Wer glaubt, in der Welt historischer Rennwagen schon alles gesehen zu haben, sollte sich den Chanabé CH2 ansehen. Denn dieser Sportprototyp aus Frankreich ist fast unbekannt. Dabei vereint er gleich mehrere Zutaten, die eigentlich nach deutlich mehr Aufmerksamkeit verlangen: Er ist eine Eigenkonstruktion aus den frühen 1970er-Jahren, nutzt Technik von Porsche und verfügt über eine Geschichte, die uns direkt in die große Zeit der großen Sportwagen führt.
Ein Rennwagen aus Toulouse
Ende der 1960er-Jahre beschloss Jean Chanabé, einen eigenen Rennwagen zu bauen. Der junge Franzose arbeitete im Unternehmen seines Vaters Charles Chanabé, der in Toulouse als Porsche- und De-Tomaso-Händler tätig war. Beide teilten die Leidenschaft für den Motorsport. Statt jedoch ein bestehendes Chassis zu kaufen, sollte eine komplette Eigenentwicklung entstehen. Aus diesem Vorhaben entstand zunächst der heute weitgehend vergessene Chanabé CH1.
Aber ab 1971 entstand als Weiterentwicklung dieses Fahrzeugs der Chanabé CH2. Wobei ein Freund, von dem nur der Nachname Gadras überliefert ist, am Bau mitwirkte. Insgesamt dauerte die Entwicklung mehr als zweieinhalb Jahre. Die ersten Testfahrten fanden im August 1973 auf dem Circuit d'Albi, circa 80 Kilometer von Toulouse entfernt, statt. Vater Chanabé war dort regelmäßig als Rennleiter tätig. Ältere kennen diesen Kurs noch aus dem Computerspiel „Pitstop“ auf dem Commodore 64.
Inspiration durch Porsche und Ferrari
Beim Bau des Chanabé dienten die erfolgreichen Sportprototypen jener Zeit als Vorbilder. Besonders der Porsche 917/10 aus der CanAm-Serie sowie der Ferrari 312 PB und der Porsche 908/3 aus der Sportwagen-Weltmeisterschaft beeinflussten die Formgebung des Fahrzeugs. Sein Chassis bestand aus einem geschweißten Rohrrahmen, der durch vernietete Aluminiumbleche zusätzlich versteift wurde. Auch das war damals der übliche Stand der Technik.

Über dem Chassis lag eine flache, kantige Karosserie mit aerodynamisch gestalteter Frontpartie und einem sauber ausgeformten Heck. Zwei seitliche Spoilerlippen sollten zusätzlichen Abtrieb erzeugen. Die Höhe der Karosserie wird mit gerade einmal 81 Zentimetern angegeben. An der Oberkante des Überrollbügels sind es 98 Zentimeter. Der Radstand betrug 2.240 Millimeter. Bei einer Breite von 1,90 Metern entstand so ein ausgesprochen kompakter und gedrungener Rennwagen.
Porsche-Technik unter französischer Hülle
Ursprünglich dachte Jean Chanabé über den Einsatz eines Renault-Motors nach. Doch letztlich lag jedoch eine andere Lösung näher. Wozu war der Vater Porsche-Händler? So zog reichlich Technik aus Stuttgart in dem Boliden ein. Denn zum Einsatz kamen nicht nur Motor und Getriebe von Porsche. Denn auch Radnaben und Bremsen stammten aus dem Porsche-Regal. Das selbstbestückte Fünfgang-Getriebe nutzte das Magnesium-Getriebe des Porsche 914 und arbeitete mit einem ZF-Sperrdifferenzial zusammen.
Bei den Motoren gab es im Laufe der Jahre unterschiedliche Ausbaustufen. Ursprünglich wurde ein 1.991 cm³ großer Boxermotor mit rund 190 PS verwendet. Heute verfügt der Wagen über einen 2,5-Liter-Kurzhubmotor mit Magnesiumgehäuse, Doppelzündung und einer Leistung von rund 260 PS bei 7.500 Umdrehungen pro Minute. Das Chassis war allerdings deutlich belastbarer ausgelegt. Nach Angaben seiner Erbauer hätte es Leistungen von bis zu 300 beziehungsweise sogar 350 PS verkraften können.
Porsche gab dem Chanabé seinen Segen
Mit einem Gewicht von lediglich rund 580 Kilogramm gehört der Chanabé CH2 zu den echten Leichtgewichten seiner Zeit. Vier Scheibenbremsen, vorne innenbelüftet, sorgten für die Verzögerung. Die Radaufhängungen waren vollständig unabhängig ausgeführt und mit speziell angefertigten Stoßdämpfern von De Carbon kombiniert. Je nach gewählter Übersetzung erreichte der Wagen Geschwindigkeiten von bis zu 260 km/h und bewegte sich damit auf Augenhöhe mit vielen zeitgenössischen Sportwagen.

Das blieb auch Porsche nicht verborgen. Und nach einer Begutachtung gab das Werk den Segen, dass Chanabé offiziell den Namen Porsche für seinen Rennwagen verwenden durfte. Dieses Privileg war ausgesprochen selten. Nur wenige unabhängige Konstrukteure erhielten eine entsprechende Genehmigung. Neben Chanabé gehörten auch die Münchner Rennwagenschmiede Behnke und KMW aus Rosenheim zu diesem exklusiven Kreis.
Über Einsätze gibt es praktisch nicht!
Bei der Konstruktion berücksichtigte Jean Chanabé von Anfang an die damals gültigen FISA-Spezifikationen. 1973 schrieb der französische Motorsportjournalist Jean-Luc Taillade über den Prototypen. Sein Urteil fiel positiv aus. Taillade beschrieb den Chanabé als ernsthafte Konstruktion, bei der „nichts dem Zufall überlassen“ worden sei und bei der Sicherheit, Zuverlässigkeit sowie Gewichtsersparnis gleichermaßen berücksichtigt wurden.
Der erste Motor kann auf das Ziel, in der 2-Liter-Klasse anzutreten, hindeuten. Doch genau an dieser Stelle wird es dünn. Denn über die sportliche Karriere des Chanabé CH2 ist erstaunlich wenig bekannt. Zwar berichten spätere Quellen von Einsätzen bei französischen Rundstrecken- und Bergrennen, belastbare Rennergebnisse oder umfangreiche Dokumentationen sind jedoch kaum zu finden. Inzwischen ist der französische Rennwagen jedoch regelmäßig im historischen Motorsport im Einsatz.
Ein Exot mit Charakter
Der ursprünglich grüne Chanabé CH2 ist einer jener Rennwagen, die auch ohne viele Einsätze eine faszinierende Geschichte erzählen. Denn Er entstand nicht in der Entwicklungsabteilung eines Großherstellers, sondern in einer Werkstatt in Toulouse. Gebaut von Enthusiasten, die sich von den großen Sportprototypen ihrer Zeit inspirieren ließen und daraus ihren eigenen Rennwagen schufen. Gerade deshalb macht der CH2 deutlich, wie vielfältig und kreativ die Welt des Motorsports in den 1970er-Jahren war.
Und vielleicht ist genau das sein größter Reiz: Dass selbst heute noch Rennwagen existieren, von denen selbst eingefleischte Motorsportfans praktisch noch nie gehört haben.
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