von Fabian P. Wiedl und Tom Schwede am 28.04.2026

Ein Team für ein Jahr und für die Ewigkeit: Brawn GP in Goodwood

Manche Geschichten sind zu gut, um wahr zu sein. Brawn GP ist so eine. 2009 entstand aus einem Aus ein Weltmeisterteam. In Goodwood lebte dieses außergewöhnliche Kapitel der Motorsport-Geschichte wieder auf.

Brawn GP in Goodwood

Ein Jahr, zwei Titel: Die unglaubliche Geschichte von Brawn GP – vom Honda-Aus zum Weltmeisterteam. Beim Goodwood Members’ Meeting kehrte das Wunder von 2009 zurück. Erstmals seit langem waren alle drei von Brawn gebauten Chassis an einem Ort zusammen (Foto: Michael Peter Whiteley).

Die letzten drei Wochen hatten es in sich. Erst die Oldtimer-Trackdays in Oscherleben, bei denen ich die Frühzündung moderieren durfte. Benzingeruch, frühe Startzeiten, ehrliche Autos. Genau die richtige Einstimmung für die kommenden Wochenenden. Eine Woche später folgte das Goodwood Members’ Meeting. Drei Tage Livestream, drei Tage Dauerfeuer für unser Blogteam. Kaum Zeit zum Durchatmen, dafür jede Menge Material, das eigentlich mehr als nur einen Artikel verdient hätte.

Und schließlich am vergangenen Wochenende der Monaco Historic Grand Prix. Unfassbar, was dort für Autos zurück auf die Strecke kehren. Allein 26 Formel-1-Fahrzeuge der Baujahre 1981 bis 1985 – teilweise mit Turbomotoren und fast alle mit den mächtigen Flügeln, die damals üblich waren. In den anderen Gruppen sah es ähnlich aus. Das war Sex auf Rädern, ein fahrendes Geschichtsbuch, das nichts zum Lesen bot, dafür aber mächtig brüllte.

Der Anfang von Brawn GP lag bei Tyrrell!

Bei so vielen Highlights leidet zwangsläufig das Blog. Nicht aus Mangel an Themen, sondern aus Überfluss. Man müsste sich eigentlich vervielfältigen, um allem gerecht zu werden. Und doch gibt es diese Momente, die herausstechen. Einer davon war das „Comeback“ von Brawn GP beim Goodwood Members' Meeting. Denn die Geschichte von Brawn GP ist so unwahrscheinlich, dass sie selbst im Motorsport selten ist. Und sie begann auch nicht erst im Winter 2008 / 2009, sondern Jahrzehnte früher bei Tyrrell Racing.

Tyrrell war eines der klassischen britischen Garagenteams – im wahrsten Sinne, wie die inzwischen vom ehemaligen Teamsitz in Ockham nach Goodwood umgezogene Garage des Teams belegt. Trotzdem gewann das Team mit Jackie Stewart drei Fahrer-Titel (1969 mit Matra sowie 1971 und 1973 mit Eigenkonstruktionen) und eine Konstrukteurs-WM (1971). Später setzte Teamchef Ken Tyrrell vor allem auf Grand Prix-Einsteiger wie Patrick Depailler (1972), Didier Pironi (1978), Michele Alboreto (1981) oder Stefan Bellof (1984).

BAR und Honda fuhren den eigenen Ansprüchen hinterher!

Den letzten Sieg fuhr 1983 Michele Alboreto ein. Ein Jahr später suchte Tyrrell sein Heil in untergewichtigen Autos. Als der Betrug auffiel, schloss die FISA Tyrrell aus der Formel-1-Weltmeisterschaft aus. Zeitweise hatte Tyrrell kaum Sponsoren, trotzdem ging es bis 1997 weiter. Dann übernahm der Zigarettenhersteller BAT das Team, um es nach einem Übergangsjahr – mit Chassis von Reynard – als British American Racing (BAR) weiterzuführen.

Brawn BGP 001

Der Brawn BGP 001 dominierte 2009 von Beginn an die Formel 1-Weltmeisterschaft – auch wenn andere Teams aufholten, am Ende gingen beide Titel an Brawn GP (Foto: Michael Peter Whiteley).

