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Der Motor der Zukunft wird 65: Mazda und die ewige Liebe zum Wankel

Mit 65 Jahren ist normalerweise Zeit für die Rente. Doch Mazdas Wankelmotor denkt gar nicht daran. Während fast alle anderen Hersteller die einstige Zukunftstechnik längst aufgaben, hält Mazda bis heute an ihr fest. Warum eigentlich? Eine Geschichte über große Hoffnungen, technische Probleme, den RX-7 und einen Triumph in Le Mans.

Tom Schwede
Von Tom Schwede
25. Oktober 2026
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Mazda Cosmo Sport 110 S, 1968
Der Mazda Cosmo Sport 110 S von 1968 war der erste Serienwagen mit einem Zweischeibenmotor von Mazda. (Foto: Mazda)

Meine Begegnung mit dem Wankel war kurz. Einen Nachmittag währte sie. Schon 2018 Jahren lud mich Mazda ein. In Augsburg durfte ich einen Mazda RX-7 von 1992 aus dem Bestand des Mazda Classic – Automobil Museum Frey fahren. Für einen Auto-Nerd ist so etwas natürlich ein Fest. Denn beim RX-7 fehlen die Kolben, die sich in Zylindern auf und ab bewegen. Es gibt keine Pleuel, die diese Bewegung auf eine Kurbelwelle übertragen. Stattdessen dreht sich im Mazda ein Kreiskolben. Ein Wankelmotor.

Heute ist diese Konstruktion untrennbar mit Mazda verbunden. Doch das war keineswegs immer so. In den 1960er-Jahren galt der Wankelmotor zeitweise als Motor der Zukunft. Rund 30 Unternehmen erwarben Lizenzen für die von Felix Wankel erdachte neue Technik. NSU war von Anfang an dabei. Daimler-Benz experimentierte mit ihr, Citroën tat es, General Motors ebenso. Nissan, Toyota, Alfa Romeo, Porsche und sogar die DDR-Automobilindustrie beschäftigten sich mit dem Prinzip. Doch am Ende blieb von den großen Autoherstellern praktisch nur Mazda übrig. Warum eigentlich?

Ein Motor ohne das ewige Auf und Ab

Die Idee hinter dem Wankelmotor war bestechend. Statt Kolben ständig zu beschleunigen, abzubremsen und wieder in die andere Richtung zu schicken, sollte sich im Motor alles drehen. Das versprach einen kompakten und leichten Antrieb mit wenigen bewegten Teilen, hoher Laufruhe und der Fähigkeit, hohe Drehzahlen zu erreichen. Felix Wankel hatte sich schon lange mit Drehkolbenmaschinen beschäftigt. Gemeinsam mit NSU wurde aus der Idee schließlich ein funktionsfähiges Motorenkonzept.

Mazda Rotary Pick-up - Baujahr 1974

Bis in die 1970er-Jahre sah Mazda im Wankel einen Universalmotor, den der japanische Autobauer in zahlreichen Modellen, wie diesem Pickup einsetzte. (Foto: Mazda)

Und plötzlich interessierte sich die internationale Autoindustrie dafür. Auch Mazda. Im Juli 1961 schloss die damals noch Toyo Kogyo genannte Firma ein Lizenzabkommen mit NSU und der Wankel GmbH. Im November lief bereits ein erster eigener Versuchsmotor. Was auf dem Papier so elegant aussah, erwies sich in der Praxis allerdings als ziemlich widerspenstig. Vor allem die Abdichtung zwischen Rotor und Gehäuse machte Schwierigkeiten. Die Dichtleisten an den Spitzen des Rotors verursachten Rattermarken an den Laufflächen.

