Die Rote Sau fuhr auch am Nürburgring!

Die „Rote Sau“ hob AMG ins Rampenlicht. Denn der rote Mercedes-Benz 300 SEL 6.8 der Baureihe W 109 fuhr 1971 bei den 24 Stunden von Spa-Francorchamps überraschend auf den zweiten Platz. Das beflügelte den Absatz der damals noch in Großaspach beheimaten Firma AMG.

Tom Schwede
Von Tom Schwede
16. November 2024 5 Minuten Lesezeit
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Die Rote Sau fuhr auch am Nürburgring!
1972 trat AMG mit dem Mercedes-Benz 300 SEL 6.3 auch beim 24 Stunden-Rennen auf den Nürburgring an. Unser Bild zeigt die „Rote Sau“ im Fahrerlager am Nürburgring. – Foto: Archiv AutoNatives.de

AMG etablierte sich in den 1970er-Jahren als Tuner, der sich um Autos von Mercedes-Benz kümmerte. Eine wichtige Rolle dabei spielte die „Rote Sau“. Der von AMG getunte Mercedes-Benz 300 SEL 6.3 fuhr bei den 24 Stunden von Le Mans auf den zweiten Platz. Das wirkte auf diejenigen, die zeitgleich aufwuchsen, teilweise befremdlich. Denn ein Mercedes galt Mitte der 1970er-Jahre nicht als sportlich. Dabei gehörte der Motorsport eigentlich zur DNA der Daimler-Benz AG und ihrer Vorgänger. Doch nach der Katastrophe von Le Mans verzichtete das Unternehmen auf ein Engagement im Spitzensport. Wobei die Versuchsabteilung weiterhin mit seriennahen Fahrzeugen Fernfahrten (heute sagen wir Rallyes dazu) und Tourenwagenrennen bestritt.

Daimler-Benz baute eine Limousine, die niemand aus Stuttgart erwartete!

Es war Fahrversuchsleiter Erich Waxenberger, der die Idee hatte, den V8 aus dem Mercedes-Benz 600 in die Baureihe W 109 zu verpflanzen. 1967 stellte Daimler-Benz die Oberklasse-Limousine mit dem M 100 getauften Motor der Öffentlichkeit vor. Ab März 1968 lieferte der Autobauer den 250 PS starken Mercedes-Benz 300 SEL 6.3 an Kunden aus. Zu ihnen zählten Prominente wie Peter Alexander, Hildegard Knef oder Udo Jürgens sowie andere Profiteure des Wirtschaftswunders. Die Versuchsabteilung baute zwei 6.3 für den Einsatz auf der Rennstrecke auf. Doch bei Tests zeigte sich, dass die 1,8 Tonnen schwere Limousine Reifen und Bremsen regelrecht „fraß“.

Testfahrten des Werks mit dem Mercedes-Benz 300 SEL 6.3 am Hockenheimring

Der Mercedes-Benz 300 SEL 6.3 (Baureihe W 109, 1968 bis 1972) bei Testfahrten am Hockenheimring. Vorne rechts stehen Hans Herrmann und Dieter Glemser. Doch ein geplanter Einsatz von zwei Werkswagen bei den 24 Stunden von Spa-Francorchamps im Sommer 1969 wird wegen Reifenproblemen im Training nicht verwirklicht. (Mercedes-Benz Classic Archive)

Daimler-Benz gab 1969 eine Nennung für die 24 Stunden von Spa-Francorchamps ab. Das Training verlief mit den Startplätzen zwei (Hans Herrmann und Jacky Ickx) und vier (Rauno Aaltonen und Dieter Glemser) gut. Trotzdem zog der Autobauer die Rennwagen vor dem Start zurück. Die Angst, dass Reifen und Bremsen der Belastung nicht gewachsen seien, war zu groß. Zwei Jahre später hatte Tuner AMG weniger Bedenken. AMG trat mit seinem Mercedes-Benz 300 SEL 6.8 in Spa-Francorchamps an. Die damals noch 14 Kilometer lange Strecke passte mit ihrem hohen Vollgasanteil gut zur schnellen Oberklasse-Limousine.

Bei AMG brachte man den M 100 auf 6,8 Liter Hubraum!