Nach der Insolvenz von Reynard übernahm das Team das Werk des Herstellers in Brackley. Doch BAR fuhr sechs Jahre den eigenen Ansprüchen hinterher, dann übernahm Honda das Team, um es als Werksteam zu führen. Schon Ende 2008 zog Honda die Reißleine. Finanzkrise. Ausstieg. Das Team stand vor dem Aus. Und genau in diesem Moment begann die eigentliche Geschichte.

Vom Nobody zum Weltmeister – in einem Winter

Schon 2007 verpflichtete Honda Ross Brawn als Team Principal (Teamchef). Wobei der Brite kein reiner Manager war. Brawn kam aus der Technik und gewann mit Benetton und Ferrari mehrere WM-Titel. Entsprechend tief griff der Brite in die Entwicklung ein. Als Brawn zu Honda kam, fuhr das Team sportlich im Niemandsland. Es war Brawn, der verantwortete, dass Honda seinen Fokus früh auf das komplett neue Reglement 2009 legte.

Während fast alle Teams noch Ressourcen in die Saison 2008 steckten, ließ Brawn früh am 2009er Auto arbeiten. In dieser Phase entstand der entscheidende Vorteil: Der Doppeldiffusor. Er war kein Zufall, sondern Ergebnis der von Brawn gesteuerten Priorisierung. Die Interpretation der neuen Aerodynamikregeln brachte dem Team einen Performance-Sprung, den andere zunächst nicht verstanden. Doch Honda stieg aus, als das Team erstmals ein überragendes Auto hatte.

Ein Kniff, der die Weltmeisterschaft entschied

Als Honda ausstieg, übernahm Ross Brawn den Rennstall für einen symbolischen Betrag und landete einen der spektakulärsten Überraschungscoups der Formel-1-Geschichte. Weil Honda es mit dem Rückzug ernst meinte, zog der japanische Autobauer auch seine Motoren zurück. Mercedes-Benz sprang ein, in einem Kraftakt rüstete das Team den „Honda“ auf Mercedes-Triebwerke um: Fertig war der Brawn BGP 001, der zu Beginn der Saison 2009 drückend überlegen war.

Brawn BGP 001

Geheimnis des Erfolg war die Aerodynamik – das Team fand einen Kniff, den die Kontrahenten nicht sofort kopieren konnten (Foto: Michael Peter Whiteley).

Sechs Siege in den ersten sieben Rennen für Jenson Button, das war eine Dominanz, wie man sie selbst in der Formel 1 selten sieht. Doch wie so oft holte der Rest des Felds auf. Teams wie Red Bull Racing verstanden das Konzept, entwickelten ihre Autos weiter und verkürzten den Abstand. Die zweite Saisonhälfte gehörte nicht mehr allein Brawn GP. Aber der Vorsprung war groß genug. Button wurde Weltmeister. Und Brawn GP blieb das einzige Team der Formel-1-Geschichte, das in seiner einzigen Saison beide Titel gewann.

Goodwood: Wenn Geschichte wieder fährt

Genau deshalb war der Auftritt in Goodwood mehr als nur ein Showrun. Wenn ein Brawn GP auf der Rundstrecke von Goodwood unterwegs ist, dann ist das die Erinnerung daran, dass im Motorsport manchmal tatsächlich alles möglich ist.

  • Ein Team, das es eigentlich nicht mehr geben sollte.
  • Ein Auto, das eine Regelinterpretation perfektionierte.
  • Und eine Saison, die in wenigen Monaten Geschichte schrieb.

Und dann? Der lange Weg zurück

Am Ende des Jahres 2009 übernahm Mercedes-Benz das Team. Was heute wie der Beginn einer Dominanz wirkt, war zunächst ein mühsamer Neuaufbau. Erst Jahre später mit der Hybrid-Ära wurde daraus wieder ein Siegerteam. Dass der Ursprung dieses Erfolgs ausgerechnet ein improvisiertes Übergangsteam war, macht die Geschichte von Brawn GP bis heute so besonders. Und genau deshalb bleibt Brawn GP bis heute ein Ausnahmefall.


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