Mazda sprach von den „Devil's Nail Marks“, den Kratzspuren des Teufels. Dazu kamen Ölverbrauch, Verschleiß und zunächst eine wenig überzeugende Drehmomententfaltung. Der Motor der Zukunft hatte offenbar noch erhebliche Probleme mit der Gegenwart. Ferdinand Piëch, der 1972 zur Audi NSU Auto Union AG als Hauptabteilungsleiter für Sonderaufgaben in der technischen Entwicklung kam, wird das – letztlich vernichtende – Urteil „Einen rechten Winkel könne man nicht abdichten“ zugeschrieben.

Mazda brauchte den Wankel

Dass Mazda ein gutes Jahrzehnt zuvor trotzdem weitermachte, hatte einen wichtigen Grund. Für den vergleichsweise kleinen japanischen Hersteller war der Wankelmotor nicht bloß ein interessantes Forschungsprojekt. Er war eine strategische Wette auf die eigene Zukunft. Denn Anfang der 1960er-Jahre wollte die japanische Regierung ihre Autoindustrie neu ordnen. Kleinere Hersteller standen unter erheblichem Druck. Mazda brauchte etwas, das die Firma technisch von Toyota, Nissan und anderen Konkurrenten unterschied.

Mazda Parkway Rotary RE26 - Baujahr 1974

Auch in seinem Bus Parkway bot Mazda Mitte der 1970er-Jahre einen Wankelmotor an. (Foto: Mazda)

Der Wankelmotor bot genau diese Chance. Mit einer eigenen Schlüsseltechnologie wollte Mazda seine Existenzberechtigung beweisen und damit letztlich auch seine Unabhängigkeit sichern. 1963 gründete Mazda deshalb eine eigene Abteilung für die Entwicklung des Kreiskolbenmotors. Unter deren Leiter Kenichi Yamamoto arbeiteten 47 Ingenieure daran, aus dem faszinierenden Prinzip einen alltagstauglichen Automotor zu machen. Später nannte man diese Entwickler gern die „47 Samurai“.

Der Cosmo zeigte, dass es funktioniert

Sie experimentierten mit neuen Dichtleisten, Materialien und Beschichtungen. Vor allem der Wechsel zum Zweischeibenmotor half, einige prinzipielle Nachteile der frühen Motoren mit nur einem Rotor zu entschärfen. Mit dem Cosmo Sport 110 S stellte Mazda 1967 einen ersten Serienwagen mit Zweischeiben-Kreiskolbenmotor vor. Der futuristische Sportwagen war mehr als nur ein neues Modell. Er war der Beweis dessen, was zuvor viele Fachleute bezweifelten: Der Wankelmotor lässt sich in einem alltagstauglichen Serienauto einsetzen.

Und Mazda beließ es nicht bei einem Prestigeprojekt. Es folgten Limousinen, Coupés, Pick-ups und sogar ein Bus mit Kreiskolbenmotor. Der Wankel wurde zu einem wesentlichen Bestandteil der Marke. Bisher baute Mazda mehr als zwei Millionen Fahrzeuge mit Kreiskolbenmotor, bot den Motor in 14 Baureihen an. Das ist ein wichtiger Unterschied zu fast allen anderen Herstellern, die sich ebenfalls mit dem Wankel beschäftigten. Denn die beließen es überwiegend bei Versuchsträgern und realisierten nur wenige Serienmodelle.

Fast alle wollten einmal Wankel

Die Liste der Autobauer, die sich mit dem Wankel beschäftigten, ist lang.

Es mangelte also keineswegs an Interesse. Es mangelte daran, die Nachteile des Motors dauerhaft gegen die immer besser werdenden Hubkolbenmotoren auszuspielen. Und ausgerechnet als der Wankelmotor langsam erwachsen wurde, änderten sich seine Rahmenbedingungen.

Dann kam die Ölkrise

Die Ölkrise von 1973 machte den Verbrauch zum Verkaufsargument. Und genau dort hatte der Wankelmotor einen prinzipiellen Nachteil. Seine Brennräume besitzen im Verhältnis zum Volumen eine große Oberfläche. Das erschwert eine effiziente Verbrennung. Hinzu kommen die Abdichtung der Brennräume und die notwendige Schmierung der Dichtleisten. Was in den 1960er-Jahren angesichts hoher Laufruhe, geringer Abmessungen und beachtlicher Leistung noch akzeptabel erschien, wurde in den 1970er-Jahren zunehmend zum Problem.