Die AMG-Gründer Hans Werner Aufrecht und Erhard Melcher nutzten bei ihrem Rennwagen die Möglichkeiten des damaligen Gruppe-2-Reglements konsequent aus. Die AMG-Version des M 100 verfügte über satte 6.834 Kubikzentimeter Hubraum. Statt den Motor wie bei den Serienmodellen mit einer Automatik zu koppeln, verbaute AMG ein ZF-Fünfgang-Schaltgetriebe und eine Rennkupplung. Die Karosserie des Rennwagens stammte von einem Unfallwagen. Das war deutlich günstiger, als einen mehr als 40.000 DM teuren Neuwagen zum Rennwagen umzubauen.

Die „Rote Sau", der Mercedes-Benz 300 SEL 6.8 AMG bei den 24 Stunden von Spa-Francorchamps 1971

Der Mercedes-Benz 300 SEL 6.8 AMG von Hans Heyer und Clemens Schickentanz bei den 24 Stunden von Spa-Francorchamps. Anders als noch zwei Jahre zuvor das Werk traute sich AMG 1971 den Start zu. Lohn der Mühe war ein zweiter Platz. (Foto: Mercedes-Benz Classic Archive)

Trotz des hohen Preises setzte Daimler-Benz bis 1972 übrigens 6.526 Exemplare des Mercedes-Benz 300 SEL 6.3 ab. AMG lackierte den Rennwagen knallig rot, was für den Spitznamen „Rote Sau“ sorgte. Hans Heyer und Clemens Schickentanz trieben das mehr als 400 PS starke Auto bei den 24 Stunden von Spa-Francorchamps 1971 auf Platz zwei. Von diesem Auto gibt es heute ein Modellauto von Schuco. Das Ergebnis von Spa war eine gute Werbung für AMG. Der Tuner bot nun seinen Kunden übrigens inzwischen zwei Versionen des SEL mit 290 beziehungsweise 325 PS Leistung an.

Die Rote Sau fuhr nicht nur in Spa-Francorchamps!

Noch im selben Jahr saßen Heyer und Schickentanz auch beim 12-Stunden-Rennen in Paul Ricard im Mercedes. Mit einem zehnten Platz fiel das Ergebnis nicht ganz so stark aus wie zuvor in Spa-Francorchamps. Zudem bestritt Hans Heyer mit dem 300 SEL noch ein Tourenwagenrennen in Hockenheim für AMG. Im folgenden Jahr trat AMG auch bei einem 4-Stunden-Rennen in Le Mans an. Für das 24-Stunden-Rennen im Herzen Frankreichs gab AMG ebenfalls eine Nennung ab. Doch einen Mercedes sollte es in Le Mans bei den 24 Stunden noch nicht wieder geben. AMG verzichtete, wohl auch auf Wunsch des Werks, auf den Start.

Reifen für die „Rote Sau“, den Mercedes-Benz 300 SEL 6.8 am Nürburgring.

Reifen des Mercedes-Benz 300 SEL 6.8 am Nürburgring. (Foto: Archiv AutoNatives.de)

Beim 1.000-Kilometer-Rennen am Nürburgring verpasste der Mercedes-Benz 300 SEL 6.8 von AMG 1972 die Qualifikation. Im Feld der Sportwagen und GT hing die Messlatte für den Mercedes wohl doch zu hoch. Das 24-Stunden-Rennen an gleicher Stelle nahm die „Rote Sau“ mit der Startnummer 1 auf. Doch ein defektes Differential verhinderte, dass die Piloten Hans Heyer und Thomas Betzler die Zielflagge sahen. Den Schlusspunkt der Motorsportkarriere des SEL setzte der Start bei der Tour de France Automobile. Parallel dazu rüstete AMG einen McLaren M8F mit dem V8 aus und erkundete, ebenfalls mit Hans Heyer im Cockpit, in der Interserie neues Terrain.

Das Original gilt als verschollen!

Doch dieses Projekt verfolgte AMG nicht weiter. Zudem zwang eine Regeländerung den AMG in den Ruhestand. Denn die FISA begrenzte den Hubraum im Tourenwagensport auf maximal fünf Liter. Das zog dem Mercedes-Benz 300 SEL 6.8 den Boden unter den Rädern weg. AMG verkaufte den Rennwagen vermutlich an Aérospatiale-Matra. Der französische Luftfahrtkonzern nutzte den Rennwagen, um Reifen für den Airbus A300 zu testen. Schon in den 1980er-Jahren galt die „Rote Sau“ als verschollen. Alle Fahrzeuge, die heute auf Messen stehen und wie die Rote Sau aussehen, sind Nachbauten. Sie stammen meistens von Arthur Bechtel Classic Motors aus Böblingen.

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