Die Techniker sahen keine Chance, mit der Karosserie eine ausreichende Kühlung des Motors zu gewährleisten. Zudem war klar, dass die Verkleidung auf den kommenden europäischen Strecken ohnehin nicht notwendig sein würde. So blieb der „Streamliner“ von Maserati ein faszinierender Irrweg der Grand-Prix-Geschichte: Spektakulär, mutig und zum Scheitern verurteilt.
Ergebnis des Tripoli Grand Prix am 7. Mai 1939
| Platz | Nr. | Fahrer | Fahrzeug | Runden | Zeit / Rückstand |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | 16 | Hermann Lang | Mercedes-Benz W 165 | 30 | 1:59:12.3 |
| 2 | 24 | Rudolf Caracciola | Mercedes-Benz W 165 | 30 | + 3:37.8 |
| 3 | 32 | Emilio Villoresi | Alfa Romeo 158 | 30 | + 9:46.0 |
| 4 | 22 | Piero Taruffi | Maserati 4CL | 30 | + 11:15.5 |
| 5 | 10 | Giuseppe Farina | Alfa Romeo 158 | 30 | + 12:06.1 |
| 6 | 14 | Clemente Biondetti | Alfa Romeo 158 | 30 | + 14:04.2 |
| 7 | 26 | Francesco Severi | Alfa Romeo 158 | 30 | + 15:33.7 |
| 8 | 44 | Carlo Felice Trossi | Maserati 4CL | 30 | + 18:27.7 |
| 9 | 28 | Paul Pietsch | Maserati 4CL | 29 | + 1 Runde |
| 10 | 30 | Luigi Goldoni | Maserati 6CM | 28 | + 2 Runden |
| 11 | 36 | Edoardo Teagno | Maserati 6CM | 27 | + 3 Runden |
| 12 | 42 | Angelo Peluso | Maserati 6CM | 27 | + 3 Runden |
Ausfälle
- Luigi Villoresi (#38): Der Pole-Setter im Maserati 4CL Streamliner schied bereits nach 8 Runden mit Motorschaden aus (nachdem er am Start fast stehen blieb).
- Raymond Sommer (#18) schied in Runde 19 auf Alfa Romeo aus.
- Giovanni Rocco (#48) fuhr die schnellste Rennrunde (3:41.2 min), bevor sein Maserati 4CL in der 18. Runde den Geist aufgab.
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