Citroën zog die Reißleine, verabschiedete sich vorzeitig vom Wankelmotor. Andere Hersteller hatten ihre Projekte bereits beendet oder ließen sie auslaufen. Auch Mazda hätte jetzt allen Grund gehabt, das Kapitel zu schließen. Doch Mazda tat das Gegenteil: Aus der Not wurde ein Markenzeichen. Das ist wahrscheinlich die beste Erklärung dafür, warum Mazda dem Wankel treu blieb. Andere Hersteller betrachteten ihn nur als eine mögliche Motorentechnik unter mehreren.

Mazda blieb dem Wankel treu

Sie kehrten zum Bewährten zurück, als sich zeigte, dass der Hubkolbenmotor sauberer, wirtschaftlicher und einfacher zu beherrschen war. Mazda hatte jedoch über Jahre enorme technische und finanzielle Ressourcen in den Kreiskolbenmotor gesteckt. Vor allem aber hatte der Wankel inzwischen genau jene Aufgabe erfüllt, für die Mazda ihn ursprünglich ausgewählt hatte: Er unterschied die Marke von allen anderen. Aufgeben hätte bedeutet, dieses Alleinstellungsmerkmal freiwillig aus der Hand zu geben.

Mazda RX-7 Savanna, 1978

Mit dem Mazda RX-7 kam 1978 die Kehrtwende: Mazda beschränkte sich auf den Einsatz des Wankelmotors in seinem Sportwagen. (Foto: Mazda)

Also versuchte der japanische Autobauer, seine Schwächen zu bekämpfen. Dabei wurde der Wankelmotor zunehmend aus gewöhnlichen Limousinen herausgenommen und im Sportwagen eingesetzt, wo seine Eigenschaften besser passten. 1978 erschien der Mazda RX-7. Und vielleicht fand der Wankelmotor erst mit diesem Auto wirklich seine Bestimmung. Der kompakte und leichte Motor ließ sich weit hinten im Vorderwagen platzieren. Hohe Drehfreude und Laufruhe verstärkten den Fahrspaß.

Aus einer vermeintlichen Universalmaschine der Zukunft wurde ein Spezialist. Und ein ziemlich erfolgreicher dazu. Drei Generationen des RX-7 entstanden bis 2002. Schon im November 1978 lief mit einem RX-7 der millionste Mazda mit Kreiskolbenmotor vom Band. Genau deshalb war meine Fahrt mit dem Museums-RX-7 mehr als nur eine Runde mit einem alten Sportwagen. Es war die Fahrt mit einem Stück Technikgeschichte, mit einer Idee, die einmal die gesamte Autoindustrie faszinierte und die fast überall wieder verschwand.

Ritterschlag in Le Mans

Wie ernst Mazda den Kreiskolbenmotor nahm, zeigte sich auch im Motorsport. Über Jahre entwickelte das Unternehmen immer leistungsfähigere Rennmotoren. 1991 gipfelte diese Entwicklung im Mazda 787B. Sein R26B bestand gewissermaßen aus vier hintereinander angeordneten Rotoreinheiten und leistete rund 700 PS. Am 23. Juni 1991 gewannen Volker Weidler, Johnny Herbert und Bertrand Gachot damit die 24 Stunden von Le Mans. Mazda wurde als erster japanischer Hersteller Gesamtsieger des Klassikers.

Es war der endgültige Ritterschlag für den Wankelmotor. Bis heute blieb es zugleich der einzige Gesamtsieg eines Autos mit Kreiskolbenmotor. Für eine Technik, die drei Jahrzehnte zuvor noch darum kämpfen musste, ihre Dichtleisten heil über ein paar Betriebsstunden zu bringen, war das eine bemerkenswerte Entwicklung. Trotzdem sollte man Mazdas Geschichte nicht nachträglich romantisieren. Der Wankel war nicht der bessere Motor, er hat handfeste Nachteile.

Trotz dieser Nachteile überlebte der Wankel in Hiroshima.

Sein Verbrauch war lange hoch. Die Gestaltung des Brennraums erschwert eine effiziente Verbrennung. Abgasverhalten, Ölverbrauch und Abdichtung stellten die Entwickler immer wieder vor Probleme. Der klassische Hubkolbenmotor erwies sich über die Jahrzehnte als leichter an neue Verbrauchs- und Abgasvorschriften anzupassen. Dass sich der Wankelmotor nicht allgemein durchsetzte, war deshalb kein historischer Irrtum.

24 Hours of Le Mans 1991

1991 gewann der Mazda 787B überraschend die 24 Stunden von Le Mans. (Foto: Mazda)

Und trotzdem verdient Mazdas Leistung Respekt. Denn die Ingenieure in Hiroshima nahmen eine faszinierende, aber unfertige Erfindung und entwickelten sie so weit, dass daraus Millionen von Serienfahrzeugen entstanden. Sie bauten damit Sportwagen, Limousinen, Nutzfahrzeuge und Rennwagen. Nach dem RX-7 folgte 2003 der RX-8 mit dem weiterentwickelten Wankelmotor.

Selbst das Produktionsende des RX-8 war nur eine Pause.

Mit dem Produktionsende des RX-8 im Jahr 2012 schien die Geschichte des Mazda-Wankels zunächst ebenfalls beendet. Doch selbst das war nur eine Pause. Seit 2023 dreht sich bei Mazda wieder ein Kreiskolbenmotor. Im MX-30 e-Skyactiv R-EV treibt er allerdings nicht direkt die Räder an, sondern arbeitet als Generator eines seriellen Plug-in-Hybridantriebs. Damit nutzt Mazda erneut eine klassische Stärke des Wankels: Er ist klein, leicht und läuft vibrationsarm.

Der einstige Motor der Zukunft ist damit heute kein Gegenentwurf mehr zum Hubkolbenmotor und schon gar kein Allheilmittel. Vielleicht ist das aber gerade die Pointe dieser Geschichte. Fast die gesamte Autoindustrie interessierte sich einmal für den Wankelmotor. Fast die gesamte Autoindustrie gab ihn wieder auf. Mazda dagegen verbrachte 65 Jahre damit, herauszufinden, was man mit ihm trotzdem anfangen kann. Und deshalb klingt ein alter RX-7 heute nicht nur anders.

Er erzählt auch eine Geschichte davon, wie viel Beharrlichkeit manchmal nötig ist, damit aus einer verrückten Idee ein Markenzeichen wird.

Alle Mazda-Modelle mit Wankelmotor

Mazda hat über die Jahrzehnte hinweg eine Vorreiterrolle bei der Entwicklung und dem Serieneinsatz von Wankelmotoren (Kreiskolbenmotoren) eingenommen und bis Oktober 2023 branchenweit über zwei Millionen Wankel-Fahrzeuge produziert.

1. Mazda Cosmo Sport (L10A / L10B) / Mazda 110S

2. Mazda Familia Rotary / R100

3. Mazda Luce Rotary Coupe / R130

4. Mazda Capella Rotary / RX-2

5. Mazda Savanna / RX-3

6. Mazda Luce / RX-4

7. Mazda Rotary Pickup (REPU)

8. Mazda Parkway Rotary 26

9. Mazda Roadpacer AP

10. Mazda Cosmo (RX-5)

11. Mazda RX-7 (Generationen 1 bis 3: SA/FB, FC, FD)

12. Eunos Cosmo (4. Generation Cosmo)

13. Mazda RX-8

14. Mazda MX-30 e-Skyactiv R-EV


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